Transnistrien: Prorussische Separatisten zwischen Moldawien und der Ukraine

Europa/Russland Findet sich hier eines der Kriegsziele der russischen Armee? Eingeklemmt zwischen Moldawien und der Ukraine, halten sich transnistrische Separatisten bedeckt. Die Menschen vor Ort sind in Aufregung. Ein Besuch
Transnistrischer Posten an der Grenze zu Moldawien: Warnstufe Rot, Fake News und russische „Friedenstruppen“
Transnistrischer Posten an der Grenze zu Moldawien: Warnstufe Rot, Fake News und russische „Friedenstruppen“

Foto: Daniel Mihailescu/AFP/Getty Images

Als es erstmals im prorussischen Transnistrien krachte, fuhr ich zufällig gerade hin. Einige Propagandisten des Kreml sagen offen, dass die Vereinigung mit dem 1992 blutig von Moldawien abgespaltenen Landstreifen ein Kriegsziel darstellt. Da die russische Armee aber noch weit hinter Odessa steht, halten sich die zwischen Moldawien und der Ukraine eingeklemmten Separatisten seit dem 24. Februar bedeckt.

Ich fuhr nach Varnița, einen offiziell von Moldawien kontrollierten Vorort der transnistrischen Grenzstadt Bender, der aber mittels Pässen, Renten, Arbeitsplätzen und Autokennzeichen nach Transnistrien orientiert ist. Nach 1709 – nach dem Sieg Peters des Großen über den schwedischen König Karl XII. – ließ sich der Rest der schwedischen Armee in Varnița nieder. Schweden entsagte nach der verlorenen Schlacht von Poltawa seiner imperialen Ambition und wurde ein prosperierender Nationalstaat. Der frisch exilierte russische Autor Michail Sygar meint, dass Putin sein Poltawa bräuchte, damit auch Russland von imperialen Komplexen geheilt wird.

Schüsse aufs leere Ministerium

Als ich anreiste, wurde zufällig gerade das (leere) Tiraspoler „Ministerium für Staatssicherheit“ beschossen, wurden in Grigoriopol zwei russische Radiomasten gesprengt, wurde das 20.000-Tonnen-Munitionsdepot in Cobasna von Drohnen anvisiert. Ich hielt in Comrat, der Hauptstadt der ebenfalls leidenschaftlich russophilen Teilrepublik Gagausien. Die Aufregung war zum Schneiden. Ein zartblau-taubengrau gewandeter Elegant saß telefonierend auf einer Parkbank: „Jetzt besetzen Moldawien und die Ukraine Transnistrien, Krasnoselskij hat uns gerade zu Hilfe gerufen.“ Tatsächlich hatte der transnistrische „Präsident“ Vadim Krasnoselskij soeben Warnstufe Rot verhängt, alle Kinder in Distanzunterricht geschickt und die geliebte Siegesparade am 9. Mai abgesagt.

Moldawische Zöllnerinnen hatten behauptet, Transnistrien sei seit dem 24. Februar zu, das konnte aber nicht stimmen, die Verkehrsströme in Grenznähe waren massiv. Ich erkundigte mich in der zuständigen Kreisstadt Anenii Noi, wie ich unbehelligt nach Varnița käme. Der schwer parfümierte Vize-Landrat – er hielt die Explosionen drüben für eine russische Provokation – riet mir lachend: „Überhaupt kein Problem. Wenn dich die russischen Friedenstruppen fragen, wo du hinwillst, sag Bürgermeister Nikotenko.“ Beim Ausdruck „russische Friedenstruppen“ wurden meine Finger feucht.

Tatsächlich standen vor der Abzweigung nach Varnița einige russische Soldaten. Da sie gerade ein ukrainisches Paar kontrollierten, ließen sie mich unbeachtet passieren. Die Anhöhe über Varnița eröffnete ein Panorama auf die ganze transnistrische Zentralagglomeration, auf die Junkie-Plattenbauten von Bender, die Sheriff-Stadien, die Hauptstadt Tiraspol, den Dnister. Die Tiraspoler Explosionen waren hier angeblich zu hören gewesen.

