Unmythisches Frauengekicke

SPORTPLATZ "Sie sind 19 Jahre jung, hat Ihnen da das Wetter etwas ausgemacht?" Rolf Töpperwien, Fußballexperte des ZDF, sollte mit Jennifer Meier, Spielerin des ...

"Sie sind 19 Jahre jung, hat Ihnen da das Wetter etwas ausgemacht?" Rolf Töpperwien, Fußballexperte des ZDF, sollte mit Jennifer Meier, Spielerin des deutschen Pokalsiegers 1. FFC Frankfurt, ein Interview führen, und weil er nicht wusste, was man von einer fußballspielenden Frau eigentlich wissen will, ihn selbst interessiert diesbezüglich eher gar nichts, hat er's gleichmal mit einer Frage nach dem Zusammenhang von Alter und Wetter versucht, was ja immer ein ergiebiges Thema sein kann. Frau Meier aber sprach ähnlich uninteressiert wie ihr fragender Mikrofonhalter, dass sie bei jedem Wetter Fußball spiele und beendete alsbald ihren Satz. Der arme Töpperwien, den immer noch niemand vom Sender nahm, stellte die nächste seiner gefürchteten Fragen. Sie, Jenny Meier, trüge ja immer einen Glücksbringer mit sich, ob sie das dem Publikum nicht mal erläutern wolle. Frau Meier sagte, ja, früher habe sie unter ihren Schienbeinschonern einen Pfennig versteckt, aber heute, fürs Pokalfinale, habe sie neue Schienbeinschoner benutzt, keinen Pfennig rein getan und dennoch habe sie ja ein Tor gemacht und ihr Team habe ja auch gewonnen. Das hätte Jennifer Meier nicht sagen dürfen. Und hätte sie nicht an jenem Samstagnachmittag im Berliner Olympiastadion Fußball gespielt, sondern sich die ZDF-Übertragung des Frauenfinales angeschaut, hätte sie wahrscheinlich auch bemerkt, dass man nicht ungestraft die männliche Mythenwelt des Fußballs ignorieren darf. Mitten während des Frauenfinales zwischen den SF Siegen und dem 1. FFC Frankfurt (1:2) betraten die Schiedsrichter des Männerfinales zwischen Werder Bremen und Bayern München (0:3) das Stadion und schauten sich den Rasen an. Die Kamera verweilte bei dem Trio, das den mythischen Akt des Rasenzustandprüfens vollzog, der bei einer Außentemperatur von 28 Grad Celsius und wolkenlos blauem Himmel zwar ziemlich überflüssig war, aber doch auf das Wesentliche des Fußballs verwies: die kleinen und großen Mythen. Der Rasen ist heilig, der Schiedsrichter ist wie ein Hohepriester, der durch Handauflagen das kurzgeschnittene Gras segnet. Die Spieler (gemeint sind immer nur die Akteure des Männerfinals), deren Eintreffen per Bus vom ZDF zunächst vom Hubschrauber aus gefilmt wurde, und deren Bus dann beim Einfahren in einen tunnelartigen Stadionschacht gezeigt wurde, stiegen dann aus, gingen konzentriert in Richtung ihrer Kabinen. Dort zogen sie sich um, machten letzte rituelle Handlungen - in der Kabine des SV Werder Bremens war etwa die Kopie des DFB-Pokals, um den ja gekämpft wurde, abgestellt - und trotteten durch einen dunklen Gang in die Arena, wo sie von 76.000 Fans jubelnd begrüßt wurden. Auf dem Rasen stellten sich die Bremer in einen Kreis, beugten sich hinunter und motivierten sich letztmals. Jeder einzelne Spieler hatte die letzte rituelle Tat bereit: Ein Kreuzzeichen, das Anziehen erst des linken und dann des rechten Schuhs, das Betreten des Stadions als letzter, oder auch das Verstecken eines Pfennigs unter den Schienbeinschonern. Diese kleinen mythischen Gesten gehören zum Fußball, machen ihn groß und schön und helfen ihm, diese Macht zu erringen, die in dieser Welt nicht die Musik, nicht die Literatur und auch nur in Ausnahmefällen Religion oder Politik besitzen. Im Fußball - und das ist in dieser bis ins kleinste entfalteten rituellen Bedeutung bislang nur der Männerfußball - drücken sich der Glaube an die sehr weitreichende Potenz des Einzelnen, die Vervielfachung seiner Macht im Kollektiv und die Beschränkung seiner Fähigkeiten durch die Existenz von Göttern aus. Dieses archaische Element, das sich immer dann als modern erweist, wenn man mal wieder einen "I love you" genannten Computervirus aktiviert hat und die Moderne verflucht, macht die Größe des Fußballs aus. Jennifer Meier, die durch bloßes Weglassen des Glückspfennigs und der Frechheit, dennoch ein Tor geschossen zu haben, diese Bedeutung des Fußball ignoriert hat, darf sich nicht wundern, wenn im Gegenzug ihr Sport nicht ernst genommen wird. Rolf Töpperwien hatte nach seinem gelungenen Gespräch mit ihr noch den Manager und die Trainerin des 1. FFC Frankfurt vorm Mikrofon, und als er dies endlich hinter sich gebracht hatte, musste es einfach aus ihm raus: "Auf Wiedersehen - und schauen Sie sich das Hauptspiel an!"

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