Poesie als Zusammenführungskunst

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Eine Würdigung des Lyrikanthologie–Herausgebers und Lyrikers Axel Kutsch


Ohne die Lyrikanthologien von Axel Kutsch wäre das literarische Leben im deutschsprachigen Raum wesentlich ärmer. Lyrik erreicht seit je ihre Leser vorzugsweise über Lyrikanthologien, und oft leisteten diese Lyrikanthologien auch Erweckungsdienste für junge angehende Dichter, die hier ihre Vorbilder und Meister entdeckten und möglicherweise auch die Erkenntnis, daß noch kein Meister vom Himmel gefallen ist. Die Lyrik ist nie homogen, sie resultiert aus zahlreichen Stimmen und Stilen, die manchmal Berührungspunkte aufweisen, manchmal aber auch nicht. Den ca. 50 000 ernsthaft um eigene Lyrik bemühte Autoren stehen ca. 500 Lesern gegenüber, die einen Lyrikband käuflich tatsächlich erwerben, und zwar auch nur den besten eines betreffenden Jahrgangs. Gottfried Benn hat behauptet, von seinen Einnahmen aus der Lyrik habe er die Kosten für seine Zündhölzer bestritten. Um Geld kann es nicht gehen.


„Die ganze Landschaft ist ein Manuskript“ (John Montague)

Die Stimmenvielfalt in »Versnetze_eins« bis »Versnetze_drei« erscheint wichtiger war als die Auslese. Walter Benjamin unterschied drei Arten von Anthologien: jene, die einen bedeutenden Dichter zum Herausgeber haben, dessen Lyrikauswahl „eingestandenermaßen oder nicht normativen Charakter“ hat und deshalb selbst als „Dokument der hohen Literatur“ gelten darf, dann jene, deren Herausgeber als Person zurücktritt und sich rein informative Ziele gesetzt hat, zuletzt die „unerfreulichste Gattung“, die „als müßiges Spiel eines Unberufenen ein undeutliches Ineinander eklektischer und informatorischer Gesichtspunkte“ darstellt.


Alles stimmt beim Herausgeber und Lyriker Axel Kutsch, weil alles bei ihm Dichtung ist, mit Dichtung zu tun hat. In seiner Lyrik hören die Sachverhalte auf zu sein und fangen an zu bedeuten. Seine Lyrik, zuletzt veröffentlicht in »Stille Nacht nur bis acht«, handelt nicht davon, was passiert, sondern wie Leser es erleben. Von 2008 bis 2010 erschienen die vieldiskutierten Anthologien »Versnetze_eins« bis »Versnetze_drei« Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart«.


Als Herausgeber von Lyrik–Anthologien hat Axel Kutsch einen ganz anderen Begriff davon, was diese Gattung leisten muß. Die von ihm herausgegebenen Bücher fügen sich ineinander mit eiszeitlicher, in geologischen Epochen denkender Zwangsläufig­keit, als eine fortschreitende Bewegung. Er denkt in Werkzusammenhängen, was ihn zu einer Ausnahmeerscheinung macht. Zuletzt erschien »Versnetze zwei«, eine Anthologie, die nicht nach dem Alter, sondern nach der Postleitzahl sortiert ist. Zu entdecken ist eine Lyriklandschaft, die sich sowohl den Metropolen, als auch dem Hinterland widmet. Über seine Arbeit als Herausgeber von Lyrik–Anthologien sagt er ergänzend zum Projekt »Kollegengespräche«*:


„Der Verlag schreibt gezielt Autorinnen und Autoren an. Von den Einsendungen ist zwar nicht alles zu verwenden, aber es bleiben immer genug annehmbare bis hervorragende neue Gedichte auch weniger bekannter Verfasser übrig, mit denen man niveauvolle Anthologien füllen kann. Ich lege Wert darauf, nicht nur etablierten

Lyrikern ein Forum für Veröffentlichungen zu bieten, sondern auch solchen, die sich bisher erst in ihren regionalen Szenen einen Namen gemacht haben.“


Gedichte sind offene Gebilde


Als Herausgeber ist Axel Kutsch ein Entdecker. Zwischen Verbindlichkeit und Freiheit, zwischen Hierarchie und Innigkeit, Ordnung und Chaos findet er auch die Na­deln im Heuhaufen. Er hat bereits frühzeitig erkannt, daß die aktuelle Lyrik auf ei­nem viel höheren Niveau angesiedelt ist als die sogenannte Popliteratur. Die Postmoderne endete jedoch mit der Massennutzung des Internets, kaum niemand nimmt Notiz von ihrem Sterben, weil das Leben immer mehr von einer immer noch schneller werdenden, ja, wahnwitzigen Schnelligkeit geprägt zu sein scheint.


