Mahatma Gandhi in Ramallah

Westbank Die Palästinenser wollen kommende Woche von der UNO als Staat anerkannt werden. Martin Reeh war im Westjordanland und hat sich im Vorfeld des Entscheids umgehört

Mahmud heiße er, hatte der Sprecher des Popular Struggle Coordination Committee gesagt, sein Büro finde man im Ramoni-Gebäude, direkt im Zentrum Ramallahs. Doch wurde das Telefonat häufig durch Störungen unterbrochen, vielleicht der Grund für ein Missverständnis. Jedenfalls bleibt am folgenden Tag die Suche nach dem „Komitee für friedlichen Protest in den Autonomieregionen“ zunächst erfolglos. Die Schaufensterpuppe vor einen Jeansladen im Erdgeschoss des Ramoni-Gebäudes trägt zu Dekorationszwecken eine Maschinenpistole und kein Hinweisschild auf „Mahmuds“ Verein. Daneben liegt das Büro einer palästinensischen Kleinstpartei, dessen Wände durchweg mit Saddam-Hussein-Postern dekoriert sind. Man steht vor dem Schreibtisch eines gewissen Abu Mahmud, wird höflich hinaus komplimentiert und durchquert einen Raum, in dem vier ergraute Anhänger des einstigen irakischen Diktators eine arabische Fernseh-Soap verfolgen. „Germany good country“, sagte einer von ihnen.

Schließlich stellt sich heraus, Mahmud heißt Mahmud Zwahra und hat ein Etablissement hinter dem Ramoni-Gebäude bezogen. Dies geschah offenbar erst vor wenigen Tagen. Die Wände sind kahl, auf den Tischen liegt Staub von der Baustelle gegenüber, einer von vielen im heutigen Ramallah. Mahmud Zwahra wischt erst einmal, um sich danach als Sprecher des Popular Struggle Coordination Committee in Stimmung zu reden. „Am Anfang haben sie uns hier als Jünger von Mahatma Gandhi verlacht und nicht ernst genommen. Wie konnte man in Palästina der Idee des gewaltlosen Widerstandes verfallen und glauben, damit Anklang zu finden?“ Inzwischen habe sich das geändert. Seit Jahren würden die lokalen Komitees aus Bi‘lin, Al-Ma‘sara und anderen Westbank-Orten jeden Freitag gegen die von den Israelis hoch gezogene Mauer demonstrieren. Und jetzt, vor dem Antrag an die Vereinten Nationen, Palästina als unabhängigen Staat anzuerkennen, kursierten Szenarien eines ausufernden gewaltlosen Protests, sollten die USA in New York ihr Veto einlegen: An den Checkpoints, vor den Siedlungen oder in Jerusalem selbst. Es werde eine „Weiße Intifada“ geben, ist Mahmud Zwahra überzeugt. „Was wollen die Israelis machen, wenn eine Million Palästinenser auf sie zumarschieren?“

Status quo minus

Die Frage ist nur, ob eine Million Palästinenser daran Gefallen finden. Ohne eine Mobilisierung durch die Autonomiebehörde und die Fatah dürfte es nur zu einigen zehntausend Demonstranten reichen. Die Kinder der ersten Intifada von 1987 hätten es sich in ihren Amtssesseln inzwischen bequem gemacht, so die Kritik unter Palästinensern und linken Israelis. Ihre Wille zum Widerstand sei erlahmt. Ein zutreffender Eindruck?

Welche Erkenntnisse lassen sich dazu bei der Fatah-Kommission für internationale Beziehungen einholen, die gleichfalls in Ramallah sitzt und wie ein Kompromiss zwischen Behörde und Nichtregierungsorganisation wirkt? Im Vorzimmer sitzt eine gelangweilte Palästinenserin, nebenan spricht das Olof-Palme-Center der schwedischen Sozialdemokraten letzte Details einer Konferenz über Ost-Jerusalem ab, ringsherum wird ausgiebig telefoniert. Zwischendurch schaut Husam Zomlot aus seinem Zimmer. „Der slowenische Außenminister ist am Apparat“, ruft er entschuldigend. „Entschuldigen Sie, es dauert noch ein paar Minuten.“

Zomlot ist Vizechef der Kommission, spricht ein geschliffenes Englisch, trägt einen Anzug ohne Krawatte und ist ein eloquenter Anwalt der palästinensischen Sache. Die Frage nach einer möglichen Intifada ist ihm sichtlich unangenehm. „Es gibt keinen Automatismus, der besagt: Wenn unser Antrag durch den UN-Sicherheitsrat abgelehnt wird, bricht der Aufstand aus. Eine Intifada ist eine spontane Bewegung des ganzen Volkes.“ Im Klartext: Die Fatah wird nicht selbst zu Aktionen aufrufen, von denen zu befürchten ist, dass sie zu einer Konfrontation mit hochgradig nervösen Israelis führen.

