Massenware Wurst

Conchita Wurst Reflektierung einer Mediensensation
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Drei Tage nach dem Eurovision Songcontest bleibt der mediale Wirbelsturm zum Phänomen Conchita Wurst durchgehend positiv. Selbst in Talkshows will man sich nicht dazu bequemen, mit Gegnern zu diskutieren; über sie zu reden ist aber offenbar in Ordnung (siehe Club 2). Ein Wunder, dass diese Gegner überhaupt bemerkt wurden; auffallen tun sie im Getöse um die Wurst jedenfalls nicht. Veranlasst durch den Eindruck, dass die Debatte keinen konstruktiven Weg gehen wird (falls denn überhaupt je eine Debatte existiert hat), habe ich mich entschlossen, als kleine Gegenstimme diesen Beitrag zu verfassen. Mag es dem ein oder anderen neue Perspektiven öffnen.

Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was Conchita Wurst ist – die Kunstfigur, die Privatperson – und dem, wie Conchita Wurst transportiert wird – die Marke, die Botschaft. Diese Unterscheidung muss der Kern jeglicher Debatte sein, und ich will im Folgenden näher darauf eingehen.

Was gibt es zur Person Wurst zu sagen? Nichts Außergewöhnliches. Schließlich ist der Grad an Liberalität, der im Westen erreicht wurde und unsere Kultur zu dem macht, was sie ist - nämlich eine reflektierende - mehr als begrüßenswert. Diese Liberalität spiegelt sich im Umgang mit Personen wie Conchita Wurst wider. Lasst Thomas Neuwirth sein, wer er ist. Schockieren ist ein bewährtes Rezept für Erfolg und Selbstdarstellung, und das sei niemandem genommen. Das wichtigste Vorurteil im zwischenmenschlichen Umgang ist, dass mein Gegenüber Respekt verdient hat (mag es sich auch nicht immer bewahrheiten). Wenn wir über die Figur Conchita Wurst reden, über die Toleranz und den Respekt, den man der Person hinter Bart und Kleid entgegenbringen sollte, dann befinden wir uns auf der Ebene des Dus – auf Augenhöhe mit einer Person, die einfach einen anderen Weg geht als der Rest. Ein Schelm, wer ihr das nicht vergönnt.

Die Wurst als Massenware

Und trotzdem schmeckt mir diese Wurst nicht. Bin ich noch nicht tolerant genug? Habe ich noch nicht begriffen, wo diese Gesellschaft, und ich mit ihr, in zehn Jahren stehen werde? Diese Überlegung will ich dann doch nicht auf mir sitzen lassen und ziehe gedanklich weiter. Weg vom Du, hin zum Wir. Das Wir ist etwas Abstraktes, das gestaltet werden will, einerseits durch Stammtische und Freundeskreise, andererseits – und vor allem – durch die Medien. Diese Medien machen das, was sie im Wortsinn tun sollen: Sie sind Transporteure von Botschaften, sie gestalten das Wir, formen den öffentlichen Raum und vor allem: Sie erzeugen Realität. Und da ist der Wurm drin. Was mich stört sind nicht Privatpersonen, nicht auffallende Lebensstile, nicht sexuelle Orientierungen oder Selbstdarsteller - sondern die Popularisierung dessen.

Der öffentliche Raum ist für alle da. Er ist unser größtes Wohnzimmer, wir alle leben darin, teilen ihn uns, streiten darin und beziehen aus ihm das Wissen über das, was außerhalb unserer vier Wände passiert. Er hat die Aufgabe zu bilden, zu unterhalten, aufzuklären, Plattformen zu bieten und zu verbinden. Er hat hingegen nicht die Aufgabe, seine Akteure im Angesicht ihrer Sexualität zu betrachten und zu bewerten. Nichts anderes ist hier aber passiert: Die sexuelle Orientierung, die ursprünglichste aller Privatsachen, wurde zum Maßstab für die öffentliche Bewertung einer Person. Es ist diese Sexualisierung der Öffentlichkeit, die mich stutzig macht, das penetrant gewordene Aufzeigen des Anderen. Dadurch werden Realitäten erzeugt, die so nicht existieren, die aber scheinbar existieren sollen. Zugegeben: Das Andere ist wichtig für die Entwicklung einer Gesellschaft, denn ohne Anderes bleiben wir im Alten stecken; jedoch kann es auch missbraucht werden.

