Vier Stunden Zwielicht und 20 Stunden Nacht: Zu Besuch im norwegischen Kirkenes

Norwegen Kirkenes war einst bekannt wegen seiner Kontakte über eine Grenze hinweg. Vorerst ruhen die Kontakte zwischen der Grenzstadt und dem Norden Russlands zwar, auf den Einkaufsverkehr – über die Demarkationslinie hinweg – hat das kaum Einfluss
Ausgabe 03/2023
Nur einen Steinwurf entfernt: Moskau ist hier näher als Norwegens Hauptstadt
Nur einen Steinwurf entfernt: Moskau ist hier näher als Norwegens Hauptstadt

Foto: Imago/TT

Der letzte norwegische Ort vor der russischen Grenze liegt näher an Moskau als an Oslo, laut einem vergilbten Plakat liegt er auch „östlich von Kairo“. Kirkenes, 352 Kilometer nördlich des Polarkreises, 3.300 Einwohner, hatte mit seinen vielen russischen Zuwanderern und dem 1993 eingerichteten Barentssee-Sekretariat ein Modell grenzüberschreitender Zusammenarbeit abgegeben. Ex-Bürgermeister Rune Rafaelsen, „der größte Freund Russlands in Skandinavien“, hatte sich eines russischen Freundschaftsordens gerühmt. Bei Kriegsbeginn schickte er ihn an Wladimir Putin zurück.

Am Flughafen Kirkenes versuchte ich mich an zwei bourgeoise deutsche Touristinnen zu hängen, diese wurden aber von einem Hundeschlitten abgeholt. Zum Glück stand da ein russischer Kleinbus mit Destination Murmansk. Der Fahrer bekannte sich per Georgsbändchen am Rückspiegel zur „Spezialoperation“, nahm mich aber für ein paar Rubel nach Kirkenes mit. Er hatte bloß vier Fahrgäste, die einkaufen wollten. „Kaffee und Käse sind in Norwegen billiger.“ Er berichtigte, was die Nowaja Gaseta geschrieben hatte, und meinte, Russland habe am Grenzübergang keineswegs einen zweiten Schlagbaum hochgezogen, sondern nur die alte Schranke ersetzt. „Die konnte ein Auto leicht durchbrechen.“

Es gab in Kirkenes vier Stunden Zwielicht und zwanzig Stunden Nacht, der Schnee war im Ortskern zu haushohen Haufen zusammengeschoben. Ich wollte Rafaelsen kennenlernen und örtliche Organisatoren der „Barentspride“, der „nördlichsten Regenbogenparade der Welt“, die jedes Jahr in Kirkenes stattfand. Sie alle waren wie verschluckt, entweder gerade in den Süden abgeflogen oder noch nicht aus dem Süden zurück. Ich traf stattdessen viele Sonderlinge, angefangen vom Stotterer am Empfangsschalter des Gemeindeamts, nicht endend bei den Kulturfunktionären in der Galerie „Terminal B“, die mir eine Info zusagten, mich dann aber sehenden Auges in der Kälte stehen ließen. Vor dem Jobcenter standen rauchende Kriegsvertriebene aus der Ukraine. Eine tunesische Jungmutter, die es als Gattin eines norwegischen Regionalbeamten nach Kirkenes verschlagen hatte, träumte sich wie Tschechows Drei Schwestern fort. Nur dass sie nicht „nach Moskau!“ seufte, sondern „nach Oslo!“.

Am Abend marschierten zwei schwarz gewandete russische Muschiks auf ein Ziel zu, ich heftete mich an sie. Nach einer halben Stunde landete ich im Discountmarkt KIWI. Dicke junge Norwegerinnen nahmen die Parole am Flaschen-Rückgabe-Automaten – „Wer wird der nächste Pfand-Millionär?“ – wörtlich. Der Fahrer eines Spezial-E-Bikes, ausgerüstet mit einer verstellbaren Stirnlampe, verteilte überall im Discounter Grußworte. Außer fünf billigen Familientafeln Schokolade kaufte er nichts. Ich fragte den aus Russland eingewanderten Holzarbeiter, für wen die Schokolade sei. „Für mich allein“, gab er zurück, „fürs Wochenende“. Das konnte ich kaum glauben, es war erst Dienstag.

Transgenderfrau um die 70

Meine Reiseziele erreichte ich schließlich doch. Am Telefon, aus ihrer 100 Kilometer entfernten Wohnung, gab mir die Co-Organisatorin der nördlichsten Regenbogenparade der Welt Auskunft. Mariella war eine Transgenderfrau um die 70 und hatte das herzhafte Lachen einer Wurzelhexe. Sie erklärte, die „Barentspride“ finde wegen der Nähe Russlands in Kirkenes statt. 2022 sei insofern ein gutes Jahr gewesen, da „diesmal 30 der 400 Teilnehmer aus Russland kamen, 2019 sind es nur einer oder zwei gewesen“. Sie rief: „We have a dream – eine Regenbogenparade in Murmansk!“

Der größte Freund Russlands in Skandinavien antwortete mir erst lange nach meiner Abreise: „Hei“, mailte Ex-Bürgermeister Rafaelsen, „meine Gefühle sind nicht so wichtig. Doch für den Moment sollte es keinen Kontakt mit der russischen Regierung geben. Nach dem Krieg werden wir sehen, was für ein Russland wir haben.“ Von Kirkenes abfliegend, saß ich bei zwei Murmanskerinnen, die schon vor vielen Jahren in den Süden emigriert waren, nach Oslo. Die eine zeigte mir ein Foto ihres Elternhauses. Es stand in Mariupol und war zerbombt. Die andere schrie: „Jetzt hör auf mit Politik!“ Dem Wunsch wurde entsprochen, wir verstummten alle.

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