Rum für Taipeh

Litauen Das baltische Land ist schwer mit China aneinandergeraten, weil Taiwan nun in Flagge zeigen kann. Dabei spielen auch Spirituosen eine Rolle
Ganz schön Rum gekommen: importierter litauischer Schnaps in Taiwan
Ganz schön Rum gekommen: importierter litauischer Schnaps in Taiwan

Foto: Sam Yeh/AFP/Getty Images

Seit die chinakritische litauische Regierung Taiwan erlaubt hat, eine diplomatische Mission unter dem Namen „Taiwan“ in Vilnius zu eröffnen, ist das EU-Mitglied der geballten Wirtschaftsmacht der Volksrepublik China ausgesetzt. Deren Zoll weigert sich seither, aus Litauen kommende und dorthin gehende Waren abzufertigen. Betroffen ist etwa die deutsche Continental, die in Kaunas eine expandierende Produktion unterhält und angeblich von China aufgefordert wurde, die Verwendung dort fabrizierter Bauteile einzustellen. „Wir stehen zu Litauen“, verkündete die EU-Kommission und begann mit dem Sammeln von Belegen, die eine Verletzung des Handelsrechts durch das WTO-Mitglied China beweisen könnten. Offiziell schweigen die betroffenen Firmen. Inoffiziell üben sie Druck auf Litauen aus, das China-Problem zu lösen.

Der Flughafen Vilnius empfängt mich mit weißem Zuckerstuck, dahinter folgt ein Wintermärchen aus Schnee und Eis. Litauische Unternehmen sind in Deckung. Vielleicht, um Süßholz zu raspeln, wirbt die litauische Handelskammer mit dem Lob, das die Kosmetikunternehmerin Irena Jokšienė für eine China-Mission der Handelskammer geäußert hat. Als ich bei Jokšienė nachfrage, erfahre ich, dass das China-Geschäft gar nicht zustande kam: „Die litauische Botschaft riet uns, den Vertrag nicht zu unterschreiben.“ Berühmt, aber im Nachtleben von Vilnius kaum zu bekommen ist neuerdings der litauische Rum. Nein, Zuckerrohr wächst im Baltikum nicht, aber ja, dank aus Trinidad und Tobago importierter Melasse konnte Litauen 20.400 Flaschen „Propeller Dark“ nach China schicken. Wegen der jetzigen Blockade kaufte Taiwan den Rum und bewarb ihn mit kreativen Cocktail-Rezepten. Ich will den litauischen Hersteller besuchen. Die höfliche Antwort: „Jetzt nicht.“

Eklat in Prag

Taiwans „Botschaft“ liegt an der Neris, im obersten Stock des 16-stöckigen Victoria Tower, über dem Büro von Pricewaterhouse Coopers. Ein ernster Kerl mit Che-Bart und roter Wollmütze fotografiert gerade mit gestrecktem Zeigefinger die Taiwan-Tafel vor der Tür. Als ich ihn anspreche, läuft er weg. Oben im Rundblickbüro empfängt mich Tom Y. F. Huang, Direktor und Berater der Vertretung. Auch der vitale Grauhaarige im weißen Rolli fürchtet die übermächtige Volksrepublik – seine früheren Diplomatenposten verrät er mir „nur privat, als einem Freund“. Die taiwanesische Oolong-Teepflanze bleibt die ganze Zeit in meiner Tasse, der Tee wird nicht bitter. „Mit den Litauern“, sagt Huang, „teilen wir dieselben Werte. Sie waren, wenn ich mich nicht täusche, die Ersten, die 1989 die Sowjetunion verließen. Warum? Weil sie Freiheit wollen.“ Er fragt, ob denn die EU „ihre traditionellen Werte Menschenrechte, Demokratie und Freiheit“ aufgeben würde? „Heute ist Litauen dran, wer ist es morgen?“ Nachahmer hat Litauen in der EU nicht gefunden, die Hoffnungen des Inselstaates, der alle seine Vertretungen von „Taipeh“ zu „Taiwan“ umbenennen will, liegen momentan auf der neuen Regierung Tschechiens. Huang erzählt von einem Eklat beim Neujahrsempfang des Prager Bürgermeisters. Als der chinesische Botschafter den früher eingetroffenen Emissär Taiwans erblickte, habe er sich beschwert und sei abgerauscht.

Da auch Taiwan an der „Ein-China-Politik“ festhält, verbessert mich Huang, als ich von „zwei Staaten“ spreche. „Zwei Regierungen“ sei richtig. Zugleich hebt er hervor, dass sich Taiwan inzwischen als eigene Nation empfinde. Nachdem Peking die Schrift vereinfacht habe, fühlten sich Taiwanesen auf dem chinesischen Festland heute so fremd „wie in Japan“.

Ich frage noch, wie es den 20.400 Flaschen litauischen Rums ergangen sei. „Die sind weg“, prahlt Huang, „ausgetrunken, pur und zu Cocktails gemixt, ausverkauft.“ Es sei gerade Neujahr gewesen, genauer gesagt: „das Mondneujahrsfest“. Er selbst habe nichts abbekommen. „Alles ist weg.“ Haben die Taiwanesen den litauischen Rum aus Solidarität getrunken? „Nein, aus Dank. Litauen hat uns, als China unsere Versorgung mit Impfstoffen blockiert hat, 260.000 Dosen geschenkt. Ein Freund in Not ist ein Freund in Not.“ Mit „Propeller Dark“, erklärt der taiwanesische Diplomat, hätten sie in Taipeh erstmals dunklen Rum gekostet. Er glaube, dass sie noch viel davon kaufen werden.

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