Die Literaturtheorie wird zusehends von Literaturmarketing abgelöst, kompetente Buchkritiken werden durch geschmäcklerische Literaturtipps ersetzt. Die seriöse Buchauswahl verschwindet, stattdessen wird alles zur Geschmacksfrage degradiert. Der Markt beeinflusst die Wahl, bestimmt die Vorlieben und etabliert Werte. Selbst wenn Besprechungen nett gemeint sind, steht darin immer etwas, das erkennen läßt, daß nicht begriffen wurde, was die Autoren bei der Schreibarbeit tatsächlich beschäftigt hat. In den seltensten Fällen wird die ursprüngliche Aufgabe des Kritikers noch befolgt, über Literatur zu schreiben, bevor man sie beurteilt.


Kritischer Regionalismus


Im 20. Jahrhundert versuchten die Autoren, sämtliche Regionen des Landes ausschöpfend zu beschreiben, nach dem 2. Weltkrieg folgte die modernistische Literatur, welche die plurale Identität der alten BRD entdeckte und sich andererseits darum bemühte, die Weimarer Traditionen wiederaufzunehmen. Die Lyriker der blank generation sind so lebendig wie vielstimmig ist, sie schreiben keine Befindlichkeitstexte, leisten dafür aber sorgfältige Spracharbeit und schreiben poetisch souverän, welterfahren und vor allem eigenwillig. Die literarische Strömung des Regionalismus wirkt der Globalisierung entgegen, weil sie eine starke Bindung zu einer Örtlichkeit und einen Bezug zur Geschichte entwickeln. Die Antwort der Lyriker auf die Globalisierung liegt in der Anthologie »Die inneren Fernen« in der Vertiefung der eigenen historischen Wurzeln.


Der Literaturbetrieb gleicht einem Adler, der mit gebrochenen Füßen in die Lüfte steigt, die ihm jedwede Landung verwehren. Heutzutage scheint Literatur der Inbegriff des Fragmentarismus, der unsere Zeit ansteckt, dadurch charakterisiert und die typisch fin–de–siècle–belastete Verwirrung und Fassungslosigkeit der Methoden bzw. existentiellen Werkzeuge zum Ausdruck bringt. Diese Autoren wagen, jeder auf seine Art und Weise, eine Berufung der Methode einzulegen, indem sie eine Berufung der Rhetorik heraufbeschwören. Die alten Fragen der Literatur bleiben erhalten, wie etwa die nach dem Geschlechterverhältnis oder dem Rest Unerklärlichem, das sich der menschlichen Erkenntnis entzieht.


Deshalb sollte sich die neue Literatur nicht frontal gegen die Religionen stellen. Aber sie muß die sogar bei Atheisten bislang unzureichend ausgebildete Anschauung stärken, daß Moral und Ethik keineswegs nur über religiöse Überzeugungen funktionsfähig werden. Es geht um eine Erweiterung des literarischen Feldes. Seit einiger Zeit erlebt die deutschsprachige Lyrik eine kleine Renaissance. Das hat einerseits mit dem Wagemut der Kleinverlage) zu tun; es hängt aber auch zusammen mit der Wiederentdeckung lyrischer Formen durch jüngere Autorinnen und Autoren. Es fällt auf, daß manche lyrische Innovationen der letzten Jahre aus dem Hinterland kommen, ob aus der Edition YE Sistig in der Eifel, der Landpresse in Weilerswist, der Edition Das Labor aus Bad Mülheim oder der Silver Horse Edition aus Marklkofen, ob Peripherie Zentrum oder Zentrum Peripherie ist, entscheiden die interessierten Leserinnen und Leser mit jedem neuen Gedichtband neu.


Das Gedicht als besondere Form des Denkens


Mein Problem beginnt damit, daß sich die gebotene Vielfalt in »Versnetze_eins« bis »Versnetze_drei« kaum würdigen läßt. Damit stehe ich nicht allein da, kompetente Buchkritiken werden durch geschmäcklerische Literaturtipps ersetzt. Gedichte, die auf ihre ästhetische Autonomie pochen und sich implizit als Gegenwelt zur geschichtlichen begreifen, setzt er dabei dem Generalverdacht aus, im „luftleeren Raum“ zu schweben, ja sogar einer „Wertverwahrlosung“ Vorschub zu leisten. Die seriöse Buchauswahl verschwindet, stattdessen wird alles zur Geschmacksfrage degradiert. Der Markt beeinflußt die Wahl, bestimmt die Vorlieben und etabliert Werte. Selbst wenn Besprechungen nett gemeint sind, steht darin immer etwas, das erkennen läßt, daß nicht begriffen wurde, was die Autoren bei der Schreibarbeit tatsächlich beschäftigt hat. In den seltensten Fällen wird die ursprüngliche Aufgabe des Kritikers noch befolgt, über Literatur zu schreiben, bevor man sie beurteilt. Die Einzigartigkeit von Lyrik liegt, abgesehen von ihrer bestechenden Schönheit, in der Unkenntnis einer prosaischen Realität, die das Herzstück so vieler Bücher der Epoche ausmacht.


