Take me home

Luftbrücke Am 2. April startet ein Flugzeug mit 300 gestrandeten Reisenden von Mumbai in Richtung Deutschland. In jenem Flugzeug sitze ich, während ich diese Zeilen schreibe ...
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Take me home
Aus dem wie ausgestorbenen Mumbai geht es nur noch mit wenigen Flugzeugen nach Deutschland

Foto: Indranil Mukherjee/AFP via Getty Images

Es ist wohl die größte Rückholaktion der Geschichte, die dieser Tage durch das Auswärtige Amt durchgeführt wird. Über 183.000 Touristen und Reisende wurden bisher im Wege der sogenannten Luftbrücke nach Deutschland zurückgebracht, davon alleine 3.200 aus Indien. „In vielen Regionen gestaltet sich die Rückführung auf Grund der Ausgangssperren leider überaus schwierig – aber wir bleiben dran,“ verkündet der indische Botschafter Lindner in seiner täglichen Videobotschaft auf Twitter und bittet um Geduld. Am 02. April endlich startet ein weiteres Flugzeug von Mumbai mit 300 in Indien gestrandeten Reisenden in Richtung Deutschland. In jenem Flugzeug sitze ich, während ich diese Zeilen schreibe.

Dies ist die Geschichte einer Nacht und Nebel Aktion, wie sie gut in einen Film passen würde – aber es ist kein Film, sondern das wahre Leben – mein Leben.

Zurück auf Anfang. Ich war von Bangalore, der Stadt, in der ich eigentlich gerade vorübergehend wohne, zu Freunden auf eine Farm gereist. Einerseits um im Westen des Landes Termine wahrzunehmen, andererseits um von einem sicheren Ort aus zu beobachten, wie die Dinge sich mit der allmählichen Zunahme von Corona-Fällen weiter entwickeln würden. Nachdem in Indien dann innerhalb weniger Tage der totale Shut Down inklusive einer strengen Ausgangsperre verhängt worden war, saß ich in Gujarat auf dem Land fest. Ungewiss, wie die Lage in Indien sich weiter entwickeln würde, ungewiss auch, wann der internationale Flugverkehr sich wieder normalisieren würde. Die Situation auf dem Land ließe sich an sich gut aushalten, aber als schließlich auch die Sorge meiner Freunde und Familienangehörigen in Deutschland drängender werden, beschließe ich schweren Herzens, mich für das Rückholprogramm des Auswärtigen Amtes anzumelden und meinen Auslandsaufenthalt damit vorzeitig zu beenden. So weit, so einfach. Die Anmeldung ist simpel, man registriert sich online, gibt den aktuellen Aufenthaltsort an und von wo nach wo man gerne fliegen möchte, hinterlässt Kontaktdaten und dann heißt es erst einmal warten.

Gujarat ist der indische Bundesstaat, der sich nördlich von Mumbai entlang der westlichen Küste erstreckt. Am besten wäre es für mich, zurück ins rund 1.300km entfernte Bangalore zu reisen, dort meine restlichen Sachen einzusammeln und dann von dort nach Deutschland zu fliegen. Doch als ich schließlich in Kontakt mit dem Konsulat in Bangalore stehe, macht man mir unmissverständlich klar, dass diese Reise derzeit absolut unmöglich ist. Man empfiehlt mir, mich stattdessen an die Kollegen in Mumbai zu wenden, um von dort aus auszureisen. Allmählich wird mir bewusst, wie sehr ich in diesem Dorf in Gujarat festsitze. Die Situation auf dem Land ist zwar wesentlich sicherer als in der Großstadt, hier wegzukommen könnte nun aber zu einem Problem werden. Ich registriere mich also noch einmal für die Rückholung, diesmal mit Abflugort Mumbai.

