Streichelt die Ostler!

Kommentar Olympiaentscheidung für Leipzig

Wie schade, dass die Mauer nicht in Leipzig-Stötteritz stand! Deshalb haben sie die Leipziger nämlich nicht mit eigenen Händen stürzen können und müssen entsprechende Bilder zukaufen, wenn sie der Welt die Pointe ihrer kollektiven Widerstandsvita vorführen wollen. Macht aber nichts - in der läuferischen Disziplin Montagsdemo sind sie ungeschlagen geblieben (die Iraker zum Beispiel haben Vergleichbares nicht einmal versucht). »Heldenstädter« hat sie 13 Jahre lang indes nur genannt, wer sich über sie lustig machen wollte. Denn wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen: Die deutsche Einheit hat ja den Ostdeutschen nicht nur Bananen und Reisen gebracht, sondern auch jede Menge Ungemach. Schließlich wollten auch die vielen Leipziger Arbeitslosen und Angestellten der betrügerischen städtischen Auffanggesellschaft nicht mehr als Helden angesprochen werden, nicht mal im Scherz.

Aber das ist das Bewundernswerte an dieser Population in der sächsischen Tiefebene: Sie weiß immer, wo´s langgeht, auf die ist Verlass. Als hätten sie die vergangenen 13 Jahre nicht eines Besseren belehrt, rufen sie wieder »Wir sind das Volk« in die Mikrofone ihres MDR-Fernsehens, diesmal im Siegestaumel. Das steckt offenbar an. Große Persönlichkeiten der jüngeren deutschen Geschichte - Kohl, Genscher, Stoiber, Vogel - sind im Herzen längst zu den Helden übergelaufen. Ihr erster Musiker, Professor Masur, erinnert sich auf Abruf verzückt an »Rhythmen und Melodien der Protest-Sprechchöre bei den Montagsdemos 1989«.

Warum auch nicht? Falls die Spiele 2012 als völkisches Ereignis nach Leipzig vergeben werden, hat die »Wende« (eigentlich sollen wir ja »Revolution« sagen) den Leipzigern doch noch etwas Gutes gebracht. Helden werden in Übersee geliebt. Allein mit dem Verweis auf eine großartige Arbeitersport-Tradition kann man aber kein IOC besoffen quatschen. Das hätte vielleicht Erich Honecker versucht, dem kurz vor Toresschluss der Gedankenblitz kam, das verfallene Leipzig fürs kommende Olympia anzustreichen.

Besser als für eine Olympiabewerbung war das Geld für die Leipziger Präsentation jedenfalls nicht auszugeben. Oder hätte man etwa auch diese Mittel in völlig erfolglosen AB-Maßnahmen versickern lassen sollen? Offenbar haben wir jetzt Phase drei der Wiedervereinigung. Nach den Phasen politischer Generalverdacht und soziale Deklassierung heißt es jetzt: Streichelt die Ossis, bis sie lachen! Da guckt sich der Bundestag geschlossen einen Ostalgiefilm an, den uns westdeutsche Film-Künstler geschenkt haben, da wird der Kanzler dem Osten bald eine Sonderwirtschaftszone der Minderbemittelten bescheren.

Wenn die Leipziger ihre Rolle weiter so gut spielen, zu der Dankbarkeit an das westdeutsche NOK für den Solidarbeitrag (geschätzte zwei Milliarden Euro) gehört, kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Und dass die Mauer gar nicht in Leipzig stand, muss den Amerikanern ja nicht unbedingt erzählt werden.

Jetzt schnell sein!

der Freitag digital im Probeabo - für kurze Zeit nur € 2 für 2 Monate!

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen