Polen muss fehlende Kohle in Kolumbien, Indonesien und Kasachstan kaufen

Energienotstand Derzeit fehlen in Polen 20 Millionen Tonnen Kohle, um ohne große Ausfälle über den Winter zu kommen. Die Einfuhr russischer Kohle wurde schon vor dem EU-Embargo gestoppt
Ausgabe 37/2022
Polnische Kohle – gut für Kraftwerke, schlecht für Heizöfen
Polnische Kohle – gut für Kraftwerke, schlecht für Heizöfen

Foto: Omar Marques/Getty Images

Das Land hängt am Energieträger Kohle. Aus polnischer Kohle wird viel Strom gewonnen, mindestens zwei Millionen Haushalte heizen noch mit Kohle. Da man die Einfuhr russischer Kohle schon vor dem EU-Embargo gestoppt hat, fehlen etwa 20 Millionen Tonnen. Zwar gibt es Kohle genug, aber an anderen Enden der Welt – und teuer. Früher wurde unartigen polnischen Kindern damit gedroht, dass ihnen der Weihnachtsmann Kohle bringt, heute würde das als Belohnung empfunden. Manche fürchten, dass auch die beliebten „Eko Groszek“ ausgehen, die kleineren, angeblich ökologischeren „Ökoerbsen“. Werden die Polen im Winter frieren? Die meisten Kohleöfen stehen in Einfamilienhäuschen auf dem Land, bei Wählern der nationalkatholischen PiS-Partei. Die experimentiert mit einem radikal gedeckelten Preis von 1.000 Zloty pro Tonne.

Meinen polnischen Kohletag hatte ich eigentlich verbummelt. Ich kam erst am Abend vor einer zufällig ausgewählten „Ökoerbsen“-Handlung in der Warschauer Vorstadt Stary Rembertów an, fünf Minuten vor Ladenschluss. Eine große eigenwillige Villa mit pechschwarz angestrichenem Türmchen. In der Einfahrt Paletten abgepackter Kohle, das Tor schon versperrt. Ich war zu spät und klingelte trotzdem. Ein kerniger Kerl um die 50 in einem „Danger Mines Cambodia“-Shirt kam heraus. Da er schon ein paar Alkopops intus hatte, bat er mich, online seinen Sohn zu interviewen, den neuen Chef. Aber dann ließ sich Przemysław Bulge doch auf ein Gespräch ein. Er holte sich noch ein Biergetränk mit Maracuja-Chili-Geschmack namens „GARAGES on the beach“ und schulte mich. Da ich mich auf eine Palette „Ökoerbsen“ stützte – sie hatte im Vorjahr 1.000 Zloty gekostet, jetzt 3.200 –, wurden meine Unterarme schwarz. So muss das sein, wenn man über Kohle schreibt.

Ich erfuhr, dass sich polnische Kohle, da sie beim Verbrennen mehr Klumpen als Asche bildet, gut für Kraftwerke und schlecht für Hausöfen eignet. Ich erfuhr weiter, dass sich „Ökoerbsen“ oft nicht für die alten „Drecksöfen“ eignen, doch seien sie perfekt für moderne Öfen mit automatischer Nachlegefunktion und fast ohne Rauchbildung. Ich fragte: „Wollen Sie sagen, ökologisch ist nicht, was man verbrennt, sondern wie?“ Er: „Exakt.“ Er hatte Verständnis dafür, dass viele ältere Polen nie auf ein öffentliches Gasnetz angewiesen sein wollen. „Mit Kohle im Haus fühlen sie sich total unabhängig. Was ich habe, das habe ich!“

Mafia der Zwischenhändler

Bulge war früher im Tourismus tätig, hatte in Lateinamerika gelebt und war erst 2012 in den Kohlenhandel eingestiegen. Auslöser war das Haus, vor dem wir standen. Es wurde von drei Generationen bewohnt und war 550 Quadratmeter groß: „Wir suchten einen Weg, es zu heizen. Wir brauchten zehn Tonnen Pellets im Jahr!“ Es stellte sich heraus, dass Bulge zu den führenden Kohleimporteuren Polens zählt. Gerade war ein Schiff mit 35.000 Tonnen aus Kolumbien gekommen, kurz zuvor bekam er 10.000 Tonnen aus Kasachstan. „Wir haben alles in zehn Tagen verkauft.“ Mit polnischer Kohle handele er nie. „Es ist einfacher für mich, 80.000 Tonnen aus Indonesien zu kaufen als von einer polnischen Mine. Das ist eine Mafia hier, alles läuft über Zwischenhändler.“ Von der PiS-Regierung hielt er nichts, Eingriffe in den Energiemarkt fand er falsch. Er verdächtigte die Regierung sogar, Kohleimporteure vom Markt drängen zu wollen. Oder warum sonst wurde die Löschung seiner kolumbianischen Kohle im Stettiner Hafen so lange verschleppt?

Bulge reist selbst viel, um Kohle für polnische Einfamilienhäuser zusammenzukratzen. Den Bahntransit kasachischer Kohle über Russland hat er nach dem 24. Februar eingestellt. Die Russen hätten ganze Züge gestohlen. Seither geht es per Bahn in den Iran und von dort per Schiff nach Polen. Dabei sei er einer von den wenigen Polen, die das Russische mögen. Die Nachbarn seines Ferienhauses am bulgarischen Schwarzmeerstrand wären Russen, außerdem habe er Freunde in Moskau. „Alles vorbei!“ Ich frage noch: „Was meinen Sie, werden die Polen in diesem Winter frieren?“ – „Die Ärmsten werden frieren, fürchte ich.“

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