Keine Zierde

Absage Die Kinderbuchautorin Kirsten Boie hat einen Preis des Vereins Deutsche Sprache abgelehnt – weil dessen Vorsitzender nach rechts driftet
Keine Zierde
Kirsten Boie, 2011

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Seine Fans kann man sich nicht aussuchen, von wem man sich einen Preis verleihen lässt, hingegen schon. Vorige Woche wollte die Hamburger Regionalgruppe des Vereins Deutsche Sprache (VDS) die Kinder- und Jugendbuchautorin Kirsten Boie mit dem Elbschwanenorden ehren. Daraus wurde nichts. „Das ist kein Verein, von dem ich einen Preis annehmen möchte“, befand Boie, nachdem sie sich darüber informiert hatte, wer sie da eigentlich auszeichnen wollte. Bislang war der Verein der Öffentlichkeit auch weniger durch Huldigungen samt Orden bekannt, sondern für den Negativpreis „Sprachpanscher des Jahres“, den er seit 1998 vergibt.

Boie begründete ihre Entscheidung mit den rechtspopulistischen Äußerungen des Bundesvorsitzenden Walter Krämer. Der ist übrigens weder Linguist noch Germanist, er studierte Mathematik und Wirtschaftswissenschaften und ist Statistikprofessor an der Universität Dortmund. In ihrem Absagebrief zitiert Boie Krämers Gerede vom „aktuellen Meinungsterror unserer weitgehend linksgestrickten Lügenpresse“, von der „Überfremdung der deutschen Sprache“ und vom „Genderwahn“. Mehr als „die verkürzte und realitätsfremde Vorstellung von Sprache“ erschrecke sie an den Äußerungen „wie genau sie sich ausgerechnet in einer Zeit, in der wir mit Sorge einen Rechtsruck in Teilen der Bevölkerung beobachten müssen, in deren Argumentationsgänge“ einfügten, schreibt Boie.

Auf Twitter bekam sie viel Applaus für diese politisch begründete Preisabsage, in den Kommentarspalten der Zeitungen klang das schon anders. Da wurde seltener Boies Rückgrat gelobt, stattdessen war oft von Gratismut die Rede oder von Anbiederung an das juste milieu. Von Mails voller Hass und Verachtung, die seine Autorin erreichen, berichtet der Oetinger-Verlag. Das passt zu Boies Diagnose vom Rechtsruck. Die von ihr zitierten Äußerungen Krämers sind ein paar Jahre her. Von seinem Feldzug gegen den „Genderwahn“ will er aber weiterhin nicht lassen. 2019, kurz vor dem internationalen Frauentag, veröffentlichte der Verein einen „Aufruf zum Widerstand“ und forderte: „Schluss mit dem Gender-Unfug!“. Zurzeit nimmt der Verein Deutsche Sprache die Öffentlich-Rechtlichen, die man dort schon mal „Volkserzieher“ nennt, ins Visier. Kürzlich schrieb Krämer Protestbriefe an die Rundfunkräte von ARD, ZDF und Deutschlandradio, in denen er sich über den gesprochenen Genderstern beschwerte. Halten ihm die „Volkserzieher“ ein Mikrofon hin, redet er aber bereitwillig mit ihnen.

Gegenüber Deutschlandfunk Kultur gab er sich mit Blick auf Boies Absage generös. Er selbst habe sie zuvor nicht gekannt, werde nun aber etwas von ihr lesen und gehe davon aus, es werde ein schönes Buch. Ob Opa steht auf rosa Shorts oder die Der kleine Ritter Trenk-Reihe mit ihrem Verzicht auf Gender-Klischees seinen Geschmack treffen, ist nicht ausgemacht. Im Interview gab FDP-Mitglied Krämer auch zum Besten, gerade Liberale seien eine „beliebte Zielscheibe“ in den Medien. Man fragt sich, wie der Mann einen Wahlkampf mit Slogans wie „Digital first, Bedenken second“ verkraftet hat, schließlich verfolgt der VDS seit Krämer ihn 1997 gründete, das Ziel, die „Vermanschung des Deutschen mit dem Englischen“ aufzuhalten. 2013 ging der „Sprachpanscher des Jahres“ an den Duden, weil der dem Laptop nicht den vom VDS favorisierten Begriff „Klapprechner“ zufügte.

Manschen, panschen, das erinnert an Sandkasten oder an Lebensmittelskandale wie Glykolwein und auch das vom Verein 2003 initiierte Projekt „Deutschland sucht den Superdichter“ dürfte nicht nur das Sprachgefühl von Germanist*innen und Literaturwissenschaftler*innen gestört haben. Vielleicht war das der Grund, warum man den Verein Deutsche Sprache lange belächelt hat. Seit 2016 sprechen einige Medien besorgt von der Pegidisierung des Vereins. Ein Reporter der Zeit beobachtete aber schon 2003, wie sich Krämer zum Demagogen wandelte, jede Provokation bescherte ihm noch mehr Aufmerksamkeit des Blätterwaldes. Wären ihm nicht allzu bereitwillig viele Mikrofone entgegen gereckt worden, würde sich Krämer vielleicht heute ein wenig „lost“ fühlen. So lautet übrigens das Jugendwort 2020.

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