Die Zurückgelassenen

Flüchtlinge Afghanische Ortskräfte der Bundeswehr werden oft von den Taliban bedroht. Schutz in Deutschland bekommen nur wenige
Matthias Jauch | Ausgabe 19/2016 3

Kurz vor Masar-e Scharif sieht er sie im Rückspiegel kommen. Zwei Motorräder rasen heran, versuchen sein Auto zum Halten zu bringen. Auf jedem Motorrad sitzen zwei Männer, die hinteren sind bewaffnet. Jamshid Aria fürchtet um sein Leben. Er weiß: Das sind Taliban. Er drückt das Gaspedal nach unten, kurz vor der Stadtgrenze weichen die Verfolger zurück.

Vor diesem Tag im August 2015 hat Aria bereits drei Jahre lang Morddrohungen erhalten. In Briefen und am Telefon drohten die Taliban immer wieder damit, sein Leben und das seiner Familie auszulöschen. Heute kann er darüber sprechen, er lebt in Hamburg. Seinen richtigen Namen will er trotzdem nicht in der Zeitung lesen, er hat immer noch Angst.

Zweieinhalb Jahre arbeitete der heute 23-Jährige als Dolmetscher einer Bundeswehreinheit nahe Masar-e Scharif. Der Job sollte seine Familie über Wasser halten und ein späteres Studium finanzieren. „Für die Taliban bin ich dadurch zum Verräter geworden.“ Im Juli 2013 quittierte er den Dienst, doch die Drohungen hörten nicht auf. „Die vergessen nicht, für wen du gearbeitet hast. Als Ortskraft ist man bekannt.“

Im Jahr 2014 sucht er Schutz und stellt eine Gefährdungsanzeige bei der Bundeswehr, 2015 versucht er es erneut. Beide Male wartet er fast vier Monate auf eine Antwort. Es bestehe eine „latente Bedrohung“, heißt es in der zweiten Prüfung, doch für eine Einreiseerlaubnis nach Deutschland reicht das nicht. Aria beschließt, alleine zu fliehen, erreicht Deutschland und lebt seit vergangenem Herbst das Leben eines Flüchtlings mit schlechter Bleibeperspektive: Allein fünf Monate wartet er auf eine Registrierung, einen Termin für das entscheidende Interview hat er noch immer nicht. Viele Sprachkurse, auch ein Integrationskurs, sind ihm mit seiner dreimonatigen Aufenthaltsgestattung verwehrt. Er ist deprimiert: „Ich musste mein Leben aufgeben, weil ich für die Bundeswehr gearbeitet habe.“ Jetzt fühlt er sich im Stich gelassen.

Schlechte Sicherheitslage

Aria ist einer von vielen hundert Ortskräften, die die Bundeswehr während ihres ISAF-Einsatzes in Afghanistan beschäftigte. Zählt man die Kräfte des Auswärtigen Amtes und des Innenministeriums hinzu, sind es rund 1.600 ehemalige Helfer. Noch immer arbeiten mehr als 500 Afghanen für deutsche Ministerien, weitere 1.500 für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und die Kreditanstalt für Wiederaufbau, meist als Dolmetscher, Wachleute der Feldlager oder ortskundige Fahrer. Sie bauen die Brücken zwischen den deutschen Soldaten und Entwicklungshelfern auf der einen Seite und der afghanischen Bevölkerung auf der anderen.

Viele werden bedroht, oft bereits während sie noch für deutsche Stellen arbeiten. Gerade für die Ortskräfte des ausländischen Militärs ist die Lage dramatisch. Als die Bundeswehr Ende 2013 aus Kunduz abzog, blieben Aria und viele seiner Kollegen zurück. Die Sicherheitslage hat sich zuletzt dramatisch verschlechtert. Im vergangenen Jahr sind mehr als 150.000 Afghanen nach Deutschland geflohen. Für die ehemaligen Ortskräfte ist es besonders gefährlich. Bernd Mesovic von der Organisation Pro Asyl sagt: „Die Eroberung von Kunduz durch die Taliban im vergangenen Oktober hat die Bedrohung der dortigen Ortskräfte erheblich verschärft.“

In der Theorie hilft Deutschland den Betroffenen. Schon im Herbst 2013 hat die Bundesregierung beschlossen, einen Teil der Ortskräfte hier aufzunehmen. Liegt eine „individuelle Bedrohung“ vor, kann eine Aufnahmezusage nach Paragraf 22 des Aufenthaltsgesetzes erteilt werden. Die Ortskraft darf mit ihrer „Kernfamilie“ einreisen und hierzulande sofort arbeiten.

Allerdings muss dafür der Antrag positiv entschieden werden. Deutsche Stellen in Afghanistan benennen sogenannte Ressortverantwortliche, sie prüfen die Gefährdung ihrer Ortskräfte. Nur bei positivem Urteil wird eine Gefährdungsanzeige an das Auswärtige Amt und das Innenministerium weitergeleitet, auch nachrichtendienstlich wird geprüft – es ist ein langwieriger Prozess. Pro Asyl kritisiert die Intransparenz: „Es bleibt völlig im Dunkeln, was zur Ablehnung eines Bescheides führt“, sagt Mesovic. Außerdem gebe es keine Möglichkeit, rechtlich gegen einen Bescheid vorzugehen.

