Groningen: Größtes Gasfeld Europas stellt Produktion ein

Niederlande In den Niederlanden wird das größte Gasfeld Europas nur noch bis Ende 2022 genutzt – allen Versorgungsrisiken in Deutschland zum Trotz. Die Gefahr künstlicher Erdbeben ist einfach zu groß
Groningen: Hier fließt nur noch bis zum Ende dieses Jahres das aktuell so knappe Gut
Groningen: Hier fließt nur noch bis zum Ende dieses Jahres das aktuell so knappe Gut

Foto: IMAGO/ Pro Shots

Gleich hinter dem Emsland, im hohen Norden der Niederlande, haben Shell und Exxonmobil seit den 1960er-Jahren Erdgas gefördert. Im vergangenen Jahrzehnt aber wurden die Bohrungen gedrosselt, Ende 2022 geht die Förderung im angeblich größten Gasfeld Europas ganz zu Ende. Ausgerechnet jetzt, da die Deutschen verzweifelt nach Ersatz für russisches Gas suchen. Der Grund: Obwohl in Groningen nicht gefrackt wird, löst die Gasproduktion künstliche Erdbeben aus, Hunderte Häuser sind beschädigt. Zwar haben einige gaskritische Groninger ihre Meinung seit dem Ukraine-Krieg geändert, eine Umfrage des Dagblaad van het Noorden ergab 63 Prozent Zustimmung für eine reduzierte Fortsetzung der Gasgewinnung bei einer erdbebensicheren Verstärkung aller Häuser – das Haager Parlament aber hält bislang am Gasausstieg fest.

Ich staune nicht schlecht, als ich feststelle, dass buchstäblich im Herzen des Erdbebengebietes zwischen Huizinge und Zeerijp der bekannte 77-jährige Maler Henk Helmantel lebt, der Stillleben in der Nachfolge der alten niederländischen Meister malt. Moment, da müht sich einer sein ganzes Erwachsenenleben lang in einem von mehr als 1.500 kleinen und mittleren Erdbeben erschütterten Landstrich an Stillleben von fotografisch genauer Präzision ab? Stört ihn das nicht, wackelt da nichts?

An einem sonnigen Sommertag komme ich im Hauptdorf Loppersum an. Am Bahnhof hängt etwas vergilbt ein Plakat mit Tipps für drei Fahrradtouren: „Runde Gasgeben“, „Bruchlinien-Route“, „Verlorenes-Erbgut-Route“. Im Bahnhof eingemietet hat sich die „Groninger Bodem Beweging“, die seit 2009 die Gasgeschädigten vertritt, dazu ein Architekturbüro.

Ein gläubiger Calvinist

Einer der zwei Architekten, ein entspannter René Wubs im rosa Poloshirt, gibt mir vor einer Wand mit drei dünnen langen Rissen Auskunft. Der Staat zahle alles, was der Erdbebensicherheit diene, der bürokratische Aufwand sei jedoch groß. Er selbst warte schon vier Jahre auf Ersatz für sein Haus in Zeerijp, denn inzwischen habe „der Staat die Norm für Erdbebensicherheit gesenkt“. Die Frage nach der Gasförderung nennt er „einen Spagat“. Mal ist er „im Prinzip dagegen“, dann findet er sie doch wieder gut, „die Ukraine ist das viel krassere Drama“.

Ich wandere zu Meister Henk Helmantel, ins kleinere Westeremden, ein hübsches Dorf mit wild blühenden Vorgärten. Er bewohnt einen Backstein-Gutshof mit hohen Gewölben, den landwirtschaftlichen Nutzbau eines calvinistischen Pfarrhauses, in Wahrheit der detailgetreue Nachbau eines längst abgerissenen Altbaus. Drei Nachmittage in der Woche öffnet er sein Haus als Museum, Filterkaffee im Garten inbegriffen. Seine Stillleben sind calvinistisch nüchtern, sie zeigen meist nur eine Sorte Obst vor leerem Hintergrund. Ich darf zu ihm ins Atelier. Der Meister sitzt reglos an der Staffelei, ist zottelig und konzentriert. Die Erdbeben, erzählt er dann mit wilden Gesten, seien zwar „nicht mit Afghanistan zu vergleichen“. Es gäbe einen Schlag, dann ein Zittern der Wände. „Da heißt es ruhig bleiben, zum Rausrennen ist es ohnehin zu schnell wieder vorbei.“ Bei einem Beben im Sommer 2012 dachte er sich: „Stärker darf’s nicht mehr werden, dann wird’s echt gefährlich.“ Es findet es „unverantwortlich, in Groningen Gas zu fördern. Man muss Alternativen suchen“.

Helmantel setzt sich mit mir in eine ruhige Ecke des Gartens. Er drückt sich gern apodiktisch aus. Er fürchte den Ökotod der Erde. Russische Kultur bewundert er, Putin aber „ist ein dummer Mann“, sein Stillleben für die Ukraine zeigt drei weiße Eier vor gelb-blauem Hintergrund. „Ich denke orthodox“, betont der gläubige Calvinist, „aber das heißt nicht, dass ich konservativ bin“.

Danach wandere ich auf dem feldblumenbunten Radweg nach Loppersum zurück. Dort höre ich, dass die Erde auch noch nach dem Stopp der Gasförderung für eine ungewisse Zeit weiter beben werde. Auf meine Frage, ob man dann nicht genauso gut weiterbohren und die armen Deutschen versorgen könne, bekomme ich keine Antwort.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Verändern Sie mit guten Argumenten die Welt. Testen Sie den Freitag in Ihrem bevorzugten Format — kostenlos.

Print

Die wichtigsten Seiten zum Weltgeschehen auf Papier: Holen Sie sich den Freitag jede Woche nach Hause.

Jetzt kostenlos testen

Digital

Ohne Limits auf dem Gerät Ihrer Wahl: Entdecken Sie Freitag+ auf unserer Website und lesen Sie jede Ausgabe als E-Paper.

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden