Ut pictura poesis erit

Novellen In den ästhetischen Debatten kehrt die Regelpoetik des Horaz wieder.
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Als "stumme Poesie" oder "beredte Malerei" gehörten der Antike Kunst und Literatur so untrennbar zusammen wie einst Mann und Frau in Platons Urwesen, bis Gott die beiden Unbotmäßigen in zwei Teile auseinanderhieb.

„Das seltsame Verhältnisspiel der Dinge“, von dem Novalis spricht, ist A.J. Weigoni nicht unbekannt. Ein Subtext der Sehnsucht und der Katastrophen zieht sich durch diese Novelle. Dieser Romancier wählt eine gebrochene Perspektive, um den Leser das Leben von Nataly und Max in ihrer Fremdheit nahebringen, aber er handhabt sie so virtuos, daß man ihr Raffinement gar nicht bemerkt. Diese Poesie liefert Beispiele für Weltzusammenhänge zwischen Rhein und Nil, sie kann die Fülle der real vorhandenen Dinge aber auch übertreffen. Die offene Struktur seiner Poesie weist darauf hin, daß die Dinge dazu neigen, sich irgendwann aufzulösen. Wer Weigonis Arbeiten aus den letzten Jahren kennt, ist mit seiner sinnlichen, den Gegenstand umkreisenden, dann bestimmt zupackenden Sprache vertraut. Man erinnert sich an seinen wie beiläufigen Umgang mit biblischen und mythologischen Anspielungen, kennt diesen ganz besonderen, mit fingierter Naivität anhebenden, dann in Traumbildern von großer Plastizität ausschweifenden, stark rhythmisierten Erzählton, der seine volle Kraft im Augenblick des Schocks entfaltet, wenn plötzlich – in einer Geste, einem Bild oder in einer kurzen, abrupten Formel – der Abgrund erkennbar wird, aus dem er seine Protagonisten für Momente ans Licht zieht. Wie in anderen Geschichten führt dieser Abgrund auch in den »Vignetten« in die triebhaften Tiefen einer von Sprachlosigkeit, existenzieller Not und dumpfen, übermächtigen Zwängen beherrschten Welt. In dieser Prosafolge lebt Weigoni seinen narrativen Reichtum lässig aus. Sein Erzählton macht kein Aufheben, er betreibt, was den Charme der Geschichten ausmacht, eine Art buchhalterisches Understatement. Das Schweigen hat einen weiten Echoraum in Weigonis' Schaffen, die eigentümliche Spannung von Weigonis Novelle ergibt sich kaum aus ihrer Fabel, sondern wesentlich aus der Ökonomie des Erzählens, einer kammermusikalischen Genauigkeit und Diskretion.

