Die Chinesen sind da

EU intim Arbeiten an der Liebe zum "Reich der Mitte", heißt ein Gebot der Stunde für die EU-Kommission in Brüssel, besonders für die Gilde der Dolmetscher

Ein Gespenst geht um in Europa, ein Gespenst namens G2. G2 bedeutet, dass die USA und China zu zweit die Welt regieren, ohne die EU. China macht in der Krise staunen. Ich beginne mich zu fragen: Sollten wir alle Chinesisch lernen?

Eine Brüsseler Dolmetscherin stieß mich auf das Thema. Sie sprach von einem „geheimen Programm“ der EU-Kommission. Die Dolmetscher der Volksrepublik würden nach den selektiven Bedürfnissen ihrer Machthaber übersetzen, deshalb bilde die EU jetzt ihre eigenen Chinesisch-Dolmetscher aus. Vielleicht hätte ich der Dolmetscherin nicht glauben dürfen. Die 500 festen und 2.700 freiberuflichen Dolmetscher stellen im Eurokraten-Tal einen speziellen Stamm dar. Sie sind ein nervöses, unausgeglichenes, ruhebedürftiges Volk. Fachvokabeln von 135.000 Dolmetsch-Tagen jährlich geistern ihnen durch den Kopf.

Ich ging ins Crowne Plaza, zu einem „Policy Dialogue“ EU-China. Angekündigt war bloß der Botschafter Chinas bei der EU, der Andrang erinnerte an die Arche Noah. Um Punkt 10:30 wurde die Saaltür geschlossen, der Diplomat wollte ungestört von Hereinströmenden sprechen. Die Aussperrung angemeldeter Teilnehmer, das fühlte sich wie ein hierarchisches, verzopftes China an. Kurz darauf erlebte ich das dynamische China. Yin Zonghua, Wirtschaftsexperte der Botschaft, bunte Spacebubbles auf der Krawatte, sah wie ein Bürokrat aus. Dann legte er los, in freier Rede, mit dem feurigen Witz eines Handelsvertreters. Er sprach die Zuhörer als „bedeutende Think-Tank-Thinkers“ an. Wie die höflichen Kommissionsbeamten rasselte er Win-Win-Zahlen der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt herunter. „Nehmen Sie meine Zahlen nicht allzu ernst“, schränkte er launig ein, „ich habe erst kürzlich meinen Doktor gemacht.“ Den europäischen Vorwurf, China mache zu viel Dumping und zu wenig Klimaschutz, zerstäubte er mit einem einzigen Witz: „Chinesische Fahrräder können Ihnen beim Erreichen der Klimaziele helfen. Sie kosten auch nur ein Drittel.“ Er schloss mit den Worten: „China heißt willkommen.“ Eine junge Chinesin, Studentin am Europa-Kolleg in Brügge, meldete sich gegen Ende der Veranstaltung zu Wort. Ich hörte sie mehrmals impotence sagen. Impotenz, Impotenz, Impotenz, ich zuckte zusammen. Die chinesische Studentin meinte aber importance.

Ich nahm danach versuchshalber eine Stunde in Chinesisch. Meine Lehrerin war Dinah, eine kleine zierliche Brüsselerin; ihre Augenbrauen waren nur ein kurzer dünner Strich. Sie studierte Chinesisch-Übersetzen, Dolmetschen bot keine Brüsseler Hochschule an. Sie hatte mit 60 Kollegen begonnen, im vierten Jahr waren nur noch 13 übrig. „Die Hälfte gibt auf, weil sie einsehen, dass sie Chinesisch niemals verstehen werden.“ Chinesisch kennt keine Deklination, keine Geschlechter, keine Konjugation, lernte ich, aber fünf Tonhöhen und zehn Zischlaute. Die Schrift erzählt immerhin Geschichten. Eine „Frau“ unter einem „Dach“ bedeutet „Friede“. Mit einer Frau im Haus, so der Gedanke, hat der Mann seinen Frieden.

Dinah hatte vier Jahre wild gebüffelt. Nun erschreckte sie mich mit der Auskunft, dass sie in Europa kaum je einen Job finden würde. Sie hatte ein Semester in China studiert, ihre Berufsperspektiven sah sie dort. „Weil ich Chinesisch kann, wurde ich in China wie eine Prinzessin behandelt. Das war ein großartiges Gefühl.“ Auf nach China, das klang beinahe ansteckend. Einen chinesischen Mann wollte Dinah freilich nicht. Sie wollte lieber einen Briten. „Chinesen sind überhaupt nicht romantisch.“

Ich ging dann in die Chinesisch-Abteilung der EU-Kommission. Eine Deutsche und ein Ire empfingen mich, sie hatten Namensschilder mit chinesischen Schriftzeichen. Ich fragte nach dem geheimen Programm. Das Geheimnis schrumpfte zu einem EU-geförderten China-Semester für bis dahin acht europäische Dolmetsch-Studenten, von denen die meisten durchgefallen waren. Ja, wir sollten Chinesisch lernen. Vorher müssen wir aber noch arbeiten. Arbeiten an unserer Liebe zu China.

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