Während ich auf Rückmeldung aus Mumbai warte und die letzten Tage des Lebens auf dem Lande und meines Aufenthalts in Indien so gut es geht genieße, fange ich an, gemeinsam mit meinen Freunden Möglichkeiten durchzuspielen, wie ich wohl von hier nach Mumbai kommen könnte. Erste Idee, mit dem Taxi. Klar. Und was würde das Kosten? Der Fahrer würde einen erheblichen Aufpreis verlangen, wenn er überhaupt bereit wäre zu fahren. Aber dürfen Taxen eigentlich noch fahren? Die Botschaft könnte mir ja einen Helikopter schicken, witzeln wir mangels anderer Ideen. Es ist beeindruckend, wie eine Strecke, die man sonst alltäglich, in vier bis fünf Stunden zurück legt plötzlich nahezu unüberwindbar werden kann. „Also ehrlich gesagt, fällt mir ansonsten nur die Polizei ein: Wenn sie ein Auto nach Surat schicken, können sie dich vielleicht mitnehmen“ schlägt meine indische Freundin vor und runzelt besorgt die Stirn: „Das wäre auf jeden Fall am sichersten.“

Als ich wenige Tage später vom Konsulat eine E-Mail erhalte, die mir vage einen Flug in Aussicht stellt, mit der Frage ob ich bis Mitte nächster Woche, irgendwie nach Mumbai kommen könne, greifen wir diese Idee dann tatsächlich auf. Genau genommen beschließen wir, dass ich mich an die nächstgelegene Kommunalverwaltung wenden sollte, die in der Kreisstadt sitzt. Ich schicke also eine E-Mail an den District Collector.

Drei Stunden später, wir sitzen gerade beim Abendessen, kommt offizieller Besuch. Ich bin inzwischen vorsichtig und warte erst einmal im Haus, um zu hören, was vor sich geht. Ich möchte es vermeiden, willkürlich in Quarantäne gesteckt zu werden, denn das könnte leicht das Ende für meine Rückreise bedeuten. Dann aber stellt sich heraus, es ist mein „Helikopter“. Der District Collector hat seinen hiesigen Vertreter geschickt. Man habe gar nicht gewusst, dass sich hier ein Ausländer aufhalte. Ich erkläre in wenigen Sätzen meine Situation. „Not an issue, not an issue“, er sichert mir seine uneingeschränkte Unterstützung zu. Ich bin mir nicht ganz sicher, was diese Unterstützung konkret heißt, aber für meine Freunde ist klar: „Jetzt kommst du auf jeden Fall irgendwie nach Mumbai.“

Zwei weitere Tage vergehen, mit Warten, Ungewissheit. Kann ich noch bleiben, oder nähert sich meine Zeit hier nun tatsächlich dem Ende? Mit dem Kopf nicht mehr ganz hier und auch noch nicht fort, hänge ich irgendwie in der Luft und versuche mich mit Tee trinken und Gartenarbeit abzulenken. Und dann geht plötzlich alles sehr schnell.

Dienstag Nachmittag 15 Uhr

Eine weitere E-Mail vom Konsulat in Mumbai. „Dies ist ein Aufruf für einen Flug nach Deutschland. Machen Sie sich bitte umgehend auf den Weg zu folgenden Treffpunkten“ heißt es dort und „Bitte sehen sie von Rückfragen ab, sie erhalten Hinweise in weiteren e-Mails.“ Noch am gleichen Abend soll ich in der nächsten Großstadt Surat an einem Treffpunkt erscheinen, von da soll es dann wohl mit einem Bus weiter gehen. Gerade die nötigsten Informationen, die einen von Ort zu Ort dirigieren, sind in der E-Mail enthalten. Es hat etwas von Schnitzeljagd.

Einige Minuten starre ich fassungslos auf meinen Rechner. Erstmal eine rauchen, Gedanken sortieren. Ich muss sofort los! Mich von meinen Freunden verabschieden, sie in Corona-Indien zurücklassen, Sachen packen, telefonieren, E-Mails schicken, meine „Flucht“ organisieren….

Meine Freundin hat noch einmal die letzten Details mit dem Verwaltungschef telefonisch geklärt, während ich immer noch telefoniere und letzte e-Mails zu schicken versuche. Ausgerechnet jetzt streikt natürlich das Internet! Auf jeden Fall Gesichtsmaske tragen und Handschuhe, rät sie mir.

