Vor dem Sonnenuntergang

Belgien Ein Transsexueller nahm aktive Sterbehilfe in Anspruch, nachdem der Aufbau eines künstlichen Penis gescheitert war. Denn das Gesetz berücksichtigt auch psychisches Leiden
Ausgabe 29/2014

Nachdem der Aufbau eines künstlichen Penis bei ihm gescheitert war, ließ sich im Herbst 2013 ein belgischer Transsexueller in einen tödlichen Schlaf versetzen. Als Katholik hatte ich gleich eine Meinung parat: Zuerst erzählt man den Leuten, wenn euch euer Geschlecht nicht zusagt, dann nehmt euch ein anderes. Und wenn die Operation nicht hinhaut, dann könnt ihr euch die Todesspritze setzen lassen; auch da habt ihr die freie Wahl.

Und doch ging ich dem Fall nach. Nathan Verhelst – verstorben mit 44 Jahren – erscheint auf Aufnahmen ausgeprägt männlich, als eleganter Herr, der auf den Fotografien von seiner Abschiedsparty genussvoll an einer Zigarre zieht. 2003 ließen sich in Belgien 235 Personen „euthanasieren“, 2013 waren es immerhin schon 1.816. Das Gesetz erlaubt aktive Sterbehilfe inzwischen auch bei unheilbaren psychischen Leiden. Etwa zehn Prozent dieser Menschen sind körperlich gesund.

Ich fuhr hinter den Brüsseler Autobahnring, nach Wemmel, ins „LevensEinde InformatieForum“. Das Beratungszentrum wirkte wie ein Wohnhaus, in der ersten Etage wohnte auch tatsächlich ein Mieter. Er konnte vom Balkon die Sterbewilligen kommen und gehen sehen. In der offenen Garage des Einfamilienhauses gegenüber bügelte eine Jungmutter, das blonde Töchterchen hüpfte um sie herum.

Ich betrat den Flur. Auf einem Prospekt eine weißhaarige Oma, lächelnd. Mir war unheimlich. Einer der zwei Mitarbeiter vom „LebensEnde“ führte mich in einen Besprechungsraum. Eine Obstschüssel, noch halb in Folie verpackt. Der Sterbehilfe-Berater, um die 40, früher Krankenpfleger in der Palliativmedizin, wie er mir erzählt, in einer Leinenhose, das Hemd aufgekrempelt. Er musste in meiner Anwesenheit zweimal hinaus, und er nahm vier Anrufe entgegen. Ab dem dritten Anruf blieb er sitzen. So konnte ich mithören, wie er zu einer Anruferin sagte: „Ich kann der Person nichts anderes bieten als eine bessere Lebensqualität.“ Der Berater pflegte mit leicht gedämpfter Stimme zu telefonieren, die Stirn gefurcht, empathisch, aber entschieden.

Die allermeisten Patienten würden von ihrem behandelnden Arzt euthanasiert, erklärte er. Nur etwa 200 Menschen kämen pro Jahr in die Beratung, „um ihre Geschichte zu erzählen. Sie kommen, weil sie verzweifelt sind“. Das Gespräch verlief wegen der Anrufe stockend, kurz vor Feierabend brachte der Berater aber sein stärkstes Argument unter: 78 Prozent der Beratungen, sagte er, enden nicht mit Euthanasie. „78 Prozent bekommen eine Alternative. Die beste Selbstmordprävention ist, wenn man den Leuten die Möglichkeit gibt zu reden.“

Mit der Kamera begleitet

Als ich aus der Euthanasieberatung heraustrat, leuchtete die Laterne im Vorgarten, vier Stunden vor Sonnenuntergang. Die anderen Laternen in Wemmel leuchteten nicht. Ich sah den Berater nach Hause fahren, in seinem Kleinwagen, mit seinem einfachen Krankenpflegergehalt. Die Arbeit erfüllte ihn, er wollte sie bis zur Rente machen. Ich war überzeugt, dass er seinen Kindern ein guter Vater war.

Ich fuhr nach Antwerpen. Die Kindheit der Nancy/Nathan Verhelst ging mir durch den Kopf. Die Mutter hartherzig, die älteren Brüder vergewaltigten Nancy über Jahre. Ich traf einen Videoreporter, der Verhelst mit der Kamera begleitet hatte. Als ich mich daran gewöhnt hatte, dass der flapsige Familienvater die traurigsten Dinge mit einem Dauergrinsen erzählte, stieß er mich mit einem Geständnis ab: „Ich weiß, es ist ziemlich gestört – ich habe Nathans Sterben gefilmt.“

Ich fragte ihn: „Hatte Nathan Schwierigkeiten, drei Ärzte zu finden, die ihm laut Gesetz ein unheilbares Leiden attestieren müssen?“ Er schüttelte entschieden den Kopf: „Nein.“ In Flandern findet man schnell drei Ärzte, 80 Prozent der Euthanasiefälle entfallen auf jenen Landesteil. „Das Leben ist mehr als ein Penis“ – so wurde Nathan vom Arzt getröstet, als der Körper den künstlichen Penis abstieß. Verhelst empfand das aber anders. Und er war nicht der einzige Transsexuelle, der den Tod gesucht hat. Da ist mindestens noch Nathans Freundin Dora (54), die vor 33 Jahren die zweite Geschlechtsumwandlung in der Geschichte Belgiens bekam. Ihre Sterbehilfe ist längst bewilligt.

Martin Leidenfrost schrieb zuletzt in dieser Serie über den Geburtsort des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko

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