Florida, mein Tod

Literatur Colson Whitehead erzählt vom rassistischen Terror der 1960er
Florida, mein Tod
Metallkreuze auf einem Kinderfriedhof in Marianna, Florida

Foto: Imago Images/ZUMA Press

Der Tag, an dem für Einserschüler Elwood Curtis das Leben beginnen soll, ist das Ende. Er gerät in eine Polizeikontrolle und wird das College, an dem er einen Platz bekommen hat, nie erreichen. Stattdessen landet er in einer Erziehungsanstalt, die nach dem früheren Direktor Trevor Nickel nur „Nickel“ genannt wird. Es sind die frühen 60er in Florida, die Zeit, auf die Donald Trump mit „Make America Great Again“ rekurriert. Für Elwood wird sie zur Hölle. Der Leser weiß das – im Unterschied zum Protagonisten – von Anfang an. Colson Whitehead erzählt die Geschichte der Nickel Boys vom Ende her.

Eine Archäologie-Studentin stößt auf dem ehemaligen, jetzt brachliegenden Gelände der Erziehungsanstalt, auf dem Lofts entstehen sollen, auf einen Friedhof: Leichen mit von Schrotkugeln durchlöcherten Brustkörben, eingeschlagenen Schädeln, deformierten Knochen. Forensiker fördern Spuren schwerster Misshandlungen zutage.

„Nickel“ ist ein Ort des Grauens, ein Terrorregime, das Whitehead mit einem Wechselspiel aus Rückblenden und Gegenwartsbeschreibungen vor Augen führt. Auf explizite Schilderungen muss er bei dieser klug gewählten Erzählstrategie nicht zurückgreifen, da reichen schon die Beschreibungen von den Jahrestreffen derjenigen, die die „Erziehungsanstalt“ überlebt haben. Die Sprachlosigkeit, das Schweigen, die Schlaflosigkeit, die Alpträume, der Alkohol. „Nickel“ zu entfliehen hat keiner geschafft.

Aber ihre Geschichte will bis zum Fund der Archäologie-Studentin keiner hören. Das überrascht nicht, den dieser Ort ist Menschen vorbehalten, die keine Lobby haben. Afroamerikaner wie Elwood, der beim Trampen auf dem Weg zu seinem ersten Collegetag in ein gestohlenes Auto einsteigt, weiße Jugendliche aus der Unterschicht. Nach „Nickel“ wird man nicht verfrachtet, wenn die Eltern das Geld für einen guten Anwalt haben.

Bei einer staatlichen Institution, in der Rassismus, Gewalt und Willkür herrschen, schaut die Gesellschaft weg, bis Verdrängung angesichts der Gräber unmöglich wird. Die Aufseher, die Honoratioren der Stadt, der Direktor dieser Anstalt, viele von ihnen sind Anhänger des Ku-Klux-Klans, leben unterdessen als unbescholtene Bürger weiter. Einer wird sogar als Ehrenbürger ausgezeichnet. „Sich den Gedanken an Flucht zu versagen, selbst den leisesten Hauch dieses Gedankens, hätte bedeutet, das eigene Menschsein abzutöten“, sagt Elwood. Der Soundtrack seiner Jugend, die in der Erziehungsanstalt zerschellt, ist eine Platte mit den Reden Martin Luther Kings. Die Bürgerrechtsbewegung bleibt identitätsstiftend, auch die Freundschaft mit seinem Mitinsassen Jack Turner.

Doch es ist Willkür, die Solidarität fast unmöglich erscheinen lässt. Wenn die Jungen im Schlafsaal liegen, wissen sie nie, wen sich die Aufseher herauspicken werden, um zu foltern, sexuell zu missbrauchen, in eine Arrestzelle wegzusperren.

In einem Interview mit der New York Times sagt Whitehead, dass er eigentlich einen ganz anderen Roman geplant hatte, dann kamen 2014 Zeitungsberichte über die „Dozier School for Boys“, der „Nickel“ nachempfunden ist. Die Akribie, mit der Whitehead Fakten in die Fiktion einbindet, erinnert an In Cold Blood von Truman Capote. Wurde der mit National Book Award und Pulitzer-Preis ausgezeichnete Vorgänger Underground Railroad hierzulande oft als inneramerikanische Auseinandersetzung mit der Sklaverei und dem institutionalisierten Rassismus rezipiert, ist klar: „Nickel“ könnte nicht nur überall gewesen sein, es war auch überall. In Europa gab es ebenfalls Erziehungsanstalten, die darauf abzielten, Menschen zu brechen. In Zeiten, in denen der liberale Rechtsstaat weltweit unter Beschuss gerät, kann man Die Nickel Boys als Parabel darüber lesen, was es bedeutet, wenn Menschen das Recht, Rechte zu haben, abgesprochen wird.

Info

Die Nickel Boys Colson Whitehead Henning Ahrens (Übers.), Hanser 2019, 224 S., 23 €

06:00 30.06.2019
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