Am morgen hatte ich meine Körpertemperatur gemessen: 37,2°C. Sollte sie um 0,1 °C steigen, werde ich weder in den Sammelpunkt gelassen noch in das Flugzeug. Sie steckt mir sicherheitshalber mit verschwörerischem Blick eine Paracetamol zu – für den Notfall – wir wollen uns alle nicht ausmalen, was es dieser Tage bedeutet in Mumbai festzusitzen – ohne Unterkunft, alle Hotels geschlossen.

Dienstag Abend 18 Uhr

Was in den Folgenden Stunden passiert, gleicht eher einem Agententhriller als meinem Leben. Gegen 18 Uhr fährt der Wagen des Verwaltungschefs vor. Zwei ernst dreinblickende Männer mit Mundschutz steigen aus. Letzte Wortwechsel zwischen meiner Freundin und den Beamten in der regionalen Sprache Gujarati, die ich nur in Bruchstücken verstehe. Ich lade mein Gepäck in den Wagen, verabschiede mich von meinen Freunden und steige auf dem Rücksitz ein. Nun geht es erst einmal auf das örtliche Polizeirevier, dort werden noch letzte Details mit dem Verwaltungschef besprochen. Alle starren mich an. Ich kann die Stimmung nicht so recht deuten. Irgendwie verhalten. Alle scheinen verunsichert. Noch einmal bekomme ich jegliche Unterstützung zugesichert, und alle Dokumente in ausgedruckter Form überreicht, die ich für meine Reise brauche: Eine Bestätigung meiner Ausreise von der örtlichen Polizei und einen „Passierschein“, d.h. eine Aufforderung mich ungehindert reisen zu lassen, ausgestellt vom Konsulat auf English, Hindi und Maharati. Da mein Handy-Akku fast leer ist -wie immer in solchen Situationen – schenkt der Verwaltungschef mir kurzerhand seine Powerbank. „Not an issue. Keep it.“

Dann geht es los. Mit einem mir persönlich zugeteilten Fahrer und einem Wagen, der vorne und hinten die Aufschrift „On governmental Duty“ trägt, über menschenleere Straßen. Der Wagen ist klimatisiert, die Fahrt angenehm. Wie in jedem guten Film, sieht es zunächst so aus, als würde alles glatt gehen. Ich sehe mich schon fast in Mumbai. Nur um sicher zu gehen, ob ich auch wirklich den richtigen Treffpunkt rausgesucht habe, rufe ich die Kontaktperson in Surat an. Der Mensch am anderen Ende hat gleich zwei schlechte Nachrichten für mich. Erstens, der Bus nach Mumbai hat vier Stunden Verspätung. Schon das ist ein Problem, denn der Fahrer kann mich nicht einfach irgendwo absetzen, in einer Stadt, die sich im kompletten Shut Down befindet. Wo sollte ich vier Stunden warten? Zurückfahren ist keine Option, denn dann komme ich vielleicht nicht mehr weg. Und kann ich überhaupt erwarten, dass der Fahrer mich mitten in der Nacht noch fährt? Was wenn er irgendwann einfach Feierabend macht?

Doch das zweite Problem ist viel größer. „Sie stehen nicht auf meiner Liste. – Die Polizei wird Sie auf keinen Fall in Surat in den Bus steigen lassen, wenn Sie nicht auf meiner Liste stehen.“ Ernüchterung schon nach den ersten 20 km.

Ich bitte den Fahrer, der nur Hindi und Gujarati spricht, kurz anzuhalten, um die Situation zu klären und erkläre ihm in meinem mittelmäßig eingerosteten Hindi, die Lage. Zunächst geht es um die Frage der Busverspätung. Mein Fahrer ist da jedoch erstmal ganz pragmatisch. Wie der Zufall es will, liegt sein Haus auf dem Weg. Wir könnten auf jeden Fall dort erst einmal hinfahren und dann weiter sehen. Telefonat mit dem District Collector, der diesen Plan absegnet und verspricht sich in Surat um irgendeinen Aufenthaltsort für mich zu kümmern. Wir erreichen das Haus des Beamten, inzwischen ist es Dunkel.

