Kaum eine mag Peer

Polemik Umfragen zeigen: Steinbrück wird von den Frauen nicht gern gesehen. Warum bloß haben die Sozis einen Hang zum Supermacker?
Kaum eine mag Peer
SPD-Kanzleranwärter Peer Steinbrück: Norddeutsch-schnoddrig und mit Besserwisser-Mimik

Foto: Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Die Umfragen machen dem Herrn mit dem Hang zur klaren Kante wenig Mut. Peer Steinbrück wird von den Frauen nicht gern gesehen. Laut einer SPD-Umfrage mögen deutlich mehr Männer Steinbrücks Art als Frauen.

Es ist das alte Sozi-Problem. Aus purer Angst, vom Volk nicht ernst genommen zu werden und als nicht regierungsfähig eingeschätzt zu werden, greifen sie seit Jahrzehnten zur „dicken Hose.“ Ob Helmut Schmidt, Gerhard Schröder oder jetzt der reiche Peer. Der Soz hört es gern schnarren und röhren. Schlage nach bei Schröder: „Frauengedöns und Basta“ schwurbelte es einst beim Gerd. Im Irrglauben, einfache Hauptsätze würden eine Vision ersetzen, wurden dann vom Pipeline-Putin-Freund Mackersätze wie „Ohne Bier streike ich hier“ serviert. Politik aus der Pilskneipe. Das galt als volksnah.

Und jetzt Peer, ein veritabler Geysir, der bei jeder Gelegenheit flotte Sprüche versprüht und sich als rund um die Uhr arbeitende Unzufriedenheitsfabrik erweist: Norddeutsch-schnoddrig und wieder einmal mit Besserwisser-Mimik wird die Welt erklärt. Klappt bei Männern. Klappt nicht bei Frauen. Sind die zu doof für Peer? Oder ist es vielleicht vielmehr so, dass seit Angela Merkel die Zeit des Silberrückens schlicht vorbei ist? Die Frau aus der Uckermark hat in ihrer Regierungszeit nicht nur jeden Pavian – und mag er noch so einen großen roten Arsch gehabt haben – mit stiller Beharrlichkeit im richtigen Moment vom Felsen gestürzt. Sie hat auch das Nüchterne zurückgebracht. Das Unaufgeregte. Ihre politischen Entscheidungen sind fragwürdig, das sie umgebende Personal bestenfalls medioker. Dennoch steht sie felsenfest im Amt, und das nicht nur in den Umfragen. Die Zipfelspiele auf Schulhof-Niveau überlässt sie den Männern um sie herum. Das gilt vor allem für die CSU-Jungs. Da spricht man dann nicht mehr von „Personal“, da heißt es dann wohl eher „Insassen“.

Einer, der Sturm oder Elbeflut trotzt

Aber der Soz lernt nicht daraus. Mit jemandem wie Hannelore Kraft wäre ein Sieg möglich. Sie spricht ruhig, gräbt ungeniert im Kompetenzfeld der Kanzlerin und ist mehr als mehrheitsfähig – in allen Bevölkerungsteilen. Dumm nur, dass die Jungs der SPD in Berlin das schon unter sich ausgemacht hatten.

Doch woher kommt das Suchen der Sozen nach Deutschlands Supermacker? Es sind zwei Faktoren. Zum einen hat man in Deutschland eine schwiemelige Art, auf die alten Herren Schmidt, Wehner und Brandt zu verweisen, wenn man handfeste Politiker meint. Aber Gott sei es gelobt, diese Zeit ist vorbei. Es war putzig, es war immer Loriot-artig, aber es passt nicht mehr in diese Zeit. Unsere Krisen, ob Euro, Banken oder Nahost, lassen sich nicht mit der Silberrücken-Attitüde der Nachkriegskaste lösen. Da braucht es mehr Grundschule Sauerland, um die komplexen Zusammenspiele und -hänge der einzelnen Akteure zu verstehen und vor allem zu erklären. Der hingerotzte Halbsatz, der im Zigarettenrauch untergeht, reicht nicht.

Zweiter Punkt: Lange Jahre galt, dass die SPD nicht mit Geld umgehen kann. Seit Schwarz-Gelb regiert, denkt man das aber nur in restinzestiösen Winkeln Bayerns. Dennoch glauben die Roten, die Mehrheit in Deutschland hielte sie für nicht salonfähig. Es ist die eigenartige Kultur der Arbeiterpartei, dem Image der Macher und kühlen Lenker hinterherzulaufen. Gesucht wird einer, der Sturm oder Elbeflut trotzt, einer mit Auf-die-Tischplatte-hauen-Kompetenz und dem Willen, den politischen Gegner sofort und ohne Umschweife füsilieren zu wollen.

Dumm nur, dass die Zeit des Haurucks vorbei ist. Und dass Solipsismus schon immer eine alberne Sache war. Die Politik des 21. Jahrhunderts ist komplexer und globaler als noch vor ein paar Jahrzehnten. Dumme Drohungen wie die mit der Kavallerie kann man sich bestenfalls als CSU-Kasper leisten. Heute ist das Grundgerüst für moderne Politik nicht mehr poltern, sondern placken. Die Zeit des seligen Schachspiels und Cognac-Trinkens ist vorbei. Die SPD ist weit weniger modern als jede Partie um sie herum. Selbst die Untoten der FDP leisten sich Quartalspolterer wie Kubicki nur noch als Pausenclown. Nun ist der Zug für die SPD abgefahren. Mit der Entscheidung für Steinbrück hat man sich in der SPD für eine weitere Zeit des Zerreibens unter 30 Prozent und Merkels staubtrockenes Regiment entschieden. Aber dafür darf dann der Peer wieder brav mit der Kanzlerin vor die Kamera und Sicherheit vorgaukeln.

Anbei eine kleine Gockel-Galerie:

Schröder

Kohl

Brandt und Kohl

16:07 30.10.2012
Geschrieben von

Martin Calsow

Schriftsteller ("Quercher und die Thomasnacht", "Quercher und der Volkszorn", "Quercher und der Totwald") und Journalist, lebt am Tegernsee.
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Martin Calsow

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