Varnița war 1711 – 1713 „Neu-Stockholm“ gewesen, Karl XII. hatte von hier mit Kurieren regiert, und ein europäisches CHOICE-Projekt hatte mit schwedischen Kronen gemeinsame Gedenkkultur gefördert. Hinter einem grünen Zaun fand ich eine freigelegte Grundfeste des schwedischen Lagers, das büstenlose Denkmal für Karl XII., viel auffälliger war aber eine Tafel für Iwan Masepa positioniert. Nanu, der ukrainische Kosaken-Hetman, 1709 hier gestorben? Es traf sich gut, dass außen am Zaun eben eine Ukrainerin vorbeiging, eine Geflüchtete aus dem Gebiet Sumy, Krebspatientin in Morgenmantel und eng anliegender Haube. Ihre im Ausland lebenden Varnițer Freunde ließen sie gratis im anliegenden Häuschen wohnen. Den Text der Masepa-Tafel hatte sie sich noch nie durchgelesen. Sie erzählte: „Irgendwelche Schweden wollten das Häuschen oder auch die Brache daneben kaufen, niemand will aber verkaufen.“

Fake News in Transnistrien: Antrag auf EU-Beitritt, Generalmobilmachung

Es dämmerte. Dort, wo Varnița in Bender übergeht, hatte sich ein langer Grenzstau gebildet. An drei Holztischen im Freien saßen junge Pendler und knabberten Samensnacks. Zwei von ihnen, abgefüllt mit transnistrischem Cognac, Kvint, luden mich zu sich. Der eine hieß so ähnlich wie Grubohradski, hatte polnische Vorfahren, sprach aber kein Polnisch, der andere hieß so ähnlich wie Fürsorger, war deutscher Nationalität, sprach aber kein Deutsch. Sie waren Transnistrier und fanden „Russlands Sache in der Ukraine richtig“. Grubohradski verwechselte zwar NATO und UNO, auch so war ihm aber klar, dass „uns jetzt die ganze Welt in die Mangel nimmt, sie ficken uns von hinten und von vorne durch“. Die Explosionen hielten sie für einen Angriff der Ukraine. Ich holte dazu aus, mit ihnen mögliche Parallelen von schwedischem und russischem Imperialismus zu diskutieren. Daraus wurde leider nichts.

Mir war in diesem Moment nicht bekannt, in welchem Ausmaß Transnistrier an jenem Tag durch Fake News verstört wurden: Die gehackte Seite des Obersten Sowjets verkündete Transnistriens Antrag auf EU-Beitritt, andere Kanäle die Generalmobilmachung oder die sofortige Evakuierung. Später am Abend sollte ich in Anenii Noi hören, dass viele die Gerüchte glaubten, „in Transnistrien ist Krieg“, einige sprangen spontan ins Auto und flohen nach Moldawien. Ich machte im Gespräch beim Grenzstau den Fehler, mein Nachrichtenwissen über die Tiraspoler Explosion etwas zu genau wiederzugeben. Fürsorger hielt mich plötzlich für einen westlichen Diversanten und fragte Grubohradski in einem Schwall von Mutterflüchen, ob sie nicht gut daran täten, mich umzubringen. Er presste hervor: „Verfick dich, sonst ...“ Dann sprang er auf.

Ich überlegte nicht, stieg aufs Gas und fuhr ohne anzuhalten aus Neu-Stockholm raus. Auch bei der Ausfahrt beachteten mich die russischen Friedenstruppen nicht. Das lag wohl an den streunenden Hunden, die bei den zahlreichen Kontrollposten lebten, sie hatten Nachwuchs gekriegt. Ein Welpe hoppelte auf die Straße, ein junger russischer Soldat hob ihn auf und brachte ihn in Sicherheit. Er wirkte sehr fürsorglich dabei.

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