Dienstag Abend 19.30 Uhr

Nun das Problem mit der Liste. Die ganze Reise droht daran zu scheitern. Warum stehe ich immer noch nicht auf dieser Liste? Das Problem war am Nachmittag schon aufgetaucht und schien eigentlich in der Zwischenzeit geklärt, nach einigen Telefonaten und einer E-Mail. Aber mir ist klar, wenn die Kontaktperson in Surat sich querstellt, komme ich keinen Schritt weiter. Ich rufe bei der Notfallhotline des Konsulates an. Die Stimme einer jungen Frau am anderen Ende kann mich beruhigen, das Problem sei schon mehrfach aufgetaucht, sie kontaktiere ihre Kollegin, die soll sich dann bei mir melden. Sie selber könne mir dazu allerdings ansonsten erstmal gar nichts sagen.

Nun also warten auf den Rückruf. Ich verständige mich so gut es geht mit meinem Fahrer. Mein Eindruck, er wird langsam ungeduldig. Ratlosigkeit allenthalben.

Derweil sitze ich mit ihm und seinen beiden Söhnen im Wohnzimmer, während seine Frau nebenan in der Küche das Abendessen vorbereitet. Ich versuche höflich und so gut wie möglich small talk mit den Söhnen zu machen, die ebenfalls nur Hindi sprechen, während meine Gedanken parallel um die Liste kreisen. Das nenne ich Multitasking! – Es erfordert jedenfalls höchste Konzentration. Eine halbe Stunde später, immer noch kein Rückruf vom Konsulat. Ich rufe die Kontaktperson in Surat noch einmal an und nun, Gott sei Dank, bestätigt sie mir, gerade in diesem Moment eine E-Mail vom Konsulat erhalten zu haben. Ich darf also in Surat in den Bus steigen. Der ist allerdings immer noch nicht an seinem Startpunkt losgefahren. Aber die Kontaktperson wird mir Bescheid geben, wenn es soweit ist. Kurz darauf kommt auch noch der Rückruf vom Konsulat. Nun also doppelte Absicherung. Das gebe ich an meinen Fahrer weiter.

Da er immer noch unschlüssig wirkt, ob er mich nun umgehend nach Surat bringen soll oder nicht, schlage ich ihm vor, erst einmal hier zu warten. Das scheint für ihn in Ordnung zu sein, er wirkt erleichtert. Ich entschuldige mich für die Verzögerung, aber er versichert mit, dass er dieser Tage ohnehin immer bis Abends spät unterwegs sei, um Kontrollfahrten zu machen. Von allen anderen Aufgaben wurden er und seine Kollegen befreit. Nun, da das weitere Vorgehen geklärt ist, entspannt sich die Lage.

Ich mach weiter Smalltalk mit den Söhnen, mein Fahrer verschwindet zwischendurch und schließlich werde ich selbstverständlich eingeladen mit der Familie zu essen. Indische Gastfreundschaft ungebrochen. Auf diese Weise vergehen, die drei Stunden, die ich auf den verspäteten Bus warten muss, dann doch recht schnell und in entspannter Atmosphäre. Als ich mich schließlich verabschiede, wünscht seine Frau mir noch von Herzen alles Gute für die Reise und drückt mir eine Tüte mit Snacks und Keksen in die Hand. Der jüngere Sohn hat sich kurzerhand entschieden uns nach Surat zu begleiten und den Wagen zu fahren. Ihm ist deutlich anzumerken, dass er das Abenteuer genießt und die Tatsache, nach zwei Wochen Lockdown endlich mal wieder das Haus zu verlassen. Nun also können wir die Fahrt nach Surat über menschenleere Straßen fortsetzen. Alle paar Meter sind Straßenblockaden aufgebaut, gelegentlich sind sie mit Wachpersonal besetzt. Obwohl Surat zu einem anderen Regierungsbezirk gehört, werden wir nicht ein einziges Mal von der Polizei angehalten. Wir bahnen uns den Weg durch die menschenleeren Straßen, die komplett abgeschottete Stadt hat ein bisschen was von einer Geisterstadt.

