Einer könnte ihr Mörder sein

Slowakei/Österreich Vom Tod einer 24-Stunden-Pflegekraft

Es war letztlich ein Beruf und ein Ortsname, der mich in den Fall Denisa Soltísová hineingezogen hat. Als Österreicher, der in der Slowakei lebt, las ich von einer jungen Slowakin, die man tot in einem österreichischen Fluss fand.

Denisa Soltísova starb im Januar. Die oberösterreichische Polizei schloss den rätselhaften Fall sofort ab, ohne Obduktion, als Selbstmord. Die danach in der Slowakei durchgeführte Obduktion ergab Spuren von Gewaltanwendung. Das war im Februar, seither besteht Verdacht auf Mord. "Vor ihrem Tod wollte man sie vergewaltigen!", titelte die größte slowakische Zeitung.

Nebenan herrscht Stille. Der Name Denisa Soltísova kam in österreichischen Medien noch nie vor, und bis auf die lieblose Notiz eines Regionalblattes, die von einer namenlosen slowakischen Selbstmörderin handelte, hat sich in Österreich keiner interessiert.

Die Stille verwundert, übte doch die Verstorbene in den letzten anderthalb Jahren ihres Lebens einen Beruf aus, der zu einem höchst empfindlichen Thema führt: Soltísova war eine von 40.000 meist illegalen, meist slowakischen Pflegerinnen, die in Haushalten meist gut situierter Österreicher "24-Stunden-Pflege" leisten.

Zuletzt gesehen in einer Winternacht

Das Thema trug bereits zum Sturz eines Kanzlers bei. 2006 hatte Wolfgang Schüssel erklärt, es gebe in Österreich "keinen Pflegenotstand". Als im Wahlkampf bekannt wurde, dass die Schwiegermutter des Kanzlers von einer Slowakin für zwei Euro pro Stunde gepflegt worden war, beschleunigte das die Abwahl des Kanzlers.

Da ich noch nie über einen Kriminalfall geschrieben habe, hielt ich mich nicht für den Richtigen. Dann fiel mein Blick auf den Heimatort der Toten: Ratkovská Lehota. Ein 70-Seelen-Dorf in der südlichen Mittelslowakei, Region Gemer, die für eine hohe Arbeitslosenrate steht, für Abwanderung und einen Roma-Anteil von 25 Prozent.

Man kann Ratkovská Lehota unmöglich kennen, das europäische Autobahnnetz ist in jeder Richtung hundert Kilometer entfernt, doch war ich eben erst durchgefahren. Auch wenn es unpassend klingt, ich hatte mich diesen Sommer in Gemer verliebt, besonders in das kleine Hochland zwischen Revúca und Rimavská Sobota, nur über langwierige Serpentinen zu erreichen. Verliebt in ein altes Land aus Laubwäldern und Bachtälern, in alte Dörfer mit 50-jährigen Ladenaufschriften und freistehendem Glockenturm und hundertjährigen Häusern, in die knorrigen Gesichter der Fußgänger.

Was ich auf zwei sehr beschaulichen Hochland-Fahrten wahrnahm, war nicht die landesübliche Dualität von slowakischem Dorf und separierten Roma-Ghetto, sondern ein altertümlicher, bukolischer, vor den Augen der Welt verborgener Roma-Staat. An dessen Armut bestand kein Zweifel, manches Haus verfiel, Wirtschaftsleben war nirgends, und ich sah Kinder auf dem rostigen Eisenboden einer Bachbrücke Teppiche waschen.

Doch schien mir, als hätten seit jeher nur die langsam wandernden Roma in das unaufgeregte Hochland gehört, als hätten sie in den Dörfern immer schon die Mehrheit gestellt, als würden sie dort freier und würdiger als anderswo atmen. Ratkovská Lehota liegt mittendrin.

Nun trat ich eine andere Reise an, die Route der weißen 29-jährigen Hochschulabsolventin Denisa Soltísová, zuletzt wohnhaft in einer mittelslowakischen Kreisstadt, zuletzt gesehen in der Winternacht vom 19. Januar, als sie durch eine oberörsterreichische Kreisstadt irrte, in Unterwäsche und ohne Schuhe.

Erfrierungen an den Knien

Am Anfang hatte ich nur den Namen des Orts und der Familie. Ich nahm Bahn und Bus und kam nach einer Nachtfahrt im nächsten größeren Dorf an, in Ratková. Ein sonniger Sommermorgen, ich wollte nach Ratkovská Lehota wandern, dorthin fuhr kein Bus. Der junger Kellner trat gerade aus der Dorfkneipe, sie hatten durchgefeiert, er lud mich zum Frühstück ins Elternhaus.

Meine Gastgeber waren alteingesessene Roma, sie legten Wert auf ihren spanischen Gitano-Namen, zeigten mir stolz ihre pastell-pompös eingerichteten Schlafzimmer. Ich begriff, dass ich mir den Roma-Staat dort oben zu romantisch gedacht hatte. Ein Gut­teil von Ratkovás Roma sind erst kürzlich zugezogen, erfuhr ich, und die Zugezogenen seien "Degeschi". Die seien schmutzig, erklärten mir meine Gastgeber, man würde nicht mit ihnen reden.

