Dreiste Abzocke oder einfach nur Pech?

Schönefeld Das Second Horizon Festival, ein Festival in Schönefeld nahe Berlin, wurde in letzter Minute abgesagt. Besucher wittern nun Abzocke seitens der Betreiber. Zurecht?
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Das Second Horizon Festival, dessen zweite Auflage vom 23. bis 26. Juni am Kiekebuschsee in Schönefeld stattfinden sollte, wurde laut Veranstalter in letzter Minute abgesagt. Das stimmt so nicht, wie eine Mitteilung der Gemeinde Schönefeld und eine Ansage der Polizei Brandenburg, datiert auf den 20.6.2017, beweisen. Dort hieß es bereits, das Festival sei nicht genehmigt und die Besucher sollten sich die Anreise ersparen. Die Veranstalter taten diese Meldungen als "Fake-News" ab und ließen so um die 2000 Feierwütige umsonst anreisen. Die Klagen der Veranstalter vor dem Verwaltungs- und Oberverwaltungsgericht wurden abgewiesen. In den sozialen Medien wittern nun viele Besucher eine Abzocke. Einiges spricht dafür, weniges dagegen.

Ein Kommentar.

Eingebetteter Medieninhalt

Man stelle sich vor, sich ein ganzes Jahr lang auf etwas zu freuen. Ein ganzes Jahr lang auf etwas zu sparen, von dem man weiß, dass es das einzige sein wird, dass man sich in diesem Jahr leisten kann. Nicht wenigen Besuchern des Second Horizon Festivals dürfte es so ergangen sein. In Scharen strömten Menschen aus ganz Deutschland und den benachbarten Ländern nach Schönefeld. Viele Besucher traten die Anreise aus Spanien oder Italien an - einige unglückliche Festivalbesucher kamen gar aus Australien oder Indien. Doch ihre Anreise sollte umsonst gewesen sein. Mit ein wenig Tranzparenz seitens der Veranstalter wäre es nie so weit gekommen.

Der Unmut, der sich nun bei vielen von ihnen breit macht, ist verständlich. In dem vermeintlichen Wissen, dass der Einspruch der Veranstalter vor dem Verwaltungsgericht in Cottbus keinerlei Chance haben würde, taten die Organisatoren die Ankündigungen der Gemeinde Schönefeld und der Polizei Brandenburg als "Fake-News" ab. Udo Haase, der Bürgermeister des kleines Ortes in der Nähe von Berlin, wurde sogar öffentlich als Lügner diffamiert. Dabei müsste den Veranstaltern klar gewesen sein, dass aufgrund der zahlreichen, fehlenden Genehmigungen, ein Festival niemals stattfinden könnte.

Freilich, die Organisation eines mehrtägigen Festivals erfordert vielerlei Genehmigungen und manche von ihnen scheinen sinnlos und überflüssig zu sein. Es gibt jedoch essentielle Genehmigungen, ohne diese die Sicherheit und das Wohlergehen der Gäste nicht garantiert werden können. Stichwort Sicherheitskonzept: Die Tatsache anzunehmen, man könne ein lasches Sicherheitskonzept, das im Vorfeld bemängelt und verboten wurde, mit einer Klage vor einem Verwaltungsgericht für nichtig erklären lassen, ist an Unkenntnis kaum zu überbieten.

Natürlich stellt sich nun die Frage, warum die Veranstalter, trotz Verbot seitens der Behörden, die Besucher anreisen ließen. Aus mehreren Quellen war zu hören, dass an der Kasse weiterhin fleißig Eintrittskarten verkauft wurden, obwohl die Klage zu diesem Zeitpunkt bereits seit knapp 2 Stunden abgewiesen war. Gingen die Veranstalter zu diesem Zeitpunkt immer noch davon aus, eine Chance vor dem Oberverwaltungsgericht zu haben? Wohl kaum. Bei einer fehlenden Genehmigung wäre diese Zuversicht tragbar, bei mehreren nicht vorhandenen Genehmigungen grenzt das an Betrug.

Zu Vermuten, dass es den Veranstaltern einzig und allein darum ging, Geld zu verdienen, wäre an dieser Stelle angebracht. So bekamen die Leute, welche nach der Absage des Gerichts trotzdem noch Tickets vor Ort gekauft hatten, ihr Geld nicht mehr zurück. Der Müllpfand, immerhin 5€ pro Besucher, wurde ebenfalls nicht rückerstattet. Standmieten, die für Foodtrucks und Stände über 1000 € betrugen, erhärten den Verdacht der Profitgier. Dass es keine AGB's auf der Homepage des Festivals gibt und somit rechtlich gesehen wohl auch keinen Anspruch auf Rückerstattung der Eintrittskarten, sollte ebenfalls nicht außer Acht gelassen werden. Nicht wenige Leute, die ihre Tickets bereits im Januar im Netz bestellt und bezahlt hatten, bekamen erst gar keine zugesandt.

Von den Veranstaltern hört man indes wenig bis gar nichts. Zwei Posts auf der Facebook-Seite des Events, bei deren orthographischer Gestaltung und der Verwendung der Termini erhebliche Bedenken an der Zurechnungsfähigkeit der Organisatoren aufkommen, sollten bis dato alles gewesen sein. Dort ist unter anderem von einer ominösen "Bundes autobahnbehörde" die Rede, welche die Besucher auffordere, das Gelände zu verlassen. Die Funktion, die es ermöglicht, neue Beiträge auf der Veranstaltungsseite einzustellen, wurde von den Verantwortlichen in weiser Voraussicht gesperrt - Informationen gingen somit im Wirrwarr der übrigen Kommentare unter. Menschen, die noch immer an einen guten Ausgang des Festivals geglaubt hatten, kauften weiterhin fröhlich Tickets.

Sollten die Veranstalter Insolvenz beantragen, was angesichts der Gesamtsituation Sinn ergäbe, wird niemand auch nur einen müden Cent wiederbekommen. Im besten Fall dürften sich die Sicherheitsleute, Handwerker und Künstler über eine Entschädigung freuen. Sollten die Veranstalter tatsächlich alles mögliche für ein gutes Gelingen des Festivals getan haben und ihre Darstellung der Dinge zutreffen, so werden wir das in naher Zukunft erfahren. Angesichts der Pressemitteilung des Gerichts wird dies jedoch nicht passieren. Ansonsten muss sich wohl jeder, der sein Geld zurück haben möchte, auf eine langwierige Gerichtsverhandlung mit ungewissem Ausgang einstellen. Ob es das wert ist, wage ich zu bezweifeln.

Unabhängig davon, ob die Veranstalter nun aus Profitgier oder schlichtem Unvermögen gehandelt haben, eine aufrichtige Entschuldigung wäre das Mindeste. Doch nicht einmal dazu scheinen sich die Veranstalter zu erbarmen. Für die vielen angereisten Menschen, die Dank der Kulanz der Behörden noch einen Tag länger auf dem Camping-Areal bleiben durften, wäre es immerhin ein kleiner Trost gewesen. Schade drum!

EDIT: Irrtümlicherweise stand im ursprünglichen Artikel an 2 Stellen Verfassungsgericht. Diese Aussage stimmt natürlich nicht, es handelt sich um das Verwaltungsgericht.

18:38 24.06.2017
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