Bogenschlag zwischen Vertrautem und Unver­trautem


Im 21. Jahrhundert ist Selbstentblößung unter jungen deutschen Autoren ganz normal. Je lauter man brüllt, desto schlechter wird man verstanden, das heißt, je greller eine Entblößung daherkommt, desto weniger schockiert sie. Die gegenwärtige deutschsprachige Lyrik ist von einer ungeahnten Produktivität und Vielfalt. In den letzten Jahren haben sich unzählige neue Stimmen gemeldet, mit sehr unterschiedlichen Ansätzen und nicht selten in einer intensiven Auseinandersetzung mit der lyrischen Überlieferung. In den Traditionslinien, die Axel Kutsch in »Versnetze_eins« bis »Versnetze_drei« aufzeigt, geht es um die Rückkehr zur Aufklärung.Axel Kutsch stimmt dem zu, aber nicht zu derselben Art von Aufklärungsliteratur. Einfach mit Aufklärung oder Klassik weiterzumachen geht gerade dann nicht, wenn man besonders stark damit sympathisiert. Das ist ein großer Gedanke Ezra Pounds: „Um etwas wieder zu tun, muß ich es neu machen.“ Tradition heißt „immer wieder an­ders daßelbe“.


Als Kutsch die Lyrik–Anthologie »Jahrhundertwende« vorbereitete, dachte er im Vorfeld laut über den Titel nach:


„Einige in meiner Umge­bung haben mir geraten, die Anthologie »Jahrtausendwende« zu nennen. Das wäre mir zu bombastisch und zu vermessen. Mit einigem Glück wird die Menschheit die kommenden Jahrzehnte noch überstehen, aber kaum das nächste Jahrtausend. Wir haben es in­zwischen soweit gebracht, daß das Denken in großen Dimensionen an Scharlatanerie grenzt. Im 20. Jahrhundert ist gnadenlos viel kaputtgemacht worden. Und so wird es weitergehen. Keine Aussicht auf Besserung. Ich blieb also bei »Jahr­hundertwende«. Diese Thematik umfasst man­cherlei Aspekte: Blick zurück in ver­gangene Epochen, auf die Gegenwart und in die nähere Zu­kunft. Das Buch ist ein inhaltlicher und stilistischer Fin–de–siècle–Seismograph zeitgenössischer deutsch­sprachiger Lyrik.“


Die innere Notwendigkeit eines Gedichts


Axel Kutschs eigene Gedichte, die in Büchern wie in »Einsturzgefahr« oder »Ikarus fährt Omnibus« nachzulesen sind, verknüpfen Assoziationen zu einem Bewusstseinsvorgang, der zwischen den Zeiten vermittelt, das Vergangene hervorholt, Träume reali­siert und so Gedanken ins Sprachbild bringt. Es ist diese offene Form des Schrei­bens, die ihn immer am meisten interessiert hat. Eine offene Form, die sich selbst bildet. Axel Kutsch entwirft das Bild einer chaotischen Welt, aus der ei­nen keine Ge­schichtsphilosophie, Meta–Erzählung oder Religion retten kann und fei­ert in seinen Gedichten gerade deshalb die Freiheit des einzelnen. Man möchte seine An­thologien nicht missen, ihm andererseits mehr Zeit für seine eigene Arbeit wün­schen:


„Während der Wochen und Monate, in denen ich selbst mit der Zusammenstellung einer Anthologie beschäftigt bin, fällt mir meistens kein akzeptabler Vers ein. Aber niemand zwingt mich zu dieser editorischen Arbeit, die ja auch ihren schöpferischen Stellenwert hat. Ich mache das höchst freiwillig und ausgesprochen gerne, auch wenn damit eine gewisse Selbstausbeutung verbunden ist.“


Hoch­gespannt­heit


Das Lesen ähnelt dem Schreiben, es ist ein kreativer Prozess. Das Schreiben fasse ich als das Auffinden eines verborgenen, inneren Textes auf. Die Arbeit dieses Lyrikers besteht darin, dem Wesen des Menschen auf die Spur zu kommen, und zwar jenseits von Urteilen oder Therapievorschlägen, deshalb studiert er den Menschen sehr genau. Es muß Schriftsteller geben, die kritische Fragen stellen und hohe moralische Ansprüche vertreten – sonst bleibt nur die Barbarei. Wenn es stimmt, daß die Lyriker als letzte Sinnstifter gesucht werden, ist es ein gutes Zeugnis für die westliche Gesellschaft, daß sie Lyriker als öffentliche Stimmen derzeit nicht benötigt. Hauptsache, die Lyriker werden gelesen. Umgekehrt hat ein Lyriker, der die Gesellschaft erst beeinflussen will, bevor er sie beschrieben hat, seinen Beruf verfehlt. Gute Lyriker sind beim Schreiben kühl und unbestechlich. Und sie lassen sich beim Nachdenken viel Zeit. Wünschen wir dem Herausgeber und Lyriker Axel Kutsch noch viele Mußestunden.



Axel Kutsch (Hrg.): »Versnetze_eins« bis »Versnetze_drei« Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2008 – 2010.


12:50 13.10.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Matthis Hagedorn

Hg. des Online-Magazins Kulturnotizen (KUNO). Als Gastbeiträge sind Texte von neuen Autoren aus dem Bereich Glosse, Essay, Rezension willkommen.
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Matthis Hagedorn

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