Gender Mainstreaming

Beispielsweise dann, wenn der Bevölkerung eine neue, 'angebrachtere' Vorstellung von Realität vermittelt werden soll. Normalerweise bildet der öffentliche Raum Bewegungen in der breiten Masse auf sich selbst ab, doch es kann auch umgekehrt passieren: Eine neue Realität soll von der Öffentlichkeit aus die Köpfe der Menschen erobern. Dabei gibt es nur ein Problem: Dieses 'Realitäts-Update' kann niemals demokratisch entschieden werden, denn dabei beißt sich die Katze in den Schwanz: Die Bevölkerung weiß noch nicht, dass die neue Realität die bessere ist, da sie noch der alten unterliegt. Auch wissenschaftlicher Konsens kann getrost ignoriert werden, denn diesen gibt es a) ohnehin sehr selten und b) ist knallharte Wissenschaft zu unpopulär, um fester Bestandteil der Öffentlichkeit zu sein. Treffen nun diese zwei Faktoren aufeinander – antidemokratische Umerziehung und ausblenden von akademischem Widerstand – missbrauchen die Medien ihre Macht. Auf das aktuelle mediale Schauspiel umgemünzt nennt sich dieses Realitäts-Update „Gender Mainstreaming“ (GM) und soll offensichtlich durch Verzerrung der Wahrnehmung massentauglich gemacht werden. Diese Verzerrung lautet: Sexuelle Vielfalt ist allgegenwärtig. Aus der Wikipedia über Judith Butler, der Initiatorin des GM:

Durch Dekonstruktion gelte es, Spielraum für ein Erproben von alternativen Geschlechtsidentitäten, queer identities, zu schaffen. Queer ist hierbei nicht als ständig wechselbare Identität gedacht. Ziel sei vielmehr, die Kontingenz [Anm.: Also das Nicht-Festgelegt-Sein] von anatomischen Körpermerkmalen und performativer Geschlechtsidentität aufzuzeigen und zur Geschlechter-Verwirrung anzustiften.

Dieses Ziel hat Programm. Nicht nur von GM-Jüngern, mittlerweile auch im ORF. Ich sehe Conchita Wurst als Opfer dieses Umerziehungsprozesses, und das ist der zentrale Punkt meiner Kritik. Dies sollte man vor Augen halten, bevor man mit Begriffen wie Homophobie hantiert.

Toleranzunterricht für Tolerante

Kritiker dieser Vorwurfs mögen einwerfen, dass der ESC keine Umerziehung bewirkt, sondern als Schule der Toleranz dient. Die Milchmädchenrechnung geht nicht auf. Was wir eigentlich erleben ist Toleranzunterricht für Tolerante. Denn wer für Conchita Wurst angerufen hat, war davor schon tolerant. Wer mit Conchita Wurst feiert, wer wohlwollend über sie berichtet und auf Facebook ihre Beiträge liked, der gehört nicht zu denen, die belehrt werden sollen. Das Argument der Toleranzerziehung scheint mir eher aus einer romantischen Selbstbeweihräucherung zu entspringen.

Echte Toleranz hingegen ist eine Fähigkeit. Sie wächst aus charakterlichen Zügen, aus einer gereiften Psyche und gesunden Selbstwahrnehmung. Sie ist durch und durch persönlich, eine Eigenschaft die sich am Du immer wieder beweisen muss. Einprogrammieren von Außen, über das Wir, ist sinnlos. Das Ergebnis des ESC dient – wenn überhaupt – der Polarisierung. Dies ist natürlich kein Argument gegen den Sieg; wer sich polarisieren lässt, ist selber schuld. Aber die Instrumentalisierung dessen für zweifelhafte Ideologien ist sehr wohl eines.

18:47 13.05.2014
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Geschrieben von

Max Corsa

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