Das Innenministerium hält dagegen: Die Bundesregierung entscheide „im Zweifel für die Ortskraft“. Die Praxis erweckt einen anderen Eindruck. Bis Mitte März 2016 wurde mehr als die Hälfte der 1.853 Anträge abgelehnt. Blickt man nur auf die vergangenen sechs Monate, nach dem Fall von Kunduz, hat sich die Anerkennungsquote der Bundeswehr zwar deutlich erhöht. Vom Bundesentwicklungsministerium (BMZ) und seinen untergeordneten Behörden werden aber immer noch etwa zwei Drittel aller Anträge abgelehnt. „Ich habe den Eindruck, dass das BMZ den Ernst der Lage nicht wirklich erkennen möchte“, sagt Mesovic. „Man möchte beweisen, dass man ein Land aufbauen kann.“ Gefährdete Ortskräfte passen da offenbar nicht ins Bild. Dabei seien auch Entwicklungshelfer gefährdet. „Die Taliban unterscheiden nicht zwischen Ortskräften der Bundeswehr und jenen anderer deutscher Stellen.“

Besonders prekär scheint die Lage der Ortskräfte der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Zwei Dutzend von ihnen sollen nach dem Fall von Kunduz ihrem Schicksal überlassen worden sein. Die GIZ weist das zurück: Sie nehme die Fürsorgepflicht sehr ernst. Auch afghanische Mitarbeiter seien „in das Sicherheitssystem der GIZ eingebettet“ und würden „ständig mit Informationen und Sicherheitsempfehlungen versorgt“, wie ein Sprecher sagt. „Wir unterstützen unsere Mitarbeiter in jeder Situation, in der sie sich bedroht fühlen.“

Manche Ortskräfte schaffen es, über das gesonderte Verfahren eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland zu bekommen. Ahmad Jawad (Name geändert) gehört zu ihnen. Mehr als zehn Jahre arbeitete er für deutsche Dienststellen in Afghanistan, darunter das Auswärtige Amt. Im Frühjahr 2015 kam er nach Deutschland, zusammen mit seinen Eltern. Seine volljährige, aber ledige Schwester konnte er nicht mitnehmen. Nun erhält er 400 Euro monatlich vom Staat, keine andere Hilfe. „Die Gefahren, die ich auf mich genommen habe, dass ich meine Heimat verlassen musste, das alles zählt hier nicht.“

Jawad hatte noch Glück. Über seinen Antrag wurde in zwei Monaten entschieden, das ist vergleichsweise schnell. Oft jedoch dauern die Prüfungen sehr lange, und die Erfolgsaussichten halten sich in Grenzen. Das führt dazu, dass viele Menschen auf eigene Faust das Land verlassen und irgendwann über diverse Fluchtrouten und ohne ihre Familien Deutschland erreichen. In den Statistiken der Bundesregierung tauchen sie nicht auf.

In Deutschland bekommen sie Hilfe vom „Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte“. Marcus Grotian, Oberleutnant der Bundeswehr, rote Haare, markante Gesichtszüge, ist Vorsitzender des Vereins. „Das sind Menschen, die sich aktiv für uns entschieden haben und fliehen müssen, weil sie uns geholfen haben“, sagt er. „Es ist wichtig, dass ihnen allen geholfen wird.“ Mittlerweile hat der Verein 60 Mitglieder – Sozialarbeiter, Psychologen, Bundeswehrsoldaten, Diplomaten.

Angst vor der Rückkehr

Sie helfen ehrenamtlich Hunderten Ortskräften, darunter Aria und Jawad, etwa bei der Suche nach Wohnungen, beim Ausfüllen schwer verständlicher Behördenpapiere oder komplizierten Bafög-Unterlagen für die Studenten unter ihnen. „Wir haben gesehen, dass es nicht läuft. Von staatlicher Seite passierte zu wenig“, sagt Grotian. Zwar gebe es Patenschaftsprogramme der Bundeswehr und der Polizei, die die Eingewöhnung in Deutschland erleichtern sollen. Doch seien diese Angebote weniger bekannt und untereinander kaum vernetzt. Es sind Freiwillige, die nun die Arbeit des Staates machen.

Bei manchen Problemen kann aber auch der Verein nicht helfen. „Wenn der Innenminister von sicheren Herkunftsgebieten in Afghanistan spricht, dann betrifft das letztlich auch die Bleibeperspektive der Ortskräfte hier in Deutschland“, sagt Jawad. „Dabei sind selbst sogenannte sichere Provinzen nicht sicher vor den Taliban.“ Er fürchtet, dass Deutschland ihn eines Tages zur Rückkehr zwingen könnte. Das macht ihm Angst: „Wer einmal für deutsche Stellen arbeitete, hat danach noch sehr lange Probleme.“

06:00 17.05.2016
Geschrieben von

Matthias Jauch

Freier Journalist, Berlin|Hamburg, unter anderem beim Freitag, twittert unter @MatthiasJauch
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