Fahrstuhl ist nicht

Inklusion Vor allem Gymnasien wehren sich dagegen, Schüler mit Behinderung aufzunehmen

Eigentlich dürfte es hierzulande niemanden mehr geben, der dieses Buch nicht kennt. Vorstadtkrokodile. Eine Geschichte vom Aufpassen ist seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil der Schullektüre. Max von der Grün, der das Buch seinem Sohn Frank gewidmet hat, erzählt darin eine Geschichte von Freundschaft, Gemeinschaft und Inklusion. Der Protagonist heißt Kurt und sitzt im Rollstuhl. Erschienen ist dieser Klassiker der deutschen Kinder- und Jugendliteratur 1976, fünf Jahre nachdem in Italien der gemeinsame Schulunterricht von Kindern mit und ohne Behinderung verpflichtend und flächendeckend eingeführt wurde. Man kann also nicht behaupten, dass das Thema vom Himmel gefallen wäre, auch wenn die deutsche Debatte über Inklusion derzeit versucht, diesen Anschein zu erwecken.

2008 hat die UN-Behindertenrechtskonvention Inklusion zum Menschenrecht für Menschen mit Behinderungen erklärt, ein Jahr später wurde sie von der Bundesrepublik ratifiziert, das heißt, sie ist bindend. Ende voriger Woche wurde bekannt, dass die Direktorin eines Bremer Gymnasiums gegen die Schulbehörde des Landes klagt, weil sie an ihrer Schule keine Kinder mit Behinderungen aufnehmen will. Die Direktorin weigert sich, für das kommende Schuljahr eine Inklusionsklasse einzurichten. Das Gymnasium besuchen mehr als 1.000 Schülerinnen und Schüler, es geht um fünf Kinder mit einer Beeinträchtigung in Wahrnehmung oder Entwicklung, also um eine geistige oder körperliche Behinderung. Es ist das erste Mal, dass eine Schule gegen Inklusion klagt. Die Elternvertretung der Schule unterstützt die Direktorin bei ihrem Vorhaben. Dabei gilt Bremen – zumindest was hiesige Verhältnisse betrifft – als Vorreiter in Sachen Inklusion. Schlusslicht im bundesdeutschen Vergleich ist Hessen, hinter Bayern.

Der Kommentator einer Bremer Lokalzeitung befand, wenn die Direktorin damit klarstellen wolle, dass Inklusion Grenzen haben müsse, dann gebühre ihr Respekt. Wohlwollend könnte man sagen, der Mann hat schlicht nicht kapiert, dass hier eine Schulleiterin gegen die Einhaltung eines Menschenrechts klagt, aber dafür passt seine Wortmeldung nur allzu gut zum aktuellen Stand der Debatte um Inklusion. Im Februar forderte Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, ein Moratorium bei der Inklusion, weil die Regelschulen darauf zu wenig vorbereitet seien. Das Inklusionsgebot gilt seit fast einem Jahrzehnt, da muss man sich fragen, wie viele Jahre noch ins Land ziehen sollen, bis man sich dem hierzulande gewachsen fühlt.

Elite bangt, Politik kuscht

Raul Krauthausen, Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit, wertet Forderungen nach einem Aussetzen oder Überdenken der Inklusion als Armutszeugnis für die Bildungspolitik. Zu Recht: Die Bildungspolitiker der Länder scheinen davon auszugehen, dass es Inklusion zum Nulltarif gibt, und setzen auf eine kostenneutrale Gestaltung. Für Fahrstühle und andere bauliche Maßnahmen zur Herstellung von Barrierefreiheit und für die Gewährleistung eines ausreichenden Personalschlüssels muss man aber Geld in die Hand nehmen. Dass es um die Ressourcen der Schulen hierzulande auch vollkommen unabhängig vom Thema Inklusion schlecht bestellt ist, steht allerdings außer Frage. Schon ewig begleiten uns die Bilder von maroden Schulgebäuden, die seit Jahrzehnten nicht modernisiert wurden. Der Mangel an Lehrern und Sonderpädagogen besteht ebenfalls seit Jahren, schon 2005 häuften sich in den Medien alarmierende Meldungen. Die Schulbehörden wurden bei ihrer Bedarfsplanung davon „überrascht“, dass eine ganze Lehrergeneration in Rente ging.

