Schaut auf diesen Fluss!

Bosnien Entlang der Drina wechseln Minarette mit Kirchtürmen. Die Sakralbauten sind bestens in Schuss – egal, wer wen erobert hat
Ausgabe 12/2014

Dieser Tage fuhr ich die Drina entlang. Ich wollte nicht den Gräueln des Bosnienkrieges nachgehen, die aus den Ortsnamen herausschreien – ich wollte nur auf diesen Fluss schauen. Auf diesen serbischen und bosnischen Fluss, diesen Vereinigungsfluss der Serben.

Da die Drina nirgends entspringt, sondern am Zusammenfluss zweier montenegrinischer Flüsse beginnt, startete ich an der Adria. Vom montenegrinischen Küstenort Herceg Novi über den abgelegenen Ostteil der serbischen Entität Bosniens streckt sich so etwas wie eine serbische Zunge ans Meer. Auf dem Weg zum ersten Drina-Städtchen Foča ewig nur baumloser, unfruchtbarer Karst. Unter einer Hauswand, die mit dem in Den Haag angeklagten Ratko Mladić bemalt ist, sagt ein Braunkohlekumpel: „In Gacko ist es immer kalt.“

Angelina Jolie zu Gast

Die Ortstafel kündigt Goražde als „Heldenstadt“ an. Auf der geräumigen Schotterbank sitzen mehrere Männer hinter einer Angelrute, ein Lagerfeuer hinter sich. Neben der bosnischen weht die türkische Fahne, denn eine türkische Stiftung hat einen gepflasterten Park ans Ufer gebaut. Als ich das einzige Hotel der bosniakischen Exklave teuer finde, weist der Rezeptionist auf ein gerahmtes Foto: „Mein Herr, Angelina Jolie ist bei uns abgestiegen!“ Dann weist er auf den Festsaal, der vor blumenbewehrten Bosnierinnen birst: „Und bei uns begehen zwei Kantonalministerinnen den internationalen Frauentag!“

Jenseits der nach Alija Izetbegović benannten Fußgängerbrücke finde ich eine heimelige Bar, sie heißt Nizbrdo, zu deutsch „Ministerium Abwärts“. Man verwöhnt mich mit selbstgebranntem Birnenschnaps aus der PET-Flasche und Würstchen nach Mitternacht. Ein redseliger Frührentner sucht meine Freundschaft, plötzlich schüttet ihm jemand etwas ins Gesicht. Der Barmann verhindert eine Schlägerei. „Was hat er gegen dich?“, frage ich, „Frau, Geld, ethnischer Konflikt?“ Didi sagt dreimal nein. „Ich weiß auch nicht, wir waren Freunde.“

Višegrad, die berühmte osmanische Brücke wird mit türkischem Geld saniert, Souvenirhändler verkaufen Magnete mit den banalsten Sprüchen des Dichters Ivo Andrić. Ein Denkmal für die „Verteidiger der Republika Srpska“, der überlebensgroße Soldat hat das Schwert in der Erde stecken und hält ein Kreuz in die Höhe. Ich bin wieder bei den Serben. Am Steilhang ein Friedhof für serbische Kämpfer, auf dem auch zwei Kosaken und vier Freiwillige russischer Herkunft ruhen.

Nach Višegrad verliere ich die Drina. Ich fahre nach Serbien, vorbei an Emir Kusturicas Ethno-Dorf Mokra Gora, muss durch ein still zersiedeltes Bergland und finde die Drina als Grenzfluss wieder. Schön ist der Mittellauf ab Bajina Bašta. Streusiedlung an beiden Ufern des engen Tales, Aussichtslokale, manchmal ein Familiengrab mit Flussblick.

Vor dem Unterlauf wechsle ich ans serbisch-bosnische Ufer. Zvornik, hohe abweisende Wohnblocks, dazwischen eingeklemmt eine umzäunte Moschee. Die Minarette und Kirchtürme sind überall – egal, wer hier wen erobert hat – bestens in Schuss. In Zvornik führt eine alte Eisenbrücke ans serbische Ufer, für Fußgänger. Beim Container des bosnischen Grenzpostens ein Eckhaus. Eine reife Frau liegt ausgestreckt im ersten Stock, mit hochgelagerten Beinen, als würde sie fernsehen, gleichzeitig überblickt sie die Grenzbrücke. Ich glotze sie an, sie schaut ungerührt zurück.

Bosnische Revolution

Bevor ich dem Unterlauf an die Mündung folge, schaue ich in der bosniakisch-kroatischen Entität Bosniens vorbei. Über der Industriestadt Tuzla liegt der Geruch verbrannter Braunkohle, hier begann die bosnische Revolution dieses Winters. Das Hochhaus der Kantonalregierung ist abgebrannt, im Hinterhof liegt ein umgestürzter, ausgebrannter Volvo. Am verlassenen Gebäude sozialpolitische Forderungen: „Wir wollen von unserer Arbeit leben“, „Rentenerhöhung um 15 Prozent!“, „Tod dem Nationalismus“. Neben mir höre ich Russisch reden, ein TV-Team aus Weißrussland. Ich quatsche die Reporterin an. Sie wird von Aufstand zu Aufstand geschickt, hat zuvor über die Ukraine berichtet. „Kiew“, sagt sie entschieden, „das ist ein Staatsstreich. Hier erhebt sich das Volk“.

Die Mündung der Drina im Auwald finde ich lange nicht. Ich frage in einer einsam gelegenen Bäckerei. Der Bäcker hat nur eine Sorte Brot, an der Mündung war er noch nie. Wie die meisten Menschen, mit denen ich spreche, ist er ein Vertriebener. Dann ein Lehmweg mit Wochenendhäusern. Wo der endet, drei neuere Häuser am Wasser. Ein Mann nutzt das letzte Tageslicht, um an einem gläsernen Lusthäuschen zu schmiergeln. Ich jubele innerlich, gleich würde meine Reise in eine Botschaft münden. Ich frage rufend, was die Drina und was die Save denn seien. Der Mann gibt genervt Auskunft. „Schön!“, sage ich, damit das Gespräch nicht abbricht. Er gibt mit bitterem Tonfall zurück: „Schön.“

Martin Leidenfrost schrieb zuletzt über die depressive Stimmung in Biarritz

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