Die Partei, die Partei, die hat immer Recht

Bayern am Scheideweg 47 Jahre absolute Mehrheit - doch dieses Mal bleibt der Kreuzzug der CSU an den Stammtischen stecken

Früher war sogar die Zukunft besser - so beschreibt Karl Valentin die Lage für die CSU. Das ist präzise. Denn ob die Freistaatspartei noch einmal die absolute Mehrheit "stemmt", wie man im Wahlkampf sagt, oder nicht - die Herrlichkeit ist flöten gegangen. Die Obrigkeit ist nackt gesehen worden, als sie glaubte, sie hätte alles an, "der Hosnstall" stand ihr auf.

Am Montag nach der Wahl werden die politischen Beamten an ihre Schreibtische zurückkehren, der Filz wird einatmen, in der Staatskanzlei, wo zuletzt Türen knallten, werden wieder Kaffeemaschinen vor sich hin brabbeln und Günther Beckstein wird sich gemächlich daran machen, das glücklichste Gemeinwesen der Welt zu regieren.

Und doch ist alles anders. Wenn in einem Einparteiensystem Pluralismus gefahrlos erwogen werden kann, ist das der Anfang vom Ende. Die Einzige zu sein ("Die CSU ist Bayern und Bayern ist die CSU") - das war ja das Programm.

Der Vorgang lässt sich lehrbuchhaft an der der SED studieren. Die Partei hat immer Recht, hieß es bisher auch in Bayern. Die Partei war überall, denn "wo ein Amigo bzw ein Spezi bzw. ein Genosse ist, da ist die Partei. Sie war in den Ämtern, auf den Volksfesten, erteilte Baugenehmigungen, machte Karrieren, baute die Feuerwehrhäuschen, sie war die Kirche, durchdrang die Sender. Wer Sigmund Gottlieb vom Bayerischen Rundfunk je kommentieren hörte, sah die fliegende Angst eines Sprachröhrlers von der Aktuellen Kamera, ihm könnte ein falsches Wort entfleuchen.

Natürlich merkten die Bayern, dass die Art, wie sie sich führen ließen, ringsum spöttisches Befremden auslöste. Das machte sie nur fester im Glauben. Sie begriffen das als Alleinstellungsmerkmal. Die Partei hatte ihnen gesagt, dass sie an einem Pilotprojekt beteiligt seien. Es hieß "Wir hier in Bayern". Es war so etwas wie "der Sozialismus in den Farben der DDR". Nur eben auf Bayerisch. Und sie nahmen es mit Humor, sonst wäre so ein Feldversuch ja gar nicht auszuhalten. Die Bayern machten die besten Witze über die Bayern. Das Beste an einer Einparteienherrschaft sind die Witze. Die aus der DDR füllen heute Bände; nie haben die Westdeutschen über so viel politischen Witz verfügt, wie ihre Schwestern und Brüder.

Allerdings funktioniert die Diktatur nur über Angst und Schrecken. Die können ausgesprochen hässlich sein. Der größte Schrecken, den sie auslöst, ist die Angst der Menschen, zwar zu leben aber nicht dazuzugehören. Kleinbürgerdiktaturen wie Bayern und die DDR sind kommode Diktaturen (Grass) und regeln die Zugehörigkeiten selbstständig. Da können auch Arbeiter und Bauern etwas werden: Markus Söder, Sohn eines Maurers (aber eigentlich in der Mädchenkammer bei Edmund und Karin Stoiber aufgewachsen), wird vielleicht den fahrigen Beckstein beerben. Und Erwin Huber erzählte neulich, dass er als Kind so schlimmen Hunger hatte, dass er Saatkartoffeln fraß. Erst wenn sich in der Nischengesellschaft (Gaus) plötzlich Netzwerke bilden und anfangen, Kultur zu werden, dann wird es für die Herrschaftspartei gefährlich.

