Besser hören als tot

TONNABNEHMER V.A.: Return of the Read Menace, AK Press /Honest Don

Schwarz gekleidet, tief ins Gesicht gezogener Schlapphut, böse grinsend und mit einer Bombe bewaffnet. Das einzige, was er will, ist die Gesellschaft gewaltsam ins Chaos stürzen. Diese liebevolle Vorstellung vom Anarchisten hat als Überbleibsel der Spontiezeit überlebt. Über dieses Klischeebild kann das Kollektiv des amerikanischen Verlages AK Press zwar lachen, identifizieren mit ihm kann es sich nicht. Statt Bomben ist das geschriebene und gesprochene Wort die Waffe der linken Splittergruppe, und nietenbeschwerte Lederjacken dominieren eher das Bild als Schlapphüte. Im Gegensatz zu Sex Pistols Sänger Johnny Rotten, der Anarchy in the UK besang, meinen die Mitglieder des Kollektivs es ernst mit der anarchistischen Philosophie. Für das Kollektiv ist das mehr als nur graue Theorie und gehört zu ihrer Vorstellung von einer auf Punkrock beruhenden Gegenkultur, wie sie bereits Anfang der achtziger Jahre entscheidend durch die Punkband CRASS geprägt wurde. »A Book is only the beginning ...« lautet ihr idealistischer Leitspruch, und die anarchistischen Revolutionstheorien füllen das Programm. Die erste vollständige, englischsprachige Ausgabe von Michael Bakunin gehört genauso wie die gesammelten Radiokommentare des zum Tode verurteilten Journalisten Mumia Abu-Jamal oder das neue Buch von Jello Biafra, dem Sänger der legendären Punkband Dead Kennedys, zum Verlagsprogramm. Um ein solch spezialisiertes Sortiment aufrechtzuerhalten, ist Geld nötig, und das ist, wie überall in der linken Szene, knapp. Aus diesem Problem heraus entstand 1996 eine Benefizcompilation, Better read then dead, in Zusammenarbeit mit dem Punkrocklabel Epitaph. Knapp drei Jahre später ist nun die Fortsetzung - Return of the read menace - mit 25 bisher unveröffentlichten Songs fertig. Den Auftakt übernehmen Screeching Weasel mit einem kraftvollen Melody-Punkrocksong.

Der melodische Stil des Punkrockes dominiert die gesamte Compilation. Amerikanische Szenegrößen wie No Use for A Name und Hot Water Music beweisen, daß diese Musik trotz ihrer Betonung der Melodie nichts an der Power des ursprünglichen sehr rauhen Punkrockes verloren hat. Für härtere Einsprengsel sorgen hingegen die bekennenden Antinationalisten Propagandhi, Avail und die emocore-lastige Hamburger Punkband ... But Alive, die trotz ihrer melodischen Emotionalität erkennbare Wurzeln im Hardcorebereich besitzen. Letztere bringen mit ihrem Song Niemand beißt die Hand, die einen füttert einen Umstand auf den Punkt, der für die subventionierte Linke weltweit immer noch ein Problem ist. Den Höhepunkt erreicht die Compilation mit dem Track Hell and Back der kanadischen Hardcorepunkveteranen D.O.A., die auf die Entwicklung der amerikanischen Hardcoreszene der letzten Jahre einen sehr großen Einfluß ausgeübt haben. Aus dem musikalischen Rahmen fallen die beiden englischen Skabands The 'Tone und The Levellers. The Levellers verarbeiten in ihrer Musik neben den jamaikanischen Wurzeln des Ska auch Elemente des britischen Folkrockes in ihrem Song Son of a Baker, während The 'Tone noch stark in der 2-Tone-Tradition verhaftet sind. Der Bereich der Singer und Songwriter wird von Rhythm Activism, Robb Johnson und Wat Tyler abgedeckt. Eine Band, die auf einem solchen Sampler natürlich nicht fehlen darf, ist Chumbawamba, die Vorbildanarchisten der kommerziellen Popindustrie. Mit der kraftvollen Liebesballade Girlfriend von Cooper klingt die CD nach knapp 75 Minuten aus. Das AK Press Kollektiv beweist, daß sich politische Aktivität und partytauglicher Punkrock nicht per se ausschließen.

Das Problem von Solisamplern dieser Art liegt allerdings in der Verbreitung. In linken Szenekneipen und Infoläden versauern viele gute Sampler. Das wissen auch die Mitglieder von AK Press und suchten sich einen Partner in der kommerziellen Musikbranche.

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