Husam Zomlot setzt wie viele in der Palästinenser-Führung auf Diplomatie, will aber „kein Zurück zum Status quo minus“. „Minus“ heiße: Die bisherigen Friedensverhandlungen seien von Israel nur dazu genutzt worden, die Kontrolle über die Westbank, einschließlich Ost-Jerusalems, auszubauen und immerfort Siedlungen zu errichten. Erneuten Gesprächen müsse ein Siedlungsstopp vorangehen, alles andere verbiete sich. Ein Bekenntnis zum „gewaltfreien Widerstand“ will Zomlot gern ablegen. Man solle sich nur daran erinnern, wie die Israelis während der ersten Intifada (s. Glossar) gegen palästinensische Jugendliche vorgegangen seien, so viele getötet und Tausende verhaftet hätten.

Gershom Gorenberg, Israel-Korrespondent des liberalen American Prospect, ist schon aus biographischen Gründen der richtige Gesprächspartner für die Frage, warum Mahatma Gandhi bislang nie ankam in Ramallah. Er betrachte sich als „progressiven Orthodoxen“ und wohne am liebsten in Süd-Jerusalem, sagt er. Das scheint in Israel, wo Linke wie Liberale gern in der kosmopolitischen Blase Tel Aviv leben und die Religiösen in Jerusalem, fast so exotisch wie die Vorstellung vom gewaltfreien Widerstand in Palästina.

Fünf statt zwei

Gorenberg wirkt aufgeräumt. Nach den Umbrüchen in Ägypten und Tunesien hätten junge Palästinenser endlich ein anderes Vorbild vor Augen. „Die PLO-Veteranen sind noch vom algerischen Befreiungskampf der frühen sechziger Jahre geprägt“, glaubt er und verweist auf den Schriftsteller Frantz Fanon (1925 - 1961), der Gewalt als „Möglichkeit der Kolonisierten zur Befreiung vom Minderwertigkeitskomplex“ gepriesen habe. „Natürlich kam der Arabische Frühling nicht ohne Gewalt aus, aber verherrlicht wurde sie fast nirgends.“ Daran könne sich eine Bewegung der Friedfertigen in der Westbank halten. Eine Prognose für die nächsten Wochen wagt er allerdings nicht. Es gäbe einfach zu viele unkalkulierbare Umstände.

Auf den Videos, die das Popular Committee von Bil’in ins Netz stellt, sieht man auf einer der Freitagsdemonstrationen zur Mauer erst eine englische Sympathisantin fröhlich vom friedlichen Protest erzählen und dann palästinensische Jugendliche israelische Soldaten mit Steinen bewerfen, die umgehend mit Tränengas-Granaten antworten. „Wenn ich denen sage, sie sollen keine Steine werfen, nehmen sie fünf statt zwei“, meint Mahmud Zwahra. Deshalb sage er ihnen lieber nichts. Kurzfristig bleibe die Frage, was bei Demonstrationen vor Checkpoints und Siedlungen passieren könnte: Schießen die Soldaten? Wie verhalten sich die Siedler? Beginnt damit eine Eskalation, an deren Ende doch eine weitere Intifada steht? Die erste hatte am 8. Dezember 1987 mit einem israelischen Militär-Truck begonnen, der bei einem Unfall mehrere Palästinenser tötete. Die davon ausgelösten Straßenschlachten verursachten eine ungeheure Militarisierung der palästinensischen Gesellschaft. Nach Angaben von Palestinian Human Rights Monitor wurden seinerzeit Hunderte mutmaßlicher Kollaborateure umgebracht – fast tausend Jugendliche starben in den Straßenschlachten mit der israelischen Armee.

Autonomiebehörde und Fatah scheuen die Rückkehr zu einem solchen Inferno. Großdemonstrationen zu den Checkpoints bergen insofern ein hohes Eskalationsrisiko. Damit würde vieles von dem aufs Spiel gesetzt, was die Regierung unter Premier Salam Fayyad mit ihrem zweijährigen Aufbauplan vor dem Gang zur UNO erreicht hat: Ein Wirtschaftswachstum von fast neun Prozent in der Westbank, den Neubau einer Stadt wie Rawabi für eine wachsende Mittelklasse sowie eine Anerkennung in der internationalen Arena nach den erratischen Schwenks Yassir Arafats. Doch auch Realpolitik muss irgendwann erste Erfolge vorweisen – wenigstens den Stopp des Siedlungsbaus. Eines steht dabei außer Frage, eine moderatere Palästinenserführung dürfte der Westen in naher Zukunft nicht mehr bekommen.

„Deutschland würde sich einen Gefallen tun, wenn es mit der Geschichte geht“, findet Husam Zomlot im Blick auf das bevorstehende UN-Votum, als wüsste man in Ramallah, wie die Geschichte ausgeht. Auf einen Zeitpunkt, wann die Palästinenser ihren eigenen Staat nicht nur ausrufen, sondern wirklich regieren können, will sich in Ramallah jedoch niemand festlegen.

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