Aber keine Angst, soweit ist die Bayern-SPD noch nicht. Sie füllt jedoch schon Säle. Dort berauscht man sich an Bier, an etwa 20 Prozent Zustimmung und am Sauerländer Müntefering, mit dem allerdings kein Bayer zu locken ist. Dass plötzlich Alternativen zur CSU auftauchen, Netzwerke der Grünen, der Freien Wähler, der Linken und sogar der FDP liegt daran, dass der Abgang Stoi­bers den Kontrolldruck aus dem Freistaat genommen hat. Wenn die Einwohnerschaft einer autoritär geführten Struktur erkennt, dass sie von einem Schluck Wasser kujoniert wurde, wird´s gefährlich.

Für einen Moment waren die Bayern damals in Schockstarre und die löst sich jetzt, wo sie vom bevorstehenden Wahltermin in die Bierzelte gerufen werden. Politisch interessiert sie das nicht die Bohne. Aber sie füllen alle Plätze und die Mäuse tanzen auf dem Bier-Tisch. Selbst Guido Westerwelle, der auf einem Floß die Isar bezwang, stand plötzlich mehr als tausend zum Lärmen aufgelegten Menschen gegenüber, was er umgehend seinem Charisma anrechnete. In Freising, Stammland der CSU, wurde Beckstein zwei Stunden lang ausgepfiffen, weil seine Partei den Münchener Flughafen ausbauen lassen will.

Der Autoritätsverfall der Herrschaftspartei macht den Bayern ein volksfestliches Vergnügen, eine "Gaudi" halt. Beckstein und Huber schwitzen sich die Hemden durch, brüllen und tragen zünftige Hüte zusätzlich zu den nur im Ausland als komisch empfundenen Trachten. Es scheint nicht zu helfen. Die Menschen schwatzen, rufen dummes Zeug und nach Bier. Die Insubordination hat bereits den "inner circle" der Macht erreicht - Becksteins Frau Marga weigert sich, zum Oktoberfest im Dirndl aufzukreuzen! Günther und Erwin, Plisch und Plum, bieten sämtlichen Humor auf, der von dutzenden von Aschermittwochsreden auf Halde liegt. Sie nennen das "granteln".

Wie beim Puppentheater: Kasper nimmt die Klatsche und patscht dem Hans auf den Kopf. Beckstein beispielsweise ist auf dem Höhepunkt, wenn er ausruft, die SPD müsse diesmal eine "gscheide Watschn" bekommen. Der stets fröhliche Franz Maget von der SPD, der oft für Felix Magath vom VfL Wolfsburg gehalten wird, ruft, die CSU müsse "eine auf den Deckel" kriegen und schiebt todesmutig nach "und zwar saftig". Dann verböllert er ein Bonmot, das an Bruno Jonas´ "gscheits" Wort denken lässt: "Scham ist ein Gefühl der Defensive, das kennen die Bayern nicht". Maget grantelt: "Die tun so, als hätten sie den Chiemsee persönlich ausgehoben und damit" - also offenbar mit dem angefallenen Aushub - "die Alpen aufgeschüttet"!

Die CSU hat dieser Wortmacht nichts entgegenzusetzen. Erwin Huber zeigt nach Berlin, wo man ihm die Wiedereinführung der Pendlerpauschale für seine Bayern verweigert, die er gern deutschlandweit "Huber-Tarif" genannt hätte. Der "Kreuzzug" gegen die Linke, ist an den Stammtischen stecken geblieben. "Wenn wir in einen westdeutschen Landtag einziehen, verändern wir Deutschland, wenn wir in Bayern einziehen, verändern wir die Welt", hat Gregor Gysi gesagt, und das steht zu befürchten. In den letzten zwei Tagen vor der Wahl will die CSU nun alle materiellen und virtuellen Briefkästen der Bayern verstopfen und um Zuneigung flehen. Wenigstens diesmal noch! Wenn das nicht hilft, so ist zu vermuten, setzt sie wie einst die SED am Wahltag Agitationskommandos als Wahlschlepper ein.

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