Alte Liebe rostet. Wenn man sie nicht ölt.

WIE BEIM ERSTEN MAL. Die zarteste 'romantic comedy' des Herbstes und eine grosse Ermutigung, es noch einmal im Bett zu versuchen. Der Artikel erschien zunächst auf www.oberhof.blog.de
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
WIE BEIM ERSTEN MAL. Ein Film der Zärtlichkeit, der Ehrlichkeit, Unterschiedlichkeit der Sexualität von Männern und Frauen, der Bedürftigkeit und ein Film der Heilung zeigt.
So gegensätzlich wie Meryl Streepals Kay auf der schüchtern-konsequenten Suche nach Zärtlichkeit, Leidenschaft und Erfülltheit undTommy Lee Jonesals nach jahrelanger sexueller Abstinenz vertrockneter asexueller Kauz, so gegensätzlich wie die beiden Protagonisten in der zärtlichsten 'romantic comedy' des Herbstes (faz), so gegensätzlich urteilen die Film-Kritiker.
Ich wusste es schon längst, dass es nix unzuverlässigeres als die Kino-Rezensenten der Zeitungen und Zeitschriften gibt: zu groß ist die Spannbreite von Auffassungsvermögen und - Auffassungsgabe, wenn es wie bei den meisten Filmen um das ganze Lebenskonzept geht. Um Hoffnung und Angst, um Unbewusstes und Verdrängtes, um Ästhetik und Triebleben. Nein traue keiner Rezension, die du nicht selbst geschrieben hast.
Dennoch die Schärfe, mit der hier die eine Hälfte der SchreiberInnen den Film lächerlich macht - ganz wie ARNOLD, den seine Frau nach 4 Jahren ohne Sex verzweifelt zum Paar-Therapeuten schleppt, alles tut, um das offenen Eingestehen seiner sexuellen Phantasien zu vermeiden, diese Schärfe ist faszinierend, weil es so eindeutig erkennbar die Verklemmtheit der Verfasser dokumentiert, wenn beispielsweise in der ZEIT jeglicher Paar-Therapie entgegen gehalten wird, Sexualität, sei eine "Urgewalt. mit der sich nicht handeln liesse".
Oft sind es Männer, die den Film zerreißen, oft Frauen, die von ihm berührt sind.
(Im Kino selbst gehört für mich zu den unangenehmen Seiten, das laute, und fast ein wenig schadenfrohe Prusten und Kichern der weiblichen Mehrheit im Saal auszuhalten, wenn Arnold und Kay sich langsam, anrührend und schüchtern ihren Körpern und Zärtlichkeitsbedürfnissen nähern.)
Ja, es ist ein Plädoyer für die Ehetherapie. In Zeiten in denen 395.000 neuen Eheschließungen 231.000 Scheidungen (Zahlen 2003:= 53%) gegenüberstanden, kein völlig unsinniges Vorhaben.
Es ist aber vor allem ein warmer Film. Wer Wärme und Sex nicht zusammen denkt, wird sagen: 'kitschig'. Es ist ein zarter Film: Wer Zartheit und Sex nicht zusammen denken mag, wird sagen, 'spießig'(AZ München).
Es ist aber auch ein Film von eindeutiger psychotherapeutischer Professionalität.
So oder ähnlich laufen Paartherapien ab und so oder ähnlich können Leidenschaft und Begehrt-werden und Begehren wieder freigeschaufelt, oder aber unüberbrückbare Bedürfnisunterschiede analysiert werden und eine Trennung in Würde begleitet werden.
Welche sexuellen Phantasien haben Kay und Arnold fragt der Therapeut (grossartig dargestellt vom in COMEDIAN Steve Carell) und wie so viele Männer gesteht Arnold hier das erste Mal den Traum vom Dreier und den riskanten Blow-Job unterm Schreibtisch im Büro.
Seine Frau ist geschockt. Sie will es versuchen, aber der Oralsex im Kino scheitert an Reissverschluss, Zähnen und der Enge der Stuhlreihen.
Doch auch die Entdeckung, dass Arnold sich erst zurückzog, nachdem Kay ihn so oft abgewiesen hat (Sie: "Du wolltest nur ES, nicht mich!") ist für beide revolutionär: Beide wollen. Aber beide wollen es auf ihre Weise. (oder wie unser Gruppentherapeut zu sagen pflgte: Männer wollen immer und Frauen wollen es immer langsamer und zärtlicher.)
