Avanti Duellanti!

Paarlauf Die Herausforderin und ihr Kanzler beimPas de deux

Welchen Grund kann es geben, sich das Spektakel anzutun? Die Hoffnung auf ein plötzliches totales Versagen? Die Sehnsucht nach dem Supergau? Frau Merkel hat minutenlang einen Schluckauf, Schröder sagt "Frau Stoiber" zu ihr oder kriegt einen cholerischen Schub, Merkel bricht in Tränen aus, bleibt hängen, bittet um eine Auszeit und so weiter. Kurz - wir hoffen, dass das Allzumenschliche obsiegt. Und wen von beiden es dabei am ärgsten erwischt, den wählen wir dann nicht. Oder gerade den.

Dafür sieht eine ganze Republik von schweren Kümmernissen heimgesucht, selbstvergessen fern. Zeitgleich auf vier Kanälen, das hat schon einen Hauch von Nordkorea, aber mit der politischen Willensbildung des Publikums nichts zu tun. Die Argumente bleiben so unergründlich und dunkel, wie sie bereits in den Zeitungen stehen - Haftungsrecht beim Gentechnikgesetz, Steuer auf Nachtarbeiterzuschläge für Krankenschwestern (aber nicht für Hebammen!!), die "kapitalgedeckte Säule" für die Alterseinkünfte, die Riester-Rente und so weiter. Wenn schon kein Skandal passiert, dann halten wir wenigstens aus, um unsere Vorurteile zu pflegen. Wer Merkel nicht ausstehen konnte, mochte sie zu Sendeschluss auch nicht besser leiden. Wem Schröder schon immer zu glatt war, der hat jetzt noch mehr Grund dazu: Die Anhängerschaft beider Kontrahenten war zum Ende des Duells gleichmäßig um etwa zwei Prozent gewachsen. War es das wert?

Natürlich sieht man gerührt, wie die beiden sich Mühe geben - für uns und doch für nichts und wieder nichts. Wer sich Mühe gibt, macht Fehler. Merkel baut dann mit beiden Händen hektisch schuhkartongroße, stabile imaginäre Kästen, in die sie ihr Weltbild sortiert. Ihr gelingen schiefe Bilder, wie "Weichen wieder aufwärts stellen", die "Energie auf breite Füße stellen", einen "breiten Energiemix machen". Schröder spricht ohne Not davon, dass er etwas "bis zu meinem Ende" durchhalten will, hängt und stottert dann aber, weil ihm plötzlich bewusst wird, dass die Merkel kontern könnte "na, das sind ja nur noch 14 Tage!" (aber die kontert natürlich nicht). Oder Schröder wird peinlich gefühlig, als sei er nicht im Staatsfernsehen, sondern bei Bärbel Schäfer, und macht eine tremolotische Liebeserklärung an die Hausfrau in Hannover - ein Zeichen, dass auch er sich gelegentlich beraten lässt, und zwar falsch.

Merkel und Schröder sind ein komisches, aber nettes Paar. Sie haben gelernt, dass - wenn man "angreift" - dem Gegner die Weichteile zuwendet (nicht nur das Gesicht) und die Handflächen öffnet - sich also körpersprachlich sozusagen "verletzlich" zeigt. Das tun sie brav wie ein schelmisches Paar beim Pas de deux. Ein Tänzchen um die Macht. Schröder behauptet, Merkel mache Deutschland ständig madig. Und das einer Ostlerin, die zur Deutschen herangewachsen ist! Sie ist akut beleidigt, dreht den Kopf weg und schaut hilfeheischend auf die Riege der Star-Talker. Schröder leckt währenddessen alte Wunden und räsoniert darüber, eitel wie einst Kohl, wofür er alles schon "Prügel bekommen" habe, zu Unrecht natürlich.

Merkels Lieblingssatz in Richtung Schröder lautet, "das haben wir gemeinsam gemacht", zum Beispiel die Arbeitslosen- und die Sozialhilfe zusammengelegt. Oder sie schwärmt: "Da haben wir gemeinsame Konzepte erstellt." Fehlt nur noch, dass sie ihn schelmisch knufft, ihren alten Kameraden aus faktischer Großer Koalition. Schröder revanchiert sich mit zuckersüßem: "Da sind wir beide näher zusammen als unsere Parteien". Und schlagartig wird klar, was eigentlich gespielt wird: Angela Merkel bringt sich ungeniert als Vizekanzlerin unter einem Kanzler Schröder ins Spiel. Mehr traut sie sich nicht zu. Sie fragt höflich an, wie der Meister den Haushalt denn zu sanieren gedenke, erinnert ihn beflissen, er könne doch nicht zufrieden sein, wenn täglich 1.000 Arbeitsplätze verloren gingen. Und nach seiner Liebeserklärung an Doris, scheint sie merkwürdig erleichtert zu sein: So was klärt doch ein für alle mal die Beziehung zwischen Chef und Unterstellter.

Sie haben zahlreiche Gemeinsamkeiten. Erstens: Der Osten ist ihnen gleichgültig. Er kommt an diesem Abend nur als Popanz Linkspartei vor. Nicht einmal das übliche Bekenntnis ist zu hören, dass die Ostler weiterhin stabil mit dem Lebensnotwendigsten versorgt werden sollen, zur Not aus der Luft. Zweitens: Gegen die Arbeitslosigkeit wissen sie beide nichts. Schröder erwähnt das Problem - bekanntlich das dringendste aller erwachsenen Deutschen - nicht einmal mehr in seinem Resümee. Merkel verspricht sich Vollbeschäftigung offenbar von "veränderten Haftungsregeln beim Gentechnik-Gesetz", dem Erhalt von Kernkraftwerken und dem Bürokratieabbau, der sich zuvörderst gegen die Bundesagentur für Arbeit richten soll. Das jedenfalls war ihre Antwort auf die Frage: "Wo sollen die Arbeitsplätze denn her kommen?" Und auch auf dringliche Nachfrage blieb es dabei. Drittens: Beide sind sie irgendwie für den Frieden. Und zwar auf der Geschäftsgrundlage, die Schröder am Sonntag mit seinem Schlusssatz vorgegeben hat: Er ist jetzt nur noch gegen "überflüssige" Kriege. Das dürfte Merkel auch so sehen, überflüssige Kriege bringen dem Kapital außer Fun ja nichts.

Die Herausforderin und ihr Kanzler - gesucht und gefunden. Am Schluss, nach dem obligaten Händedruck, gibt es einen ersten spontanen Körperkontakt: Sie stoßen an Schulter und Hüfte zusammen, tun aber beide so, als hätten sie es nicht bemerkt. Schröder verschwindet rasch. Merkel aber lässt schon in die Garderobe Wein kommen. Sie ist zufrieden. Mehr war für sie einfach nicht drin.


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