Unter aufrechten Leninisten

Portugal Die Kommunistische Partei verwahrt sich dagegen, dass die Politik mit der aktiven Sterbehilfe den Tod als eine Option anbietet. Warum? Zu Besuch in der Parteizentrale
Am Stadtrand von Lissabon, in Seixal, feierte die Kommunistische Partei Portugals 2020 ihr „Avante!“-Pressefest
Am Stadtrand von Lissabon, in Seixal, feierte die Kommunistische Partei Portugals 2020 ihr „Avante!“-Pressefest

Foto: Patricia De Melo Moreira/AFP/Getty Images

Geschlagene zwei Jahre wollte ich über Sterbehilfe in Portugal schreiben, doch blieb trotz bester Kontakte ohne Interview. Das Parlament stimmte bereits mehrmals über „eutanásia“ ab, im Herbst zweimal dafür. Dann aber stürzte die Minderheitsregierung des sozialdemokratischen PS, und der konservative Staatspräsident schob das Gesetz in die nächste Legislative. Die Frontstellungen sind ungewöhnlich: Die großbürgerliche Oppositionskraft PSD ist dagegen, ihr Vorsitzender aber dafür. Der PS ist dafür, der posttrotzkistische „Linksblock“ mit Inbrunst, die Kommunistische Partei (PCP) votiert strikt dagegen.

Ich gehe zur Zentrale der Sechs-Prozent-Partei, die dem Marxismus-Leninismus nie abgeschworen hat. Ein Büroblock in einem öden Lissabonner Neubaugebiet, das Fassadenmosaik „Revolução“ zeigt einen Kleintraktor, von einem fröhlichen Mädchen mit Wuschelkopf gesteuert. Dann stehe ich vor der Empfangsfrau und kündige an, nicht wegzugehen, bevor mir nicht irgendwer die PCP-Position zur Sterbehilfe erklärt. Um zehn herrscht die Betriebsamkeit eines Bienenstocks, fortwährend strömen Männer zwischen 45 und 75 herbei. Sie seien nicht vom Zentralkomitee, höre ich, sondern arbeiteten hier.

Ich darf in der verwinkelten Lobby warten. Die Ästhetik ist hochsowjetisch, nur dass ich am absolut anderen Ende Europas sitze und keiner Russisch kann. Rot gepolsterte Sitzgruppen, ein Bücherpult, eine Kaffeebar und ein fotografisches Wandbild, das in eine kreisrunde, vor Menschen und roten Fahnen berstende Riesenkongresshalle hineinzieht. Die Plakate zu den Neuwahlen am 30. Januar stellen den Massencharakter der Partei heraus, die Forderungen: „Kinderkrippen gratis!“, „Das Gesundheitssystem retten!“

Anders als die Rechten

Ein Funktionär setzt sich zu mir. Ein sehr ernster Intellektueller, beiger Pullover über hellblauem Hemd. Er erklärt mir, dass Sterbehilfe im laufenden Wahlkampf keine Rolle spiele. Die Gründe, warum der PCP Sterbehilfe ablehnt, seien andere als die der Rechten: „Die Kirche sagt, die Entscheidung über das Lebensende obliegt nicht dem Menschen, für uns ist das sehr wohl eine menschliche Entscheidung. Unsere Position zu diesem komplexen Thema ist eine progressive. Die Pflicht einer fortschrittlichen Gesellschaft ist es, die Rechte und Lebensbedingungen all ihrer Bürger sicherzustellen. Wenn eine Gesellschaft das nicht schafft, ist es unzulässig, dass sie als Option den Tod anbietet.“ Moderne Palliativmedizin könne zudem Leiden lindern.

Für den PCP sei das „kein Modethema, unsere Genossen haben es schon in der Illegalität der 1960er Jahre diskutiert“. Er sagt gern „kollektiv“, „wir arbeiten kollektiv“, „wir haben kollektiv darüber entschieden und einhellig dagegen gestimmt“. – „Könnte man die Abgeordneten nicht frei über eine solche Frage abstimmen lassen?“ – „Wir haben die Freiheit, das nicht zu tun.“ Als ich den PCP „orthodox“ nenne, fährt er mir in die Parade: „Wir sind antidogmatische Leninisten. Lenin war nicht dogmatisch.“ In einem Positionspapier warnt der PCP, dass in Ländern mit legaler Sterbehilfe „die Zahl der ,assistierten Todesfälle‘weit über das angenommene und vorhersehbare Maß hinaus gestiegen“ sei, in den Niederlanden auf „vier Prozent der Todesursachen“. Was hier entschieden werde, „ist nicht der individuelle Entschluss jedes Einzelnen über das Ende seines Lebens, sondern die Haltung des Staates zur letzten Lebensphase seiner Bürger“. Ich frage meinen Gesprächspartner, ob der hohe Altersschnitt der PCP-Wähler eine Rolle spielt. Erschreckt die Vorstellung eines staatlich assistierten Todes betagte Genossen? Er lacht auf: „Das höre ich zum ersten Mal!“ Ja, man haben zwar viele ältere Kader, aber die würden mit ihrer reichen Erfahrung an der gemeinsamen Entscheidung teilnehmen. Und nein, die PCP-Wähler bewege das Thema wenig.

Ich weiß jetzt alles Wichtige, will aber die Geborgenheit in Rot noch ein wenig auskosten. Ich kaufe den Jubelband zu 100 Jahren PCP und – „nicht mehr aktuell ...“ – eine klassisch schöne Broschüre mit den Aufsätzen Lenins über Portugal. Schließlich nehme ich noch einen Kaffee zum Volkspreis von 55 Cent. Mir fällt auf, dass an der rege besuchten Kaffeebar nicht viel geredet wird. Vielleicht stören die Masken. Oder das Kollektiv hat vieles schon ausdiskutiert.

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