Yoga im Gümnaasium

Estland Unser Autor sah Europas bestes Schulwesen: Fleißig entspannen die Schüler, der Direktor wartet auf Ablösung

Nach Jahren steten Aufstiegs gelang Estland im jüngsten Pisa-Test die Sensation: Estnische Schüler wurden zu den besten Europas erklärt. Sie erreichten in allen Kategorien den 1. Platz – in Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften. Das Erstaunliche daran: Das hat ein schlanker Staat geschafft, der wegen schlechter Bezahlung zu wenig Lehrer findet und 30 Prozent weniger für Bildung ausgibt als die meisten EU-Staaten.

Das Pisa-Wunder zwang mich, erstmals nach Estland zu fahren. Vorher hatte die Lust gefehlt, die aggressive De-Russifizierung stieß mich ab, und die digitale Revolution zog mich nicht an. Zuletzt verlor „Estonia“ trotz aller Modernität eine Viertelmillion Einwohner. Nur noch 1,3 Millionen sind übrig. Ich war angetan, dass mir das bis in die Ohrenspitzen motivierte Bildungsministerium eine Schule in einem russischen Plattenbauviertel von Tallinn empfahl, in Mustamäe. Die Schule hatte am Pisa-Test teilgenommen. Sie hieß zwar „Saksa Gümnaasium“ (Deutsches Gymnasium) war aber bis zur 6. Klasse eine gewöhnliche estnischsprachige Grundschule, nur gut 200 der 930 Schüler besuchten den deutschen Zweig. Die Schule war verpflichtet, je zwei bis drei Klassen allein mit Kindern aus dem Viertel zu füllen. Nur die Schüler einer Klasse durfte sie sich aussuchen.

Der Direktor war ein entspannt geschniegelter Diplomatensohn, Kaarel Rundu (35). Wie für die baltischen Eliten typisch, wurde er schon mit 30 Direktor. Auch das mir vorgestellte Lehrpersonal war jung: Grundschullehrerin Maive Merkulova erklärte den Erfolg beim Pisa-Test auch damit, dass der „am Computer abgehalten wird, das war eine Hilfe“. Als Erfolgsfaktoren wurden noch angeführt: die intensive Vorschulbildung (Kinder von anderthalb bis sieben Jahren haben Anspruch auf einen Kita-Platz) und ein weitgehender Konsens über Bildungspolitik.

Direktor Rundu hatte auf alles eine Antwort, nur nicht auf die Frage nach dem Anteil russischsprachiger Schüler, „darüber führen wir keine Statistiken“. Er sagte, es freue ihn, wenn seine sieben bis 17 Jahre alten Schüler „ihr Potenzial ausschöpfen“. – „Auch wenn sie fürs Klima streiken?“ – „Ja, das ist Bürgerkompetenz.“ Nur die Klassen zehn bis zwölf wurden „Gümnaasium“ genannt, in diesen drei Jahren müssen 96 Wahlfächer und Kurse absolviert werden, zum Beispiel: 3-D-Drucken, Architektur, Latein, kreatives Schreiben, Chorsingen, Yoga, Selbstverteidigung in einem Knast.

Ich fragte Rundu, ob die glänzenden Leistungen mit dem estnischen E-Lernen zusammenhingen. Für die Klassen eins bis neun war „fast das ganze Lehrmaterial“ digitalisiert, doch reagierte Rundu reserviert: „Dieser Hype ..., ich warte auf die Zeit, dass es den Schulleiter als Artificial Intelligence gibt.“ – „Dann sind Sie den Job los.“ – „Dann züchte ich Bienen.“ Pisa sei eine wichtige Ermutigung für die Lehrenden gewesen. „Wir haben im EU-Durchschnitt die ältesten Lehrer. Die Digitalisierung hilft ihnen, bereit zu sein für ein lebenslanges Lernen.“

Rundus Schule war frisch umgebaut, mit zwei aufgesetzten Etagen oben und herausgerissenen Sowjet-Klassenräumen unten, „um möglichst viel offen aufklappbaren Lernraum zu haben“. Ich sah, dass eine Mathestunde mit geschlossenem Aufstehen und Grüßen begann und dass eine Gruppe kleiner Kinder auf eine „Rekreationsoase“ mit Sitzkissen und vielen Steckdosen zustrebte. Am Ende des Gangs, hinter einer luftig mobilen Trennwand, hielt ein deutscher Schüler ein Referat. Er beklagte, dass „Abgeordnete zu 100 Prozent frei sind, niemand kann sie kontrollieren“, und stellte dem eine „liquide Demokratie“ gegenüber, in welcher „der Bürger den Politiker umgehen kann“. Für den Rest des Vormittags sah ich ausschließlich alte, ja, sehr alte Lehrerinnen bei der Arbeit, ohne jeden Zweifel in der Sowjetunion sozialisiert – Pisa war auch ihr Erfolg.

Am Ende ging ich noch durch die russische Plattenbausiedlung. Wie im ganzen Land gab es keine russischen Aufschriften, schräg gegenüber war noch ein Kindergarten verblieben. Im Supermarkt von Mustamäe endete das digitale Wunder: Die russischen Kunden boykottierten die Selbstscanner-Kassen und standen in langen Schlangen an. Nur um den Einkauf bei einem lebendigen Menschen zu bezahlen.

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