Alles ganz natürlich

Betriebsausflug Eine Werbeagentur geht in den Wald, um dort etwas über Evolution und nachhaltiges Wirtschaften zu lernen
Martin Schlak | Ausgabe 31/2014
Alles ganz natürlich
Kreativarbeiter auf Exkursion: Am Ende schreibt dann einer ein Memo
Foto: Martin Schlak

Es ist schwer zu sagen, womit bisher mehr Unfug getrieben worden ist, mit der Theorie der Evolution oder dem Prinzip der Nachhaltigkeit. Man zuckt jedenfalls kurz zusammen, als eine Einladung zu einem Seminar über Evolutionsmanagement in einem brandenburgischen Wald auf dem Schreibtisch liegt. Der Seminarteilnehmer: ein Kreativunternehmen, das sich selbst „als nachhaltiges Ökosystem“ versteht.

Dass Firmen ihre Mitarbeiter auf den Kilimandscharo klettern oder im Chor singen lassen, ist ein bekanntes Phänomen der zeitgenössischen Arbeitswelt. Das soll entweder die Willenskraft oder die emotionale Bindung zum Arbeitgeber stärken, im Idealfall beides. Was aber sollen Wirtschaftsleute im Wald erleben, jenem Ort, der sich dem kapitalistischen Einmaleins aus dem BWL-Lehrbuch scheinbar so vollständig entzieht? Nun ja, genau das.

Erst einmal aber hören sie eine Mönchsgrasmücke singen. Das heißt, Stefan Rösler hört eine Mönchsgrasmücke singen. Die Großstädter um ihn herum haben gar nichts gehört. Sie tragen schicke Kappen, Brillen mit auffälligen Gestellen und kommen von der Berliner Werbeagentur Waald. Nun stehen sie unter Kiefern und Eichen in der Uckermark – und wer sie fragt, wann sie zuletzt im Wald waren, bekommt die Gegenfrage: „Zählt ein Ausflug zum Waldsee auch dazu?“

Gewinnoptimierte Bäume

Rösler muss lächeln. Er hat Forstwirtschaft studiert, später über Obstbau promoviert, mittlerweile berät er Unternehmen. Zur grauen Cargohose trägt er ein khakifarbenes Hemd. Man traut ihm zu, sich mit Nachhaltigkeit auszukennen, schließlich stammt der Begriff aus der Forstwirtschaft. Er bezeichne das Leitbild, nicht mehr Holz aus dem Wald zu holen als nachwachse, erläutert Rösler. An diesem Tag möchte er mit dem Psychologen Klaus-Stephan Otto von der Firma Evoco zeigen, was sich von der Evolution für das nachhaltige Wirtschaften lernen lässt.

Die Chefs der 2011 gegründeten Agentur Waald suchen Antworten auf substanzielle Fragen. „Wie können wir weiter wachsen, ohne unsere Grundsätze aufzugeben?“, fragt Frank Otto Dietrich. Die Antwort steht vor ihm. „Bäume“, sagt Rösler. „Sie wachsen gewinnoptimiert, nicht gewinnmaximiert.“ Ein Baum, der sich wie ein Spekulationsobjekt verhielte und die gesamte Energie darauf verwende, schnell in die Höhe zu wachsen und maximale Rendite abzuwerfen, würde nicht lange überleben.

Evolutionär günstiger sei es dagegen, im Einklang mit dem umgebenden Ökosystem zu wachsen. Andere Bäume in der Nähe bieten Schutz, Symbiosen mit Pilzen zusätzliche Nährstoffe. „Konkurrenz und Kooperation gehören untrennbar zusammen. Wer in Krisenzeiten nicht auf Kooperation setzt, ist schnell weg vom Fenster“, sagt Otto. Darwin habe genauso wie die meisten Ökonomen die Rolle der Konkurrenz zu stark betont.

Kooperation statt Konkurrenz, das hört sich wirklich nachhaltig an. Als Schablone für sozial korrektes Wirtschaften taugt die Evolutionstheorie dennoch nur bedingt. Denn letztlich sind auch Kooperationen egoistisch motiviert. Sie sind Win-Win-Situationen auf Kosten derjenigen Marktteilnehmer, die von ihnen ausgeschlossen sind. Optimierung ist so gewendet bloß langfristig orientierte Maximierung.

Nun will niemand hier in der Uckermark das Wirtschaftssystem auf den Kopf stellen. Man zählt sich zur Generation Y, will die Welt ein wenig besser machen und noch ganz gut dabei leben. Konkret fragen sich die Waald-Gründer etwa, ob sie guten Gewissens für eine Firma arbeiten könnten, die ihre Produkte in umweltschädliche Aluminiumtuben presse, sagt Dietrich. Rösler sieht da keinen Widerspruch. „Nachhaltigkeit ist immer ein Prozess“, sagt er, viele Firmen seien auf dem richtigen Weg.

Psychologe Otto hat sogar einen fundamentalen Wertewandel in der Wirtschaft ausgemacht: „Der Trend zu mehr sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit ist unumkehrbar.“ In der Stille des Waldes klingt dieser Satz gut. In einer Textilfabrik in Bangladesch würde er aber wohl zynisch klingen.

Nach einigen hundert Metern Wanderung machen die Werbestrategen Pause. Otto deutet auf ein paar tote Birken am Ufer eines Sees. „Das Ab- und Aussterben ist Teil der Evolution“, sagt er. Das werde oft vergessen. „Kein Holz ist lebendiger als Totholz“, spitzt Rösler zu. Anders gesagt: Sich von Unternehmenszweigen zu trennen, kann eine Chance sein. „In der Natur gibt es eine unglaubliche Reserve für den Fall X.“ Am Waldboden warteten Hunderte Triebe darauf, dass die riesige Buche oder Kiefer über ihnen abstirbt. Sobald es Licht gibt, schießen sie nach oben.

Die Folgen der Analogie

Wer so flott zwischen Ökonomie und Biologie hin- und herspringt, muss sich die Frage nach den Grenzen der Analogie gefallen lassen. „Das isch ja ganz klar, dass man net dem Sozialdarwinismus nach dem Wort reden darf“, schwäbelt Rösler. Das eigentliche Problem liegt aber woanders. Otto nennt die Evolution die „freie Marktwirtschaft der Natur“ und setzt so etwas gleich, was de facto nicht gleich ist. Lebewesen sind der Evolution unterworfen, die Gesellschaft aber nicht zwangsläufig dem Naturgesetz der freien Marktwirtschaft. Evolutionsmanagement kann dazu verleiten, unser System zu wirtschaften als das natürliche, ja das einzig mögliche anzusehen – und Kritik daran so letztlich unmöglich zu machen.

Es wird Zeit für die Abschlussrunde. Nachhaltigkeitsberater Rösler muss seinen Flieger nach Stuttgart erwischen. Die Agenturleute reden darüber, wie schwierig es ist, die eigenen Überzeugungen vor Kunden zu vertreten. Otto sagt: „Vielleicht ist die Überzeugung in ihrer Sinnhaftigkeit noch nicht gesettlet.“ Die Sechsergruppe sitzt auf dem Waldboden und schweigt. Einer der Agenturgründer sagt noch, er nehme den Impuls, dass Absterben in der Natur ein Antriebsmotor für Neues sei, mit nach Hause. Psychologe Otto nimmt ein paar Pfifferlinge mit nach Hause

06:00 06.08.2014
Geschrieben von

Martin Schlak

Journalist und Physiker. Schreibt Geschichten über Wissenschaft. Beobachtet, wie Technologie unsere Gesellschaft verändert.
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Martin Schlak

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