Die LINKE +die Vorh(a)ut <der Arbeiterklasse>

Beschneidung etc. Die LINKE gerät in Gefahr sich selbst zu beschneiden, wenn von ihr nur die Befürworter der Strafverfolgung von Beschneidung im Kindesalter zu Worte kommen..
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"Ohne Frieden zwischen den Religionen, wird es keinen Frieden in der Welt geben."
Margot Käßmann

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Ergänzend zu diesem text schauen Sie sich bitte diesen video-Clip auf meinem YOUTUBE-Kanal an:

Solang ich mich an meine Vorhaut erinnern kann, erinnere ich mich an zotige Sprüche dazu.

Als Pubertierende Jungen formulierten wir Ablehnung so, dass der andere "sich das unter die Vorhaut schieben könne". Und als wir dann in der Kommunistischen Partei landeten, juxten wir darüber, dass wir die "Vorhaut der Arbeiterklasse" repräsentierten.
Kein Zweifel: Vorhut und Vorhaut gehörten irgendwie zusammen.
Und: Dieser kleine Fleck Haut gehört zum empfindlichsten, lustvollsten, wichtigsten, was wir Jungens und jungen Männer hatten.
Auch 45 Jahre später sehe ich das nicht grundsätzlich anders.
Doch nun fühle ich mich durch das Urteil des Kölner Landgerichtes gezwungen, etwas genauer darüber nachzudenken, was es mit der Vorhaut und einer eventuellen Beschneidung dieser zu tun hat.
1. Vorbemerkung: Selbstverständlich geht es um die im Judentum und im Islam aus religiösen Gründen und seltener aus medizinischen Gründen vorgenommene Entfernung der männlichen Vorhaut. Die Genitalverstümmelung bei Frauen, gegen die stellvertretend für viele Waris Dirie als UN-Botschafterin tätig ist und die von der UNO, WHO und vielen anderen Organisationen zu Recht als schwere Straftat verurteilt wird, ist von völlig anderer Qualität. Um die geht es hier nicht.
2. Ich bin nicht beschnitten, habe meine Kinder nicht beschneiden lassen, wiewohl ich in der Verwandtschaft Jungens und Männer habe, die (aus medizinischen Gründen) beschnitten sind. Ich bin Christ und mein Gottesbild schließt aus, dass es eine "Kategorie Gott" gibt, die als Zeichen des Bundes zwischen Gott und den Menschen eine Beschneidung verlangt. Ich glaube das nicht.
Millionen (oder sind es Milliarden?) sehen das aber anders.
3. Seit ich vor ca. 45 Jahren politisch aktiv wurde, habe ich zu keinem Zeitpunkt die Forderung nach Verbot der Beschneidung gehört. (Heute weiß ich aus wikipedia, dass es in Schweden das Verbot der Beschneidung von Jungen über 2 Jahre Monate (Danke für den Hinweis, KEINERWEISSALLES ) gibt. Wenn sie bei jüngeren Kindern vorgenommen wird, muss sie unter Narkose stattfinden).
4. (Einschub zum Thema Narkose: Mein Vater kam 1905 als Sohn eines evangelischen Pfarrers zur Welt. Kurz nach dem frühen Tod seines Vaters, wurden seine angeblich krummen Beine zum Zwecke der Begradigung gebrochen. Ohne Narkose! Bis heute habe ich keine Begründung dafür gefunden. Es kann sie eigentlich nicht geben, außer, dass man dem kleinen Hänschen noch was anderes brechen wollte. Über dieses Trauma hat mein Vater nicht viel gesprochen, wohl aber ein Leben lang darunter gelitten. Im weiteren gehe ich deshalb davon aus, dass selbstverständlich auch jeder Eingriff am Penis- wenn er denn stattfindet - unter hygienisch einwandfreien Bedingungen und natürlich unter Narkose stattfindet)
5. Erst durch die Diskussion um das Kölner Urteil wurde ich darauf gestoßen, dass Beschneidungen viel weiter verbreitet sind, als ich dachte. Im mittleren Westen der USA etwas 75% aller Männer, in Südkorea sogar 80%, und dass Schätzungen davon ausgehen, dass 30% aller Männer derzeit weltweit beschnitten sind.
6. Meine feste Überzeugung ist, dass INNERHALB der Religionen jene zu unterstützen sind, die eine Veränderung ritueller Praktiken im Sinne modernen Auffassungen von Menschen- und Kinderrechten fordern. Dies gilt auch für die Beschneidung
7. Parallel dazu habe ich großes Verständnis, wenn innerhalb des Islam feministische Gruppen gegen Schleier und Burka argumentieren und die Position vertreten, weder Mohammed, noch der Koran verlange die Verschleierung. Ebenso sicher bin ich, dass das Verbot des Burka-Tragens durch den französischen Ex-Präsidenten Sarkozy veranlasst, weder durchsetzbar noch richtig ist.