Verblüfft lernte ich, dass die zur slowakischen Nationalbeschäftigung gewordene Immobilienspekulation selbst die "Degeschi" ergriffen hat, die als "Hunde-Esser" gebrandmarkte Unterkaste am Bodengrund der Gesellschaft. Während Plattenbau-Wohnungern in Bratislava seit der Privatisierung das Fünfzigfache an Wert gewannen, kippten Gemer-Dörfer wie Ratková ab einem gewissen Punkt aus dem Immobilienmarkt heraus. Nirgends mehr annonciert, sind die hübschen Häuschen mit Gánok für 3.000 Euro zu haben. Die großen Degeschi-Familien verkaufen ihre Stadtwohnungen in der Ostslowakei, kaufen in Ratková und leben von der Preisdifferenz.

Ein Rom aus Ratková brachte mich für Benzingeld nach Ratkovská Lehota, in seinem alten Skoda. Die Roma wussten, wo die unglückliche Familie Soltís wohnt, "die haben ein großes Haus". Wir hielten direkt davor. Ich kam unangekündigt, Herr Soltís stand vor dem Gartenzaun. Ich stellte mich auf Slowakisch vor: "Ich bin ein österreichischer Journalist. Sie wissen bestimmt, warum ich komme." Als hätte er mich seit Monaten erwartet, führte er mich ins Haus.

Im Wohnzimmer hingen zahlreiche Geweihe, denn Herr Soltís hatte gejagt, als Förster in einem Staatsforst. Später war er selbstständiger Holzhändler - wegen eines schweren Beinleidens ist er pensioniert.

Im Wohnzimmer standen und hingen mehrere Fotos der Tochter. Herr Soltís schleppte sich an seinen Computer, hochgerüstet für die Aufklärung dessen, was Familie Soltís Mord nennt. Laut Obduktionsbericht wurden in Denisas Körper mehrere Medikamente gegen Krankheiten gefunden, an denen sie nicht litt, und laut Obduktionsbericht kann die Kombination der Mittel erklären, warum die Verstorbene in der letzten Woche ihres Lebens verwirrt und desorientiert war. "Jemand muss ihr die Medikamente dort zugeführt haben", sagte ihr Vater, "eines der Mittel ist in der Slowakei gar nicht erhältlich."

Er wies auf weitere Ungereimtheiten hin: Jemand müsse ihr die Ohrringe abgenommen haben, jemand müsse ihr auf einer Kopfseite die Haare abgeschnitten haben. Frau Soltís, mit tiefe Kerben unter den Augen, entfloh dem Gespräch immer wieder. Einmal sagte sie: "Sie hatte starke Erfrierungen an den Knien. Sie hat stundenlang knien müssen."

Die Tochter habe diesen Job nicht gebraucht, erzählten die El­tern. Sie habe in Österreich nur ihr Deutsch verbessern wollen. Es sei ihr letzter 14-Tage-Turnus gewesen, sie habe danach zurückkehren wollen. Noch einen Tag vor ihrem Verschwinden habe sie den Vater angerufen.

Das Gespräch dauerte drei Stunden, es wurde immer bedrückender. "Wir spüren sie hier", sagten die Eltern, "sie ist hier, weil sie nicht gehen wollte." In der Winternacht, als man Denisa in Unterwäsche durch die oberösterreichische Kreisstadt irren ließ, "muss sich etwas abgespielt haben", sagte die Mutter. "Sie muss nach Hause gelaufen sein."

Die Familie, bei der Denisa wohnte und arbeitete, habe nicht einmal Beileid bekundet, sagte der Vater. "Sie haben sich nie bei uns gemeldet, nie, nie, nie." Die Mutter meinte über die österreichischen Behörden: "Sie haben sie in einen Sack gesteckt, ist ja nur eine Slowakin, Fall abgeschlossen, Selbstmord."

20 Euro für Grabblumen

Vor meiner Fahrt nach Oberösterreich studierte ich den Obduktionsreport. Der Tod war durch Ertrinken eingetreten. Der Rest las sich auch für den Laien klar: "Die Gewalt muss von größere Intensität gewesen sein."

Der Gerichtsmediziner Dr. Jozef Krajcovic erklärte, dass Blutergüsse an den Unterarmen und Schenkeln "von mechanischer Gewalt durch eine andere Personen zeugen". Die Blutergüsse seien am wahrscheinlichsten unmittelbar vor dem Tod entstanden. Wenn auch die Sexualorgane keine offensichtliche Verletzungen aufwiesen, "bilden die Blutergüsse von der Innenseite der Schenkel deutlich ein sexuelles Motiv nach, durch den Druck von Fingern und Auseinanderziehen der Schenkel".

