Kritik des Opferbegriffs

Sexuelle Gewalt Wie bezeichnet man Menschen, die vergewaltigt wurden? Die Wissenschaftlerin Mithu Sanyal bezog Position und wurde dafür angefeindet. Nun geht die Debatte weiter
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Kritik des Opferbegriffs
Mithu Sanyal äußerte sich in einem Artikel in der "taz". Danach erhielt sie Vergewaltigungsandrohungen
Foto: Heinrich-Boell-Stiftung/Flickr (CC) www.flickr.com/photos/boellstiftung/14331675419

Mithu Sanyal, promovierte Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin der Bücher „Vulva – Die Enthüllung eines unsichtbaren Geschlechts“ und „Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens“ veröffentlichte vor 2 Wochen zusammen mit Marie Albrecht den Artikel „Du Opfer!“ in der Taz, in welchem sie die Verwendung des Opferbegriffs im Zusammenhang mit Vergewaltigung kritisiert und als Alternative „Erlebende sexueller Gewalt“ vorschlägt.

Das Medienecho war stark, große Tageszeitungen wie die Welt und FAZ kritisierten den Vorschlag, wie auch viele Initiativen und feministische Blogs und Blogger*Innen unter anderem Femen, Terre des Femmes, #ichhabenichtangezeigt, Störenfriedas, Emma oder Sprachwissenschaftlerin Luise Pusch. Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Thema gab es leider auch starke Entgleisungen von Hass gegenüber Mithu Sanyal, die, wie sehr häufig in von Feministinnen angestoßenen Debatten, mit Drohungen und Vergewaltigungswünschen überzogen wurde.

Sanyal und Albrecht hatten grob zusammengefasst folgende Thesen vertreten:

  1. Menschen werden von ihrem Umfeld nach einer Vergewaltigung nicht so behandelt, wie sie eigentlich behandelt werden möchten (Stigmatisierung). Sie selbst wurde von Betroffenen sexueller Gewalt darum gebeten, den Opferbegriff zu vermeiden
  2. Es kommt vor, dass Vergewaltigten eine Mitschuld angehängt wird
  3. Menschen brauchen offiziell ein Trauma oder einen Schaden, um Behandlungs-/Bewältigungsunterstützung zu erhalten
  4. Der Begriff Vergewaltigungsopfer fördert diese drei Umstände, weshalb sie es als sinnvoll erachten einen möglichst wertungsfreien Begriff zu finden, frei von Rollenverteilung und Motivation, ohne Zuschreibungen von aktiv/passiv und schlagen den Begriff Erlebende*r von sexueller Gewalt vor

Die bisherige Kritik lässt sich einfach zusammenfassen: Der Begriff Erlebnis ist zu positiv konnotiert, zu uneindeutig, die Neutralität sei nicht notwendig – Opfer sind immer passiv (die Welt). Ursula Scheer von der FAZ geht weiter, wirft den Autorinnen gleich zu Beginn Opferverachtung vor und kritisiert, dass es keine Täter gäbe, wo keine Opfer sind und dass es kein Erleiden gäbe wo es Erleben gibt. Ein von etlichen Initativen und Einzelpersonen unterzeichneter Protestbrief, veröffentlicht auf der Website diestoerenfriedas.de, wirft Sanyal Verhamlosung, Vereinnahmung, Dauerpräsenz in den Medien, zu dekonstruktivistisches Vorgehen und dadurch Verwischen der Strukturen über dem Einzelerlebnis vor. Es sollte klargemacht werden, dass Sanyal mit ihrem Vorschlag keinen Rückhalt aus dem Lager der Unterzeichner*Innen genießt.

Doch wie falsch ist der Vorschlag Sanyals und Albrechts nun wirklich? Welche Kritik ist berechtigt?

Zunächst sollte die Frage im Vordergrund stehen, wie man Vergewaltigten hilft, die Tat so gut wie möglich zu bewältigen und Vergewaltigungen generell zu verhindern.
Daran anlehnend, gehört die Frage, ob der Begriff des Vergewaltigungsopfers hilfreich für dieses Ziel ist. Opfer ist kein wertfreier Begriff, deshalb sollte es legitim sein, die damit verbundenen Wertungen und das Begriffsverständnis zu überprüfen, was Sanyal und Albrecht getan haben. Sprache ist unser maßgebliches Kommunikationswerkzeug, deshalb sollten wir stets überprüfen, ob sie unserer Kommunikation also dem Ausdruck von Gefühlen und Erwartungen noch zweckdienlich ist. Gerade von Feminist*Innen angestoßene Debatten, besonders seit der der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die auf Methoden des Poststrukturalismus und der Dekonstruktion basieren, haben große Erfolge erzielt, bspw. die sprachliche Unterscheidung von Sex , Gender, LGBTI, uvm.. Besonders im Bereich der Diskriminierung gab es in den letzten Jahrzehnten immer wieder Änderungen in der Verwendung bestimmter Begriffe und dem Verständnis darunter, so z.B. bei Selbstmord / Selbstmörder, gay, queer, Neger, Mohr, Negerkuss, Mohrenkopf und Zigeuner. Interessant ist zurzeit die Diskussion um den Begriff der Hure: für manche eine Beleidung, für manche ein Opfer von Menschenhandel, für manche eine selbstbestimmte Frau und für einen Teil der Huren / Prostituierten ein, in den letzten Jahren stark aufgewerteter und ohne Selbst-Stigmatisierung verwendetet Begriff.