Haben wir das Recht Millionen/Milliarden Juden und Moslems ihre Rituale vorzuschreiben?

8. Die Kernfrage ist für mich, ob die säkulare bzw. christlich orientierte Mehrheit in Deutschland es der jüdischen und muslimischen Minderheit unter Strafandrohung aufzwingen darf, zur Beschneidung in den Untergrund oder das Ausland zu flüchten. Ich bin der festen Überzeugung NEIN.
9. Geradezu unglaublich empfinde ich in der Diskussion, dass die sexuellen und erotischen Aspekte völlig außen vor bleiben. (Meist) Unausgesprochen unterstellen unbeschnittene Männer, dass die Beschneidung auch eine Beschneidung ihrer sexuellen Genussmöglichkeiten sie. (Und es soll auch nicht vergessen werden, dass im christlich-viktorianischen England des 18.jahrundert die Beschneidung die Jungen von "Masturbation und Aufsässigkeit" abhalten sollte.)
10. Mir ist unverständlich, wieso die Position Sigmund Freuds, der die abendländische Welt an die Eingangstür des Unbewussten und unterbewussten heranführte, kaum Erwähnung findet. Freud, der als Jude selbst beschnitten war, aber seine beiden Söhne nicht beschneiden ließ, sah eine Ursache des Antisemitismus in der im Zusammenhang mit der Beschneidung entwickleten Kastrationsangst der unbeschnitten nichtjüdischen Männer.
Mir fällt auch auf, dass die Debatte sehr selten von beschnitten Männern und (mit Ausnahme der Jüdin Marina Weisband) so gut wie gar nicht von Frauen bestritten wird. Weisband schreibt dazu: "Meine beschnittenen Freunde haben mir bisher nicht gesagt, dass sie es in irgendeiner Weise schlecht finden oder sich verstümmelt fühlen. Keiner meiner persönlichen Bekannten möchte die Prozedur rückgängig machen. Einige Stimmen, die sich durchaus beschweren, gehören vor allem Männern, die in fortgeschrittenem Alter aus medizinischen Gründen beschnitten wurden. Die meisten derer, die mir Auskunft über ihren Penis gaben und es "Verstümmelung” nannten, waren selbst unbeschnitten."
11. Geht mann nun weiter und untersucht die Frage, was sich an der sexuellen Erregbarkeit, am sexuellen Genuss des Mannes durch die Beschneidung verändert, so werden zunächst zwei Dinge genannt, die ich auch als unbeschnittener Laie ahnen konnte. Beschnittene Penen (die Mehrzahl von Penis) sind hygienischer, weil sich natürlich unter der Vorhaus schnell und ständig Hefepilze und anderen Keime entwickeln. Das weiß jeder Mann und jede Frau, die ihrem Partner schon mal eine Fellatio angedeihen ließ. Aber deswegen gleich ab damit? Wozu gibt's es eine Dusche? Und die zweite Wahrheit ist auch schnell erahnt, durch das Fehlen der Vorhaut ist die Reizbarkeit eine andere. Fellatio braucht mehr Heftigkeit, als bei unbeschnittenen, Masturbation wohl auch. UND: beschnittene Männer kommen in der Regel später zum Orgasmus, von vielen Frauen wird deshalb das Zusammensein als intensiver beschrieben.. Wie alle Fragen der Erotik und Sexualität sind diese Fragen nur schwer objektivierbar, sind überlagert von Werten, Urteilen aus der Kindheit, Strafandrohungen und vielem anderen mehr.
