An der Dalai-Lama-Straße

Ungarn Kein anderer EU-Staat öffnet sich so weit gegenüber Peking. In Budapest regt sich Widerstand
Protest gegen eine Filiale der chinesischen Fudan-Universität in der Budapester „Dalai-Lama-Straße“
Protest gegen eine Filiale der chinesischen Fudan-Universität in der Budapester „Dalai-Lama-Straße“

Foto: Est&Ost/IMAGO

„In der Weltökonomie weht der Wind von Osten her“, stellte der mit Zweidrittelmehrheit regierende Premier Viktor Orbán fest und kündigte eine einzigartige Bildungskooperation an: Die Schanghaier Eliteuniversität Fudan soll eine vollwertige Filiale in Budapest erhalten. Der Kredit für das 1,5 Milliarden Euro teure Leuchtturm-Projekt kommt aus China, der Bauherr CSCEC auch. Die Opposition, die sich nach drei krachend verlorenen Wahlen zu einem Block aus Parteien von grünprogressiv bis postfaschistisch vereinigt hat, läuft dagegen Sturm und holt zu medienwirksamen Aktionen aus. Da sie in Budapest regiert, benannte die Opposition Straßen auf dem Baugelände um. Seither gibt es an der Donau eine „Dalai-Lama-Straße“ und eine „Bischof-Xie-Shiguang-Straße“.

Ich habe einen Termin im Rathaus des IX. Budapester Bezirks Ferencváros. Die neue Bezirksbürgermeisterin Krisztina Baranyi hat sich den Coup mit den Straßennamen ausgedacht. Die nach dem 28 Jahre lang inhaftierten Bischof Xie Shiguang benannte Strecke war eine Facebook-Idee, inzwischen treibt Budapests neuer Oberbürgermeister Gergely Karácsony die Anti-Fudan-Kampagne voran. Das Thema eignet sich zur Profilierung in einem größeren Spiel, da das Anti-Orbán-Lager gerade in landesweiten Vorwahlen seinen Bewerber für die Wahl 2022 bestimmt. Und Karácsony ist ein aussichtsreicher Kandidat.

Ich komme vom Zentrum her über die jugendliche Lokalmeile Ráday utca und sehe Karácsony-Plakate sowie Wahlstände. In Ferencváros begegnen sich die zweitgrößte Ökonomie der Welt und ein hässlicher Arbeiterbezirk, der wegen seiner Zentrumsnähe gentrifiziert und teuer geworden ist. Es empfängt mich ein Turnschuhträger in zerknautschtem Hemd, János Somlai, Baranyis Kabinettschef, vorher Journalist beim längst Orbáns Fidesz-Partei anheimgefallenen Webportal index.hu. Die Opposition kämpft für das alte, jedoch nie ausfinanzierte Projekt einer „Studentenstadt“ mit 8.000 günstigen Plätzen.

„Wir wollen damit die zu hohen Mieten brechen“, sagt Somlai. „Wir haben einen Deal mit Fidesz gemacht. Eine von Orbáns vielen Manien sind Stadien. Der Deal war, er kriegt ein weiteres Stadion, wir die Studentenstadt.“ Aus Sicht der Opposition hat Orbán den Deal gebrochen, seit die Studentenstadt auf ein Drittel des Geländes reduziert ist und Fudan nun zwei Drittel beansprucht, doch die Grundstücke, die dem Bezirk gehören, liegen nicht auf dem Fudan-Teil. „Das sieht aus, als hätten Sie nicht die besten Karten“, werfe ich ein. Orbáns Hauptgrund für das Projekt sei Geld, glaubt der Kabinettschef. „Beamte in den Ministerien sagen mir, das Ganze sei um 40 Prozent überteuert – die übliche Marge, die Fidesz nimmt, nur die Dimension ist eine ganz andere.“

Eine Tafel im Nirgendwo

Was Somlai weiter stört: „Man öffnet Tausenden IT-Spezialisten und Wissenschaftern unkontrolliert die Tür zur Hauptstadt eines NATO-Landes. Wäre ich ein chinesischer Geheimdienstler, würde ich eine solche Gelegenheit lieben.“ Orbáns Leute seien schon daran gescheitert, in die Lehre von George Soros’ Privatuni CEU einzugreifen, und hätten sie darum aus Budapest vertrieben. „Wenn wir China dazu provozieren könnten, sich zurückzuziehen, wäre das fein“, meint Somlai. „Chinesen mögen keine Skandale.“ Angst, die europäisch-chinesischen Beziehungen zu verderben, hat er nicht.

Das Gelände ist ohne Auto nicht zu erreichen, Somlai ruft mir einen Wagen des Bezirksamts. Der sportliche Fahrer hat auf der linken Hand die Stephanskrone tätowiert, auf der rechten Mamas Geburtstag und weiß von der ganzen Sache nichts. Über Ferencváros rümpft er die Nase, das noble Buda sei „viel besser“. Als wir ankommen, zeigt sich der für die chinesische Universität im Herzen Europas vorgesehene Bauplatz als Brache. Es gibt eine Durchgangsstraße für Trucks, wucherndes Unkraut, eingezäunte Baucontainer für Orbáns schon weit fortgeschrittenes Stadion. Und die „Bischof-Xie-Shiguang-Straße“ ist eine Tafel im Nirgendwo, vor struppigem Gebüsch.

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