Der ein oder andere rollt jetzt gelangweilt mit den Augen. Menschenleere Orte haben wir in den letzten Wochen genug gesehen. Das stimmt. Aber man muss sich vergegenwärtigen, dass in Indien in der Regel auf einen Quadratmeter gefühlt 1 Millionen Menschen kommen. Unvorstellbar, dass man dieses Gewusel, einfach per Erlass abschalten kann. Dieses menschenleere Indien, hat irgendwie etwas seltsam aufgeräumtes – fast europäisch, denke ich unwillkürlich.

Dienstag Abend 22.30 Uhr

Als wir am Treffpunkt ankommen steht dort bereits eine Handvoll indisch-aussehender Männer auf der Straße herum. Es stellt sich heraus, dass einer von ihnen meine Kontaktperson ist. Die anderen vier sind ebenfalls für den Flug registriert. Nun passiert erstmal eine ganze Weile gar nichts. Eine gute Stunde sitze ich im Auto und warte, während die Männer auf der vollkommen leeren Straße herumstehen. Irgendwann fährt ein Jeep vor, offensichtlich ein Regierungswagen – wie sich herausstellt der hiesige District Collector. Schließlich macht sich die gesamte Fahrzeugkollone auf den Weg einige hundert Meter weiter. Der Treffpunkt wurde noch einmal verlagert. Wieder heißt es warten. Dann irgendwann taucht aus dem nächtlichen Dunkel tatsächlich ein Reisebus auf. Vor dem Einsteigen werden alle Papiere, Passierscheine, Poizeifreigaben kontrolliert. Ich krame hektisch in meiner Tasche, bevor ich mit den anderen einsteige.

Die Busfahrt gleicht trotz der vollkommen leeren Straßen eher einem Stopp-and-Go. Bereits nach einigen Kilometern bleiben wir erstmal bis auf weiteres stehen. Zunächst sieht es aus, wie ein Pinkelpause. Einige Fahrgäste steigen kurz aus und wieder ein. Aber als sich nach geraumer Zeit noch immer nichts tut und ich nach und nach von Mosikitos zerstochen werde, werde ich ungeduldig, frage nun doch einmal nach. Wir warten auf einen weiteren Bus, der aus einer anderen Stadt im gleichen Bundesstaat kommt. Vermutlich sollen wir gemeinsam die Staatsgrenze in den angrenzenden Bundesstaat Maharashtra passieren. Irgendwann setzt die Fahrt sich im bekannten Stopp-and-Go fort. Ich nicke immer wieder ein und wache regelmäßig bei den stops wieder auf. Mein GPS tracking auf dem Handy zeigt mir, dass wir auch nach mehrstündiger Fahrt erst erstaunlich wenig Strecke gemacht haben. Normalerweise kann man Mumbai von Surat aus bei gewöhnlichem indischen Verkehr innerhalb von vier bis fünf Stunden erreichen. Vielleicht fahren die Inder einfach aus Gewohnheit langsam denke ich und nicke wieder ein…