Aber beide wollen! Und entbehren viel, sehr viel, wenn sie aufgeben.
So lernen sie im Film zunächst nur, sich zu berühren, nur zu umarmen. Das ist für den Zuschauer im doppelten Sinne berührend. Und ich frage mich im Kinosaal unwillkürlich: Hinter wieviel wiehernden Lachern steckt der Schrei: (M)ich auch!
Sich in den Arm nehmen. Nur so. Streicheln.Eigentlich ja schon der zweite Schritt.
Eine bekannte und vielbesuchte Sexualtherapeutin in Berlin erzählte einmal, dass sie Paare, die lange keinen Sex hatten, zunächst nur Gesellschaftsspiele üben liess.
Lachen, krachen, kämpfen, kichern, siegen, unterliegen. All das spielt in erfülltem Sex eine Rolle, aber auch beim Karten-, Würfel- oder Rollenspiel.
Die sogenannte sexuelle Revolution der 70er Jahre von Oswald Kolle bis Beate Uhse, sie hat mache Prüderie, manche Verklemmtheit abstreifen können. Eine Revolution war sie nicht. Wenn täglich 400.000 Sexarbeiterinnen 1.000.000 Männern in Deutschland Sex, Erfüllung der Phantasien und manchmal nur das Angebot des Zuhören gegen Geld verkaufen, dann ist dies Auskunft genug, was alles noch fehlt an offener Aussprache zwischen ihr und ihm.
"Bitte schau mich an!", fleht Kay ihren Arnold an, als sie das erste Mal wieder mit Champagner und Erdbeeren (diese allerdings nur trivial in den Mund geschoben ;-)) miteinander Liebe machen. Aber: Arnold kann es nicht.
Hier muss der Film passen: Die 'romantic comedy' wäre wohl überfordert, in den Tiefen von Arnold's Unbewussten danach zu suchen, was ihn hindert, Auge in Auge zum Orgasmus zu kommen.
Das bleibt aber nebensächlich.
Der Rückschlag der Beiden, der zunächst Arnolds Abwehr und Angst vor der Tiefenpsychologie zu bestätigen scheint, er kann überwunden werden, weil Arnold an sich heranlässt, was der Therapeut unter vier Augen zu ihm sagt:
"Ihre Frau ist sehr unglücklich. Und sie sollten sich fragen: Habe ich alles getan, was ich konnte?"!
Denn die Nähe, die Geborgenheit, die Erfülltheit von leidenschaftlicher körperlicher Liebe, das fehlt doch beiden, ihr und ihm.
Nun, da ER die Phantasie nach einem gepflegten Dreier mit der Nachbarin gestand, kann Kay diese bei Ihrer Rückkehr von der Therapie-Woche gestärkt in neu-erwachter Leidenschaft, und unverkrampft auch fröhlich zum gemeinsamen Abendessen einladen. Und dreht sich zum verdutzten Arnold um und zwitschert, "diesen Traum kannst du dir aber abschminken".
"Wie durchquert man nun diese Leere, die sich zwischen zwei Schlafzimmern ausspannen kann?" fragt zum Schluss seiner Besprechung der FAZ-Chronist Daniel Haas.
Indem man sich entscheidet.
Zum Beispiel für die Paartherapie. Mutig, das nie da gewesene probieren.
Man wünscht sich in diesen Film wenigstens einen Bruchteil der Millionen Paare, die auch darunter leiden, dass sie oder er glaubt: über 60 ist doch im Bett eh nix mehr los.
Margot und ich kamen begeistert aus dem Kino. Beim Kartenspielen erzählten wir von unseren Vorlieben und Phantasien und hatten auch sonst noch einen schönen Abend...
Trailer:http://www.youtube.com/watch?v=0nXhyuCOQl8
00:12 08.10.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

MathisOberhof

Autor des Buches : REFUGEES WELCOME - Geschichte einer gelungenen Integration - So können Sie Flüchtlingen helfen - Ein Mutmachbuch", verh., 3 Söhne,
Schreiber 0 Leser 4
MathisOberhof

Kommentare