Armenische Opposition will Regierungschef stürzen: Auf dem Maidan in Jerewan

Armenien Der armenische Premierminister Ni­ko­la Pa­schin­jan soll endlich für den 2020 gegen Aserbaidschan verlorenen Krieg um Karabach büßen
Polizisten und Oppositionelle treffen bei Protesten vor dem armenischen Außenministerium in der Hauptstadt Jerewan aufeinander
Polizisten und Oppositionelle treffen bei Protesten vor dem armenischen Außenministerium in der Hauptstadt Jerewan aufeinander

Foto: Itar-Tass/IMAGO

An jenem Sonntag Ende Mai hätte Charles Aznavour Geburtstag gehabt, an jenem Sonntag verhandelten in Brüssel Premier Nikola Paschinjan und Präsident Ilham Alijew über einen armenisch-aserbaidschanischen Frieden, also ging ich zum maidanartigen Protestcamp der nationalistischen armenischen Opposition auf die Jerewaner „Place de France“. Paschinjan, der im Herbst 2020 den zweiten Krieg um die von Aserbaidschan abgespaltene Armenier-Republik Bergkarabach verloren hatte, plauderte im April 2022 aus, dass Armenien mit Hinblick auf den künftigen Status von Karabach „die Erwartungen heruntergeschraubt“ habe. Seit 1. Mai suchte die (mehrheitlich verhasste) Opposition den „Verräter“ zu stürzen, mit täglichen Protesten und Verkehrsblockaden im Jerewaner Zentrum. Paschinjan ließ Hunderte Aufwiegler verhaften, darunter die Söhne des Ex-Chefs des von Russland dominierten Militärpakts ODKB und des Ex-Präsidenten Robert Kotscharjan.

Es war sonnig und ein wenig schwül. Der zivile Ungehorsam der „Stop-Nikol“-Bewegung machte am Sonntag Pause, angekündigt waren Debatten über „Armeniens Herausforderungen“. Erklären konnte mir die plötzliche Nachdenklichkeit niemand, der erst im Juni 2021 mit 54 Prozent wiedergewählte Paschinjan saß jedenfalls noch recht fest im Sattel. Karabach-Veteranen, einer im Emporio-Armani-T-Shirt, hockten grimmig vor ihren Zelten. Es wurde Schach gespielt, am Nachmittag füllten sich die weitläufigen Gastro-Terrassen ringsumher. Ein Schallwagen spielte Aznavours Chansons, als erstes La Bohème. Es folgte eine einzige Podiumsdiskussion, aus dem Armenisch eines Soziologen ließ mich folgende Begriffskette aufhorchen: „Democracy Matrix“, „Manipulation“, „Usurpation“, „existenziell“.

Frauen in Nationalschürzen buken gratis „Karabacher Brot“, mit würzigem Grünzeug gefüllte Fladen, das sorgte für etwas Zulauf. Aznavour sang: „Ich tue alles, um zu überleben“. Als neuerlich La Bohème erklang, sprach ich mit einer Luftballon-Blumen-Händlerin am Rand des Platzes. Sie war über 60 und musste noch ihren Sohn miterhalten. Der Teilnehmer des ersten Karabach-Krieges 1992 – 1994 „kann seither nicht arbeiten, weil er nicht schlafen kann“. Sie habe ihn nie gefragt, was er auf dem Schlachtfeld gesehen hatte. Obwohl sie Vertrauen in Paschinjan setzte, „den ersten, der nicht stiehlt“, bekam ihr der Jerewaner Maidan unternehmerisch gut. Hauptsächlich die vielen Putin-kritischen Russen, die nach Jerewan übergesiedelt sind, kauften ihre Blumen.

Russland ist für Armenien der stille Riese im Raum

Ohne kaum je anzuhalten, rannte ein ostasiatisch aussehender Reporter viele Runden durchs Zeltlager. Er war vom russischen Sender RBK, was interessant erschien. Russland ist für Armenien der stille Riese im Raum. Zeichen der Solidarität mit der Ukraine sah ich in Armenien nicht, an armenischen Hotels hingen die Fahnen Russlands und der EU einträchtig nebeneinander, immerhin droht Jerewan ohne Moskaus Friedenskorps auch den Rest von Karabach zu verlieren. Schließlich willigte ein Rauschebärtiger mit weißem Kreuz auf schwarzem Stirntuch ein, RBK ein Interview zu geben: „Diese Trottel tanzen hier, anstatt Armenien zu verteidigen!“ Auf die Frage, ob er „Stop Nikol“ unterstütze, antwortete er: „Nein. Ich bin von Gott.“ Er begann darzulegen, welcher spirituellen Grundlagen es bedarf, um den Tod im Straßenverkehr zu besiegen. RBK nahm Reißaus.

Nach wie vor zog nur das würzige Karabacher Brot. Die Chansons wurden abgedreht, Dancefloor-Pop aufgedreht, Konzertgeher strömten ins angrenzende Opernhaus. „Jeder Zweite auf dem Platz arbeitet für den Geheimdienst“, sagte ein Abseitsstehender, „Paschinjan selbst für den türkischen“. Um unbelauscht reden zu können, führte er mich in eine stille Gasse. „Ich war ein Bandit“, erzählte der misstrauische, um sein Leben fürchtende Kerl, 2020 habe er „drei Monate für die armenische Spionageabwehr gearbeitet“, als Killer von politisch missliebigen Geschäftsleuten. „Alle meine Klienten sind aber wohlgemerkt am Leben.“ Im Oktober 2020 habe er die Behörden gewarnt, dass sein „Vorgesetzter in der Spionageabwehr für den aserbaidschanischen Geheimdienst arbeitet“, ein paar Tage darauf brach der zweite Karabach-Krieg aus. Jener Vorgesetzte sei zwar entfernt worden, laufe aber längst wieder frei herum. „Wir haben den Krieg verloren, weil uns Paschinjan verkauft hat.“ Russland hatte er nichts vorzuwerfen, „sie tun für uns, was sie können“. Asyl wolle er aber doch lieber in der EU.

Auf dem Maidan sang Aznavour inzwischen: „Ich liebe Paris im Monat Mai“. Das war der Moment zu gehen. Die Brüsseler Verhandlungen zwischen Paschinjan und Alijew verliefen offenbar gut. Nach dem ersten Treffen der armenisch-aserbaidschanischen Grenzkommission twitterte EU-Ratspräsident Charles Michel: „Spürbare Fortschritte“.

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