Das Chaos-Embargo gegen Russlands Öl

Meinung Die EU und die G7 nehmen Wladimir Putins Öl-Konzerne unter Sanktionsfeuer. Doch dieser Schuss wird nach hinten losgehen
Ausgabe 49/2022
Zum Jahreswechsel wird auch die Druschba-Pipeline abgedreht. Die PCK-Raffinerie in Schwedt gerät dadurch in eine brenzlige Lage
Zum Jahreswechsel wird auch die Druschba-Pipeline abgedreht. Die PCK-Raffinerie in Schwedt gerät dadurch in eine brenzlige Lage

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Der Wirtschaftskrieg spitzt sich zu. Jetzt stehen Wladimir Putins Ölkonzerne unter Sanktionsfeuer. Nun darf in der EU per Schiff kein russisches Rohöl mehr angelandet werden. Ab Februar gilt das auch für Diesel, Heizöl und Benzin. Zum Jahreswechsel wird dazu die Druschba-Pipeline abgedreht. Freiwillig, wohlgemerkt. Denn Pipeline-Öl ist vom EU-Embargo eigentlich ausgenommen. Die große Raffinerie in Schwedt gerät dadurch in eine brenzlige Lage. Öl muss dann nämlich per Schiff von woanders besorgt werden. Dafür sind der Hafen in Rostock und die Pipeline nach Schwedt aber zu klein. Ab Januar drohen Produktionsausfälle. Die können wehtun, denn wer heute in Berlin und Brandenburg tankt, lässt fast immer raffiniertes Druschba-Öl aus Schwedt durch den Rüssel laufen.

Dazu hat die EU gemeinsam mit den G7-Ländern einen Ölpreisdeckel gegen Russland erlassen. Wenn Russland etwa Öl nach Indien oder China liefert, dürfen Tanker aus Hamburg und Versicherungen aus London nur noch mitmachen, wenn der Kaufpreis unter 60 Dollar pro Barrel liegt.

Das Ziel der Sanktionen: Russlands Ölgeschäft schädigen, um Putins Kriegskasse zu leeren. Doch es gibt zwei Probleme: Putin kann seine Kriegskasse mit Rubel aus seiner Zentralbank füllen, dafür braucht er kein Öl gegen Euro oder Dollar zu verkaufen. Soldaten, Panzer, Munition: All das bezahlt er mit Rubel. Zweitens: Öl ist weltweit knapp und die EU immer noch ein Öl-Junkie. Die EU muss also woanders kaufen und mit anderen Länder konkurrieren. Das Wettbieten treibt die Preise für Öl und Öltanker hoch. Wer von der EU verdrängt wird, muss aber am Ende natürlich doch in Russland kaufen. Öl ist in der Gegenwart ebenso knapp wie unverzichtbar. Putins Öl bleibt nicht im Boden, sondern findet neue Abnehmer, sofern die Logistik klappt. Zurzeit baut Russland eine eigene Flotte auf und erweitert seine Häfen. Indien hat erklärt, auch russische Versicherungen im Ölgeschäft zu akzeptieren.

Embargo und Preisdeckel erzeugen zwar kurz Chaos am Ölmarkt, werden aber weder Russlands Ölgeschäft lahmlegen noch Putins Kriegsfähigkeit einschränken. Leider!

Maurice Höfgen hat soeben das Buch Der neue Wirtschaftskrieg veröffentlicht

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