Es mag richtig sein, dass der Opferbegriff historisch von Menschen- und Tieropfern stammt und deshalb per se irreführend ist. In der Justiz handelt es sich um einen, seit Jahrhunderten etablierten Begriff, der für Personen, die Schaden und Machtmissbrauch erfahren haben, steht. Es wird klassisch nach Täter und Opfer oder Geschädigtem unterschieden. Ein Opfer von Diebstahl, Einbruch, Entführung ist im ursprünglichen Sinne ebenso wenig ein Opfer im Sinne des Geopftert-Werdens wie juristisch ausgedrückt Opfer von Vergewaltigung. Lediglich in kultischen Zeremonien getötete Personen, dürften als klassische Opfer gelten. Es stellt sich also die Frage, ob der juristische Begriff Opfer nicht ohnehin geändert werden sollte, da er mehrfache Bedeutungen trägt. Wir könnten dann, Sanyals und Albrechts Vorschlag analog aufgreifend, von Unfallerlebenden, Einbrucherlebenden und Entführungserlebenden sprechen sofern wir das für geeigneter hielten.

Wie ist nun der Vorschlag Erlebende*r zu bewerten? Verharmlost er die Tat? Verharmlost er den Täter? Macht er die Vergewaltigung zum Erlebnis, zum Happening?

Das Erlebnis / das Erleben ist zwar per se neutral, aber in unserer Gesellschaft mittlerweile eher positiv konnotiert. Man spricht vom Erlebnis-Park, Erlebnis-Bad, Erlebnis-Hotel und von Erlebnis-Gastronomie. Wir assoziieren darunter positive, außergewöhnliche Erlebnisse und Erfahrungen. Das ist wohl der Hauptgrund für die entschiedene Ablehnung des Begriffs. Es ist wichtig zu wissen, was aktuell mit einem Begriff verbunden wird. Tyrann war ursprünglich mal ein positiv besetzter Begriff für einen gütigen Verwalter des Reichs, heute würden selbst Diktatoren diesen Begriff nicht für sich beanspruchen wollen. Er ist eindeutig negativ konnotiert. Andersherum lehnen viele Menschen den Begriff des Erlebens ab, da er schlichtweg zu positiv wirkt, nicht annähernd neutral. Womöglich neutraler, weil öfter negativ assoziiert, wirkt da die Erfahrung – sexuelle Gewalt Erfahrende*r oder noch negativer, das Widerfahren – sexuelle Gewalt Widerfahrende*r. Doch bei jedem Begriff wird dieselbe Frage im Raum stehen: ist der Begriff negativ genug und was bewirkt er im Allgemeinen? Würde es den heutigen „Opfern“ wirklich helfen das Verbrechen an ihnen besser zu bewältigen oder den Umgang der Mitmenschen mit ihnen zu verbessern? Dazu kann man nur Vermutungen anstellen, entscheiden könnten das nur die Betroffenen. Und wenn der explizite Wunsch aus den eigenen Reihen kommt, sollte man darüber nachdenken. Es wird nur schwierig, wenn eine große Mehrheit der Betroffenen alternative Begriffe für sich ablehnt.

DAS Argument der Ablehnenden ist die Verharmlosung. Verharmlost der Begriff „Erleben sexueller Gewalt“ also den Täter oder die Straftat? Streng genommen nicht, denn es wird nach wie vor von sexueller Gewalt gesprochen, die von einem Täter ausgehen muss. Es kommt dann leidglich darauf an, wie negativ wir Sexualverbrechen auffassen und hier liegt meines Erachtens das Hauptproblem. Es scheint so, als bräuchten wir das Subjekt Opfer, als massiv geschädigte Person, als bräuchten wir das Opfer, um den Sachverhalt noch negativer einzufärben, da sexuelle Gewalt an sich nicht bereits als schlimm genug erachtet wird, um die Tat mit allen Mitteln zu verurteilen. Doch selbst nach gängigem Sprachgebrauch, also der Bezeichnung Vergewaltigungsopfer, ändert sich daran nicht viel, da die Ursachen nicht primär in der Sprache liegen sondern in der patriarchal geprägten Gesellschaft.

Diese Überlegungen lassen das eigentliche Anliegen Sanyals und Albrechts zudem völlig in den Hintergrund treten: Die Verbesserung des Umgangs nach der Tat und die Unterstützung bei der Bewältigung. Wenn es um Reduzierung der Stigmatisierung, der Zuschreibung von Mitschuld, der Bewilligung von Unterstützung ohne Nachweis von Schaden und Traumata geht, warum führen wir überhaupt eine Debatte über den Begriff des Opfers? Sollten wir nicht vielmehr eine Debatte über Aufklärung von Mythen und Vorurteilen zum Thema Vergewaltigung führen? Sollen wir nicht vielmehr einen Diskurs über die Bereitwilligkeit von Krankenkassen zur Bewilligung von Leistungen führen? Sollten wir nicht darüber sprechen, was uns leitet und antreibt einen anscheinend falschen Umgang mit Menschen zu führen, die vergewaltigt wurden? Ich bezweifle, dass Krankenkassen zukünftig ohne Nachweise Leistungen bewilligen, nur, weil wir von Erlebenden statt von Opfern sprechen.


Das Infragestellen des Opferbegriffs, so sinnvoll es theoretisch allein schon wegen der vielen Mehrfachbedeutungen ist, lenkt vom eigentlichen Problem ab. Verurteilt und verabscheut die Gesellschaft einvernehmlich die Tat und solidarisiert sich uneingeschränkt mit den „Opfern“, „Überlebenden“, „Erlebenden“ oder „Geschädigten“ sexueller Gewalt, würden Begriffe eine nachgelagerte Rolle spielen.

15:38 26.02.2017
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