Kritik an AfD verzerrt unsere Wahrnehmung

Blinder Fleck Zurzeit schießt sich die gesamte Öffentlichkeit auf die AfD und Trump ein. Kritik muss sein, ist aber auch einfach und verspricht Quote. Sie fehlt an anderer Stelle
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Kritik an AfD verzerrt unsere Wahrnehmung
Credits: Sascha Steinbach / Getty Images

Zurzeit schießt sich die gesamte Öffentlichkeit auf die AfD ein. Kritik an dieser Partei ist simpel und verspricht Quote. Etablierte Medien, Politiker, Comedians, Kabarettisten und Blogger - sie alle greifen die täglich gelieferte Realsatire aus den USA oder dem Lager der AfD auf, scheinen aber zu vergessen, dass Rechts nicht nur am neuen rechten Rand des Parteienspektrums zu finden ist, sondern immer noch am alten – der CDU/CSU.

Kritik an der AfD und an Trump ist notwendig – keine Frage. Aber sie ist auch sehr einfach, denn die jeweiligen Akteure liefern ihre dümmlichen, reaktionären Inhalte täglich auf dem Silbertablett an uns. Diese werden aufgegriffen, scharf kritisiert oder parodiert und anschließend klopfen sich alle auf die Schulter und halten sich für die Retter der Demokratie.

Wir vergessen dabei leider folgendes: Je mehr sich unser Fokus nach rechts verlagert, desto weiter verschiebt sich der Rest nach Links. CDU/CSU, die konservativsten der etablierten Parteien fanden sich bislang am rechten Rand. Ihre Politik wird nun weniger stark angegriffen, wirkt gegenüber den Vorschlägen der AfD geradezu links, zumindest aber moderner, annehmbarer als sonst. Ein gefährlicher Trugschluss.

Wer Positionen der CSU mit denen der AfD vergleicht wird in den Bereichen Innenpolitik, Integration, Familienpolitik starke Parallelen finden. Auf Drängen der CSU führte die Regierung noch vor vier Jahren das Betreuungsgeld, auch als "Herdprämie" verspottet, ein. Es wurde zwar 2015 vom Bundesgerichtshof gekippt, die CSU hält jedoch an der Idee fest und zahlt in Bayern alternativ ein Landeserziehungsgeld.

CDU/CSU halten auch weiterhin an der Hetero-Ehe und den dahinterliegenden diskriminierenden finanziellen Subventionen fest, während sich mittlerweile alle großen anderen Parteien für eine liberalere Politik einsetzen – bis auf die AfD.

In puncto Flüchtlingspolitik toppt keine Partei die Forderung nach dem „Schießbefehl“ der AfD, dieser scheint jedoch nur eine logische Konsequenz der Obergrenze der CSU zu sein, die sich solch provokanter Begriffe enthält.

Es sei nochmals erwähnt, dass Kritik an der AfD notwendig ist. Doch stellt sich auch die Frage in welchem Maße und ob wir nicht ebenso notwendige Kritik an anderer Stelle vernachlässigen. Was ist gefährlicher: Eine Partei, die womöglich an der 5%-Hürde scheitert oder eine Partei, die als nicht wegzudenkendes Anhängsel der CDU seit Jahrzehnten in der Regierung mitbestimmt? Selbst wenn die AfD in den Bundestag einzieht – sie wird schwach vertreten sein. Die CSU wird weiterhin ihren rechten Stempel in die Politik der großen Koalition einprägen.

07:58 30.04.2017
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