12. Wenn aber z.B. bei elitepartner.de die Mehrheit der Frauen, die sich dazu äußern, das sexuelle Erleben mit beschnittenen Partnern positiv schildern, sollten wir unbeschnitten (nicht gleich neidisch werden, aber zumindest) etwas nachdenklicher sein.
13. Fühlen sich die beschnittenen Männer verstümmelt, versehrt, traumatisiert (immer vorausgesetzt, die Beschneidung fand unter vertretbaren medizinischen Bedingungen statt)?
Ich lese wenig Klagen beschnittener Männer. Wo ich sie lese, haben sie was mit fehlender Betäubung zu tun, oder eingebettet in eine menschen- und kindesverachtende Haltung, die ich von Christen wie von sozialistischen "Jugendhöfen" oder anderen Stätten der schwarzen Pädagogik ebenfalls kenne.
14. Wie weiter? Kann man nicht persönlich gegen Beschneidung sein, ohne andere, die darin eine konstituierende religiöse Handlung an sich und ihren Kindern sehen, ZU KRIMINALISIEREN.
15. Marina Weisband macht auf einen weiteren Aspekt der Abwägung von Eltern- und Kinderrechten aufmerksam: "Auch hier müssen wir aber die Realität akzeptieren, dass Eltern für Kinder sogar noch weit wichtigere Lebensentscheidungen treffen und die Kinder oft dadurch auch mit seelischen Narben zurücklassen. Eltern dürfen umziehen und ihr Kind von seiner Umgebung trennen. Eltern dürfen ein Kind emotionaler Ungewissheit aussetzen, wodurch es später Komplexe entwickelt. Eltern dürfen ein Kind überbehüten, unterbehüten, sie dürfen ihm Zweifel einreden und zu viel von ihm verlangen. Ich wage zu behaupten, dass die meisten seelischen Schäden bei Menschen tatsächlich von Eltern herrühren.
Aber das alles ist nur der negative Aspekt des großen positiven Aspekts, dass Eltern Dinge an ihre Kinder weitergeben dürfen, dass jeder sein Kind erziehen darf, wie er es für richtig hält, dass der Staat uns nicht alle gleichschaltet. Es gibt Gesetze gegen Kindesmisshandlung, auf die ich bestehe. Sie setzen den Rahmen der privaten Erziehung. Aber innerhalb dieses Rahmens gibt es trotzdem bestimmte Risiken. Wenn wir versuchen, diese Risiken zu eliminieren, dann muss der Staat die Erziehung von Kindern übernehmen, und sie müssten ihren Eltern weggenommen werden."
16. Die Kriminalisierung der Muslime und der nur langsam und fast ausschließlich aus der früheren UdSSR nach Deutschland zurückkehrenden Juden jedenfalls, hilft deren Kindern nicht, dem toleranten und friedlichen Zusammenleben der verschiedenen Religionen und von Gläubigen, Agnostikern und Atheisten nicht. Sie macht die falsche Front auf.

zuerst veröffentlicht auf: http://oberhof.blog.de

09:06 17.07.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

MathisOberhof

Autor des Buches : REFUGEES WELCOME - Geschichte einer gelungenen Integration - So können Sie Flüchtlingen helfen - Ein Mutmachbuch", verh., 3 Söhne,
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MathisOberhof

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