Mittwoch Nacht 03.00 Uhr

Mitten in der Nacht werde ich erneut aus dem Schlaf gerissen. Diesmal steht ein Beamter in Uniform in der geöffneten Bustür. Ich, noch im Halbschlaf, versuche zu verstehen, was vor sich geht. Er ruft Namen auf und hakt eine Liste ab. Ich mache mich unsichtbar. Irgendwann bleibt sein Blick auf mir heften. Name? Ich antworte. Er versteht nicht. Meine Mitfahrer versuchen zu vermitteln, was dazu führt, das irgendwann in einer filmreifen Szene der halbe Bus meinen Namen wiederholt. Scheinbar will er mit mir reden. Ich bahne mir meinen Weg also durch den Gang nach vorne. Drei Beamten stehen mit einer Liste auf der Straße. Ich ahne das Problem. Erneut werde ich nach meinem Namen gefragt und biete dem Beamten schließlich an, selbst auf der Liste nachzuschauen. Die Beamten sprechen kein English, sind aber sehr höflich und sind offenbar erfreut darüber mit mir in Hindi kommunizieren zu können. Ich erkläre das Listenproblem vom Vorabend. Der eine nickt verständnisvoll, während dem anderen plötzlich lächelnd einfällt, dass es ja noch eine aktuellere Liste gibt. Er holt diese herbei. Aber auch darauf findet sich mein Name nicht. Im ersten Moment denke ich daran, noch einmal beim Konsulat anzurufen, aber dann fallen mir die Papiere von der Botschaft ein, die ich ja dabei habe. Noch einmal krame ich also Passierschein und co. hervor und halte sie den Beamten selbstsicher vor. Aber ich kenne die indishe Bürokratie und mir ist schon klar, dass die Liste noch immer ein Problem darstellt. Ich biete also, an meinen Namen handschriftlich hinzuzufügen. Meine Flugnummer möchte der Beamte nun noch wissen? Ich überlege kurz, erkläre, dass ich keine Flugnummer hätte, werfe noch einmal einen Blick auf seine Liste und biete stattdessen meine Passnummer an. Er nickt. Es war ihm offenbar nicht klar, dass es sich bei der letzten Spalte um die Passnummer und nicht um die Flugnummer handelt. Ich werde noch einmal mit einem typisch indischen Kopfschwenken bedacht, was soviel heißt wie, „Alles klar!“. Indische Bürokratie besiegt. Ich kann wieder einsteigen und weiter schlafen. Nach einer nicht enden wollenden Weiterfahrt erreichen wir schließlich gegen acht Uhr morgens das Hotel in Mumbai.

Mittwoch Morgen 08.00 Uhr

An dieser Stelle endet das Abenteuer. Ankunft in einem Luxushotel, fünf(!) Sterne, die Botschaft hat bereits Zimmer reserviert. Wir werden erwartet. Mich ereilt nach einem zweiwöchigen Aufenthalt auf einer Farm auf dem Lande bereits hier der erste Kulturschock. Der Hotelbetrieb ist latent skurril, da sich das Hotel ebenfalls im Shutdown befindet und die Mahlzeiten in Pappboxen aufs Zimmer geliefert werden – was Stunden dauert. Am Nachmittag dann noch einmal die offizielle und persönlich durchzuführende Registrierung für den Flug – und wie könnte es anders sein: Auch hier stehe ich wieder nicht auf der Liste. Doch auch dieser Irrtum kann innerhalb kurzer Zeit aufgeklärt werden. Der entsprechende Kollege vom Konsulat kennt bereits meinen Namen und auch die Dame mit der ich in der Nacht telefoniert hatte, treffe ich hier an. Es ist in der Tat ein überschaubares Team, dass in diesen Tagen wohl eine logistische und bürokratische Meisterleistung vollbringt.

Eingebetteter Medieninhalt

Am nächsten Morgen werden wir mit denselben Bussen, die uns in der Nacht quer durchs Land geschleust haben, zum Flughafen verbracht. Auf der finalen Chekliste beim Einsteigen, taucht mein Name dann tatsächlich auf. Körpertemperatur bei letzter Messung auf dem Zimmer, 36°C. Mit einem noch immer leicht mulmigen Gefühl im Bauch verzichte ich nach einem kurzen Zögern auf die Paracetamol. Am Flughafen spielen sich letzte skurrile Pandemie-Szenen in menschenleeren Terminals ab. Hier fehlt es ganz klar an Orientierungsmarken für den Herdentrieb. Ich bin die erste beim Check-in und bahne mir etwas verloren meinen Weg durch „kilometerlange“ Flughafenhallen und schließlich durch die Passkontrolle. Ausreise aus Indien und hoffentlich auf ein baldiges Wiedersehen! Die Stewardessen im Flugzeug tragen Seuchenschutzanzüge und Essen kann auf Grund der Hygienevorschriften ebenfalls nicht serviert werden, auf diesem Evakuierungsflug Air India 3810. Dann heben wir ab. Successfully repatriated!

17:57 06.04.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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