Der Einheit müde

15 Jahre Wiedervereinigung Aber musste es gerade die DDR sein?

Die Verwandten "drüben" hoffen nicht mehr; bitter sind sie geworden. Und Edmund Stoiber will nicht mehr an das Thema erinnert werden, ethnische Reflexionen sind ihm dauerhaft vergangen: Auch diesmal werden die Ostdeutschen nicht "danke" sagen. Sie können das nicht.

Aber sie können auch nicht genug kriegen: 15 Jahre nach dem Anschluss der DDR an die BRD lebt der Osten vollständig auf Kosten der alten Länder. Eine Mehrheit der Menschen, die zwischen Kap Arkona und Fichtelberg die Freiheit genießen, existiert physisch - direkt oder indirekt - von öffentlichen Zuwendungen, die nicht im Osten erwirtschaftet werden. Sie dürfen konsumieren, ohne arbeiten zu müssen, und müssen konsumieren, ohne arbeiten zu dürfen. Sie schlafen morgens aus, wenn kein Ein-Euro-Job ruft oder sie dem Amte nicht ihre leibliche Unversehrtheit vorzuweisen haben. Und dann nicht "danke" sagen!

Im Gegenteil. Auch im Jubiläumsjahr haben die Ostdeutschen verabsäumt, die Früchte der Einheit sichtbar wertzuschätzen. Sie haben die "Partei der Einheit" auf den Verliererrang platziert. Dabei haben ihnen fast alle Parteien die Misere haarklein hergeleitet: Die ungeheuren Leistungen, die Deutschland ständig für Ostdeutschland erbringt, hängen dem Vaterland wie Kerkerketten am Bein. An beiden Beinen! Gewiss, man "schultert diese Lasten gern" (Diktion Althaus)! Doch hätte Finnland sich mit der DDR wiedervereinigt - es wäre längst untergegangen. Hätte es überhaupt gewollt?

Das inoffizielle Motto der Einheitsfeierlichkeiten 2005 lautet "Wiedervereinigung gut und schön - aber musste es gerade die DDR sein?" Dabei wurde es in diesem Bundestagswahlkampf tunlichst vermieden, von dem verseuchten, vermisteten Stück Land zu sprechen, das die DDR-Kommunisten der Marktwirtschaft zur Weiterverarbeitung hinterlassen haben. Inzwischen weiß man, dass dem Ostwähler bei zu drastischer Illustrierung seiner leidvollen Vorgeschichte, sofort Suchwörter, wie "Treuhandanstalt", "Rückgabe vor Entschädigung" oder "Blühende Landschaften" auf dem Schirm erscheinen.

Ähnlich idiosynkratisch reagiert er, wenn es gegen die ostdeutsche Volkspartei geht. Dann geht es nämlich gegen diese und jene Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr oder gegen glühend für den Standort Deutschland engagierte Mittelständler. Gegen Erich Honecker geht es längst nicht mehr.

Doch als die Meinungsforscher, diese Versager, zweistellige Werte für die Linkspartei androhten, brachen Panik aus und die Reflexe durch. Da wurden noch einmal alle Umbenennungen der PDS zurückbuchstabiert, bis man im Stalinschen Gulag angelangt war. Zusätzlich mussten Gysi und Lafontaine, Max und Moritz von der Linkspartei - ein Produkt der Wiedervereinigung, wie man es sich idealischer nicht denken kann - als die Beelzebuben der jüngeren Nationalgeschichte herhalten. Mielke war schon böse. Aber kein Vergleich mit Lafontaine!

In dieser Phase entstand der spröde, ton- und silbenarme Sprachgebrauch, dessen sich bis in diese Tage die politische Klasse befleißigt, wenn es um die Linkspartei geht. Eigentlich ist er Vermeidungsarbeit zur Einhaltung eines Tabus. "Tabu" kommt aus dem Polynesischen, ist ein Pfeilgift und meint etwas, was man weder in die Hand noch in den Mund nehmen darf: Linkspartei. Wobei für Schröder der Name des Verräters am "tabu-sten" ist - "Gysi und der andere da", pflegt er zu sagen. Stoibers "die Frustrierten" als Synonym zur Einhaltung des Tabus hat sich nicht durchsetzen können. Kurzsatzrufer Müntefering vermag die Linke sogar in einem grammatikalisch bis zur Unkenntlichkeit implodierten Nebensatz zu verschnüren: "... die Linke mal außen vor". Er bildete auch das launige Kürzel PDS/ML, was "mit Lafontaine" heißen soll und kurz zu Unsicherheit bei Agenturen geführt hat, ob man eine weitere Umbenennung der PDS verpasst habe.

Das ist so lustlos, so uninspiriert! Nichts weiter als Pflichtschuldigkeit gegenüber dem seit Adenauer vererbten Antikommunismus der Westdeutschen. Neu ist nur, dass nun Linkswähler aus dem Westen - mitgegangen, mitgefangen - gemeinsam mit den Verstockten aus dem Osten in sprachliche Isolationshaft genommen werden. Aber ostdeutsche Wähler sind durch Ignoranz wohl nicht mehr zu kränken. Im Gegenteil: Sie wären enttäuscht, wenn sie plötzlich ernst genommen würden. Außerdem sind sie Schlimmeres gewohnt. Doch mit dem Ermüden an der Einheit ist nun auch der Blutrausch verebbt, in dem bis Mitte der Neunziger die westdeutsche politische Kaste im Osten die Verlierer der Geschichte jagte. Nur Frau Birthler hat man vergessen, Bescheid zu sagen.

Der SPD bleibt die Zerknirschung darüber, den anhaltenden Gestaltungstrotz im Osten und die renitenten SED-Rentner im Siegesrausch nicht assimiliert zu haben. Die große Traditionspartei der deutschen Arbeiterbewegung entschied 1990 vielmehr auf Bestrafung durch Liebesentzug, während Kohl die Ossis einspeichelte und seine CDU die Immobilien der Blockparteien einsammelte. Jetzt muss man dieselbe Luft mit Typen atmen, vor denen einem ekelt (Diether Dehm) oder graust (Oskar Lafontaine). Oder man muss betteln, von ihnen mitgewählt zu werden. Wie 1998. Damals, so erzählt Wolfgang Gehrke, hessischer Abgeordneter der Linkspartei, sei Schröder ihn leutselig um sieben Stimmen aus der PDS-Fraktion angegangen. Die hat er dann auch gekriegt. - "Eine Fehlinvestition", so Gehrke heute.

Sich mit dem, was ein beträchtlicher Teil der Ostdeutschen politisch will, auseinanderzusetzen - davon sind der restliche Bundestag und die restliche Republik weit entfernt. Sie geben der Linken ohnehin nur eine Legislatur. Zu den nächsten Wahlen werden sie mal wieder nach den Ossis gucken. Vielleicht schaffen es die Linkswähler aus dem Westen, das Kartell der Ignoranten aufzumischen. Schließlich sind wir ein Volk.


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