Ich rief die Polizei an, die den Fall als Selbstmord abgeschlossen hatte. Durch die slowakische Obduktion erzwungen, hatte die oberösterreichische Staatsanwaltschaft am 27. März neue Erhebungen angeordnet. Die Polizei wartete noch auf den vollständigen Obduktionsbericht. Ich fragte, ob man in der Zwischenzeit den Gewalttäter sucht. Ich hörte, der Erhebungsauftrag sei "allgemein".

Ich fuhr mit dem Auto in die oberösterreichische Kreisstadt. Alles Autobahn, im Umland sprießende Hallen und üppige Einfamilienhäuser, alles neu und reich. Niemand kannte die Straße der Familie, bei der Denisa Soltísová 24-Stunden-Pflegekraft war, aber den Familiennamen kannte jeder. "Ah, zum Herrn Primar", sagten die Klosterschwestern. "Ah, zum Herrn Doktor", sagten die Nachbarn.

Ich war in meinem Land, in meinem Dialekt, und doch war ich überzeugt, dass man mir die Tür vor der Nase zuschlagen würde. Man ließ mich aber ein. Gleich die erste Auskunft weckte Zweifel, ob die Polizei nun endlich einen möglichen Mörder sucht. "Erst vor ein paar Tagen war die Polizei da", sagte die Frau des Hauses, "er hat was von Kokain gesagt!" Sie kannte den Ermittler bereits. Es war derselbe, der den Fall im Winter schloss.

Ich begann den Respekt zu verstehen, den die Familie in der Klein­stadt genießt. Das Haus war groß, ohne dass es von außen groß wirken würde, und die Familie schien großzügig. In der einstigen Ordination wohnte eine Flüchtlingsfamilie aus Bosnien, gratis. Die slowakische Pflegerin, die gerade frei hatte, urlaubte auf dem Bergbauernhof der Familie.

Im Vorhaus hingen Geweihe, der Primar hatte früher gejagt. Obwohl sicherlich teurer, unterschied sich die schlichte Gediegenheit der Einrichtung wenig vom Haus der Familie Soltís. Wir sprachen im geräumigen Wohnzimmer, mit Blick auf den Nebenraum, mit Blick auf den bettlägrigen Pflegefall, den 91-jährigen Primar.

Er lag da, weil ihm seine 85-jährige Frau versprochen hatte, dass er zuhause sterben kann. "Diese Ver­pflich­­tung bin ich ein­gegangen, das muss ich durchstehen." Sie beklagte, dass ihr Mann nicht mehr kämpft. "Er leidet da­run­ter, dass er nichts mehr lei­­sten kann, und er will nicht mehr."

Die Frau des Hauses war fast blind, aber agil und entschieden, wortgewandt, witzig. Ihre bläulich getönte Frisur saß perfekt, sie rauchte Zigaretten. Sie lobte überschwänglich ihre slowakischen Pflegerinnen. "Als hätte ich eine Enkelin verloren", so sei der Tod von Denisa für sie gewesen. Die habe nicht verkraftet, dass ihr slowakischer Freund sie verlassen habe. Es sei ihr neu, dass Denisa weggehen wollte.

Denisa sei "ganz a liabs Dirndl" gewesen, vor allem habe sie "Kinderstube gehabt". Ich fragte die Frau, warum sie der Familie Soltís nicht kondoliert habe. Daran habe sie gar nicht gedacht, antwortete sie und gab Gerüchte wieder, die über die Soltís im Umlauf seien: Denisas Mutter sei angeblich Alkoholikerin, der Vater Versicherungsmakler mit finanziellen Sorgen. Er wittere in der Sache vielleicht Geld, und die Eltern seien wohl getrennt. Ich stellte ein paar Sachen richtig. Um meine Kinderstube zu beweisen, fragte ich die alte Dame nicht, ob getrennte Eltern weniger Anspruch auf Beileid hätten. Denisas Nachfolgerin - auch aus Gemer und vielleicht eine Romni - sprang ihrer Arbeitgeberin bei. Die alte Dame habe der Kollegin doch 20 Euro für Grabblumen mitgegeben. Grundsätzlich wollte die neue Pflegerin nichts sagen und hatte Denisa nicht gekannt. Als ich aber Slowakisch mit ihr sprach, wollte sie doch etwas loswerden: "So was konnte sich die Polizei nur mit einer Slowakin erlauben."

Wenn ich von den Spuren einer Gewalttat sprach, hatte niemand in der oberösterreichischen Kleinstadt davon gehört. Die Frau des sterbenden Primars erschrak kurz, fragte aber nicht nach. Kurz darauf sprach sie wieder so, als wäre der Selbstmord erwiesen. Mein Gespräch mit einer Nachbarin verlief nach dem gleichen Muster. Auch sie fand den Tod der Pflegerin ganz schrecklich, hielt aber am Selbstmord fest und äußerte in aller Freundlichkeit die Vermutung, "dass die Eltern vielleicht was heraushauen wollen".

Das in etwa hat mich in den Fall Denisa Soltísová hineingezogen. Vieles ist unverständlich, aber einer hat ihr Gewalt angetan, einer könnte ihr Mörder sein. Ich weiß nicht einmal, ob ihn jemand sucht.

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