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Griechenland-Kritik Ob Griechen, prekäre Lebensverhältnisse oder Migranten: Wir Deutsche sind Meister in der Disziplin der kalten, distanzierten Besserwisserei
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Rief große Kritik hervor: die Moderation von Günther Jauch vergangene Woche, als Yanis Varoufakis zu Gast war

Foto: Screenshot, Ard Mediathek

Ich lese zwei Artikel auf der Online-Seite des SPIEGELS. Die eine Geschichte handelt von Deutschen, die eigenes Geld für die Entschädigung deutscher Kriegsgräuel in Griechenland spenden wollen. Das kann naiv, das kann sinnlos sein. Erst einmal ist es aber ein Akt der Herzlichkeit. Die Kommentare zum Artikel darunter sind allerdings von einer gnadenlosen Häme und einem dumpfen Unverständnis geprägt.

Der zweite Artikel rezensiert ein Buch. Es beschreibt den sozialen Abstieg eines jungen Paares, Geisteswissenschaftler. Die Angst vor dem Scheitern. Und auch hier wieder folgen nahezu ekelerregende Schlauschwein-Kommentare und Häme-Kübel Bemerkungen.

Ob Griechen, prekäre Lebensverhältnisse oder auch Migranten: Wir Deutsche sind Meister in der Disziplin der kalten, distanzierten Besserwisserei. Tagelang diskutieren wir über eine Geste eines Finanzministers. Über das Leid von Millionen Menschen sprechen wir nicht. Sicher, die Griechen haben jahrelang diese Eliten gewählt, die den Bankrott des Landes zu verantworten haben. Aber ist es der Anspruch einer deutschen Zivilgesellschaft, den Schlaumeier herauszukehren? Die Griechen stehen mit dem Rücken an der Wand. Überall in der Welt macht man sich über ihr marodes Land lustig. Wann sind wir so herzlos, so fett geworden, dass wir unsere moralisch-ethischen Schuhe nicht mehr zubinden konnten? Mit der Attitüde, die wir an den Tag legen, hätten die Alliierten unser Land 1945 mit einem gigantischen Ackerpflug ins Mittelalter zurückfurchen können. Haben sie aber nicht – aus politischen, geostrategischen und eben auch aus zivilisatorischen Gründen.

Griechenland, zerfressen von Korruption und Misswirtschaft und geführt von Eliten, leiht sich sehr viel Geld, um Banken zu retten, in die wiederum sehr viele andere Banken sehr vieler anderer Länder investiert hatten. Deutschland rettet sich also gerade mit jedem Euro selbst, während in Griechenland die Menschen ohne jede Perspektive sind. Und man sollte zumindest die Würde besitzen zuzugeben, dass es einem Land wie Deutschland auch so gut geht, weil es anderen so schlecht geht. Stattdessen mokiert man sich über einen angeblichen Stinkefinger. Mag sein, dass die Griechen nicht immer perfektes Benehmen an den Tag gelegt haben. Aber wir, wir sind unglaublich zynisch und verachtend.

Mir geht es nicht um die Lösung der Krise in Griechenland. Mir geht es um den hämischen Ton unserer Kommentare, unserer Beurteilungen. Es reicht nicht, auf das Schmierenblatt BILD zu verweisen. Zuweilen erscheint es, als würde diese Häme nahezu lustvoll betrieben. Mir geht’s gut, denen nicht. Ich habe das richtige Studium gewählt, Ihr eben nicht. Ich wohne in Bayern, die anderen nicht. Sollen die anderen doch erst einmal ihre Hausaufgaben machen.

Würden die anderen, zum Beispiel die Griechen, das wirklich tun, würden sie ihre Eliten zur Rechenschaft ziehen. Sie würden die Strukturen aus Politik, Finanzwelt, Militär, Medien und Wirtschaft offenlegen und zerschlagen. Sie würden eine Vision einer humanen, wirklich demokratischen Gesellschaft entwickeln, autonom vom Gängelband weniger, getrieben von der Idee eines Staats mit einer Perspektiven für alle. Doch genau das fürchten die EU, Frankreich und Deutschland. Denn angesichts eines solchen Vorbilds müssten auch sie ihre Systeme und Strukturen in Frage stellen. Aber uns geht’s ja gut. So lange der Bauch voll, der nächste Urlaub gesichert ist, gibt’s keine Fragen. Verlierer wird es immer geben.

An unserer Artikulation, unserem Auftreten anderen gegenüber, ob im In- oder Ausland, misst sich unsere zivilisatorische Entwicklung. Mögen jene, die diesen Hass, diese Klugschweinerei ins Netz stellen, nie jenen Grad der Verzweiflung erleben wie die Ertrinkenden im Mittelmeer, die Selbstmörder in Griechenland, die Gesellschaftsverlierer in unserem eigenen Land.

16:02 20.03.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Martin Calsow

Schriftsteller ("Quercher und die Thomasnacht", "Quercher und der Volkszorn", "Quercher und der Totwald") und Journalist, lebt am Tegernsee.
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Martin Calsow

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