In gleichmäßig zügigem Tempo, ohne Verweilen, ohne Luftholen gehen die Ereignisse voran. Jeder Satz ist eine kleine Überraschung. Hier entsteht das Geflecht der Leitmotive und Dingsymbole wie von selbst aus der Aufmerksamkeit für die realistischen Details. Die Hauptfiguren Nataly und Max sind tief ergriffen von der realen Gegenwart, dem Gefühl, daß alle Zeiten nur eine sind, daß sie in allen leben und alle in ihnen. Wie der Rhein in Caput I „Mäander“ unmerklich zum Bedeutungsraum wird, so im 2. Kapitel „uräus“ der Nil. Dieses Mäandern ist eine Form zwischen Polen suchender Schreibart, die dialogisch von Assoziation zu Assoziation Erkenntnisse produziert. Worin die "unerhörte Begebenheit" liegt, welche diese Novelle nach Goethes Definition zu einer solchen macht, erfährt man erst auf den letzten Seiten. Mit dem Wünschelruten–Blick des Schatzsuchers, laufen Nataly und Max über den Wüstensand und nehmen die Erschütterungen und Blessuren, welche die Verheerungen der Geschichte diesen alten Landstrichen zugefügt haben, auf. Im Rhythmus der Schritte erschließt sich ihnen der Geist dieser Landschaft, gleichsam das Versmaß der sie umgebenden Dinge. Es sind die im Wortsinne elementaren Gewalten, die das Leben bestimmen – aber erzählerisch zurückgenommen ins Kleinformat des Alltäglichen. Daß jedes Ding in dieser erzählten Welt über sich hinausweisen kann, verdankt sich gerade der Sorgfalt, mit der sie alle dem Realitätseffekt dienen. Unauffällig und früh sind die Signale gesetzt, diese novellistische Flußfahrt umsegelt die Scylla des Pathetischen ebenso sicher wie die Charybdis der Sentimentalität; diese verdankt sich der Sparsamkeit der erzählerischen Mittel und dem weiten Horizont, in den hinein dieses Erzählen sich öffnet. Meisterhaft ist sie in einem ganz handwerklichen Sinne. Und ebendeshalb erreicht sie so sicher jenen Punkt, an dem die stupende Präzision der pièce bien faite umschlagen kann in die Magie des Geschichtenerzählens. Mit Ossip Mandelstam gesagt: Poesie ist Ausbruch von Energie und ein Luxus, aber ein notwendiger. Weigoni ist in diesem Sinne ein luxurierender Schriftsteller.

Bei A.J. Weigoni entsteht das Schreiben aus sprachlicher Verdichtung, seine Novelle ist eine bewegende Hommage an das Leben in und aus der Möglichkeitsform: das Lesen. Seine gleichsam magische Begabung liegt darin, sich alles, wofür er Worte findet, spontan anverwandeln zu können. In seiner semantischen Mehrschichtigkeit zeigt er zugleich exemplarisch, was ihn als Prosa–Autor so heraushebt: eine poetische Genauigkeit und doch Offenheit der Sprache, die bewirkt, daß sich jedem einzelnen Wort hinterher lauschen läßt, als enthalte es eine ganze Welt. Folgen viele solcher Worte aufeinander, entsteht etwas, das am ehesten als eine Art assoziativer Klangraum bezeichnet werden könnte, ein schwer zu fassendes Phänomen, das eng mit der offensten aller Künste, der Musik, verwandt ist. Lese–Musik im Kopf. Seltener als man glauben möchte, gibt es unter Schriftstellern jene Solitäre, die vor allem ihrer inneren Stimme folgen und auf deren Werk der Markt und seine Moden oder die Eigenbewegung der Kunst nur wenig Einfluß haben. Manche werden berühmt, andere sterben weitgehend unbemerkt. Das Projekt »Vignetten« ist eine Langzeitbeobachtung intermedialer Wechselwirkungen, es schafft ein Gefühl für individuelle Tragödien, die nicht durchs Visuelle geprägt sind, sondern durch Verhältnisse, Spannungen, Energieverschiebungen und Differenzen, durch die Domänen der Sprache und der Kunst. Hier kann man begreifen, daß das Gedicht von der Rose nicht gilt: Der Rhein ist nicht der Nil ist kein Rinnsal. Die Dingwelt lebt – und zwar gerade in ihrer höchst vergänglichen Einmaligkeit.

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»Vignetten«, Novelle von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2009 – Limitierte und handsignierte Ausgabe als Hardcover

Hörprobe auf«: http://www.vordenker.de/taeger/vignetten.htm

Die Aufnahme ist in HiFi-Stereo-Qualität erhältlich über: info@tonstudio-an-der-ruhr.de

http://de.wikipedia.org/wiki/Weigoni

17:17 24.10.2009
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Geschrieben von

Matthis Hagedorn

Hg. des Online-Magazins Kulturnotizen (KUNO). Als Gastbeiträge sind Texte von neuen Autoren aus dem Bereich Glosse, Essay, Rezension willkommen.
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Matthis Hagedorn

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