Entsprechend entlarvend findet Krauthausen, dass sich der Frust über die Zustände an den Schulen nun ausgerechnet in der Debatte um den Regelschulbesuch von Kindern mit Behinderung entlädt. Dass die Bundesrepublik im Vergleich mit anderen Industriestaaten eines der ungerechtesten Schulsysteme der Welt hat und sich daran auch seit dem sogenannten Pisa-Schock der nuller Jahre nichts geändert hat, sorgt schon lange nicht mehr für die Empörung, die angemessen wäre. Stattdessen scheint der schulpolitische Frieden vom Wohlergehen des Gymnasiums abzuhängen. Der Umstieg von G9 auf G8 sorgte für Proteststürme gegen das „Turbo-Abi“. Inzwischen haben sämtliche Bundesländer diese Reform zurückgenommen. Wenn die Oberschicht und die obere Mittelschicht des Landes um den Schulerfolg ihrer Sprösslinge bangen, dann weiß man, es dauert nicht lange und die Politik knickt ein. Trotz aller Lippenbekenntnisse zu mehr Chancengerechtigkeit und trotz des Wissens, dass Kinder aus ärmeren Schichten wesentlich geringere Chancen auf eine Empfehlung für das Gymnasium haben als die Kinder von Akademikern. Seit dem Siegeszug des Neoliberalismus begleitet uns die Leistungsträgerideologie. Um die Karrierechancen des eigenen Nachwuchses zu sichern, setzen besser verdienende Eltern verstärkt auf ihre Kampagnenfähigkeit. Eindrucksvoll beobachten konnte man das, als die Initiative „Wir wollen lernen“ 2010 in Hamburg eine Schulreform zum Scheitern brachte, die mit längerem gemeinsamen Lernen für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen sollte. Der Name der Initiative war reiner Euphemismus, die Kampagne, an der sich Anwälte, Ärzte und Marketingexperten beteiligten, probte den Klassenkampf von oben, um zu verhindern, dass ihre Kinder die Schulbank länger mit jenen aus ärmeren Verhältnissen, die hierzulande gerne mit abwertenden Attributen wie „sozial schwach“ oder „bildungsfern“ versehen werden, teilen. Dazu passt, dass die Debatte um Inklusion in dem Moment schärfer wurde, als klar wurde, dass das Inklusionsgebot auch für Gymnasien gilt. Im Jahr 2014 war Henri, ein elfjähriger Junge mit Down-Syndrom, der bekannteste Schüler der Republik. Seine Eltern wollten ihn in einer Regelschule anmelden, entsprechend dem durch die UN-Konvention garantierten Rechtsanspruch. Sowohl das örtliche Gymnasium seiner Heimatstadt als auch die Realschule lehnten ab. Danach tobte in Deutschland ein erbitterter Streit darüber, ob der Inklusionsgedanke mit dem Leistungsanspruch des Gymnasiums vereinbar sei. Ungeachtet der Tatsache, dass sich Gymnasien bisher kaum an der Inklusion beteiligen und die Inklusionsklassen vor allem an Gesamtschulen, Stadtteilschulen und Sekundarschulen anzutreffen sind. Meidinger, der Präsident des Lehrverbands, begründete seinen Vorstoß für ein Moratorium der Inklusion übrigens auch mit der Warnung, dass der Lernfortschritt aller Kinder – ob mit oder ohne Behinderung – gefährdet sei, wenn die Leistungsheterogenität eine gewisse Schwelle überschreite. Die OECD, die die Pisa-Studien durchführt, wertet Heterogenität zwar eher als Chance denn als Herausforderung für die Schüler, aber das scheint in der deutschen Inklusionsdebatte kaum jemanden zu interessieren.

Attacke von CDU und FDP

Auch dass Bildungsforscher in Untersuchungen festgestellt haben, dass die Leistungen der Förderschüler in Inklusionsklassen etwas besser und die der Regelschüler nicht schlechter werden, wird selten thematisiert. 2015 hat der UN-Ausschuss seinen Bericht zum Stand der Inklusion vorgelegt, die Bundesrepublik schnitt im internationalen Vergleich miserabel ab. Befürworter der Inklusion sehen einen Grund im gegliederten Schulwesen, das Kinder mit Förderbedarf, mit Migrationshintergrund oder aus finanzschwachen Familien diskriminiert. 2019 wird die UN ihren nächsten Bericht vorlegen, angesichts einer gesellschaftlichen Stimmung, in der das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung zunehmend als Zumutung gewertet wird, muss man nicht optimistisch sein, dass der Befund besser ausfällt als 2015.

CDU und FDP haben während des Landtagswahlkampfs in Nordrhein-Westfalen explizit die schulische Inklusion attackiert. Mit Erfolg: Seit Mai vorigen Jahres regieren sie das Land. Nun kümmern sie sich um die Rettung der Förderschulen, die ihre rot-grünen Vorgänger sukzessive abschaffen wollten. Aus guten Gründen, wenn man bei der Inklusion zweigleisig fährt und auf ein Nebeneinander von Regel- und Förderschulen setzt, wird es schwer, für beide eine ausreichende Zahl Sonderpädagogen zu finden. Wobei auffällt, dass zurzeit auch eine Heerschar von Sonderpädagogen für „lernbehinderte“ Kinder gefordert wird. Das Wort „Lernbehinderung“ existiert ausschließlich in deutschsprachigen Ländern, und nur dort existieren Förderschulen für das Lernen, unter anderem für Kinder mit ADHS-Diagnose, Leseschwäche oder Schwierigkeiten beim Rechnen. Anderswo spricht man lediglich von Lernschwächen oder Lernproblemen, im Kontext einer Behinderung wird das nicht verortet. Abgesehen von der mangelnden Trennschärfe, wenn es um die Beschreibung von Behinderung geht, scheint man hierzulande auch Probleme zu haben, zwischen Integration und Inklusion zu differenzieren. Inklusion bedeutet, dass alle Menschen selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Menschen mit Behinderungen müssen sich nicht mehr integrieren und an die Umwelt anpassen, sondern die ist von vornherein so ausgestattet, dass alle Menschen gleichberechtigt leben können. In Deutschland wird das Thema Inklusion im Moment fast nur auf den schulischen Bereich begrenzt. Dabei müssten die bestehenden Missstände bei der Umsetzung der Barrierefreiheit definitiv für Empörung sorgen. Jeder vierte Bahnhof der Republik war vor zwei Jahren noch nicht barrierefrei. Gegen die halbherzigen Änderungen des Behindertengleichstellungsgesetzes, die vor zwei Jahren von der schwarz-roten Bundesregierung beschlossen wurden, protestierten fast nur Menschen mit Behinderungen. Während in anderen Ländern auch die Privatwirtschaft in die Pflicht genommen wird, hat die Bundesregierung darauf verzichtet. Entsprechende Anträge von Grünen und Linkspartei wurden abgelehnt. Mit dem Ergebnis, dass Ämter und Behörden zwar barrierefrei werden sollen – aber wenn der Supermarkt, das Kino, Café oder Schwimmbad unzugänglich bleiben, kann von Teilhabe keine Rede sein.

06:00 30.04.2018

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