Abriss und Wiederaufbau

Libanon Das traurige Schicksal syrischer Geflüchteter im Libanon
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Nachdem die Drohung schon lange im Raum stand, rückten in den frühen Morgenstunden des 01. Juli die Bulldozer der Armee an und zerstörten in mehreren Camps im nordost-libanesischen Arsal einzelne Unterkünfte syrischer Familien. Den Menschen wurde noch Zeit gelassen aus den Zelten zu laufen, ehe das schwere Gerät der Armee die Behausungen unbewohnbar machte und das wenige Hab und Gut der Geflüchteten unter Schutt und Asche begrub.

Die Zerstörung ist ein erneuter Höhepunkt des permanenten Drucks, der auf Syrer*innen im Libanon ausgeübt wird. Jeden Tag wird ihnen deutlich gezeigt, wie unerwünscht sie in dem Land sind, in dem sie Zuflucht vor den Bomben des Assad-Regimes gesucht haben. Häufig sind gerade diejenigen in der Nähe Ihrer ehemaligen Heimat geblieben, denen es aus finanziellen oder anderen Gründen nicht möglich war weiter zu fliehen. So sind unter den Geflüchteten in Arsal viele ohnehin schon vor der Katastrophe in Syrien sozial benachteiligt gewesene Menschen.

In den letzten Monaten wurden dann die Daumenschrauben der libanesischen Regierung noch weiter angezogen. Sie betreffen nicht mehr nur die Unterkünfte, sondern auch die Arbeitsmöglichkeiten für Syrer*innen und umfassen auch regelmäßige Ausgangssperren. Fast alle lassen die neuerlichen Repressalien über sich ergehen. Zurück in ihre Heimat können sie nicht, weil sie weiterhin vom Assad-Regime als „Terroristen“ gebrandmarkt und verfolgt werden. Sie gelten als unerwünscht und die Gewalt, die sie nach einer Rückkehr erwarten würde übersteigt das, was ihnen Libanon aktuell wiederfährt.

Nach einem Hilferuf des Witwen- und Waisencamps Abrah Wahed in Arsal helfen Freiwillige des Grünhelme e.V. derzeit rund 60 Familien dabei ihre Unterkünfte umzubauen, weil die Bewohner*innen – ausschließlich Frauen, Kinder und Jugendliche sowie eine Handvoll alter Männer – den Umbau nicht alleine stemmen können. Seit drei Wochen reißen sie gemeinsam ab und bauen wieder auf. Sie zerstören die massiven Wände der Behausungen aus Zementsteinen und ersetzen sie durch eine Holzrahmenbaukonstruktion, die abschließend mit Planen bespannt wird. Dies ist nötig weil um den absurden Richtlinien der libanesischen Regierung Folge zu leisten, die kürzlich erlassen wurden: Mauerwerk nur noch bis Hüfthöhe, ansonsten nur Holz und Kunstoffplanen.

Im Angesicht des staatlichen Vorgehens trotzen die Frauen und Kinder des Abrah Wahed Camps dem Hass und der Gewalt der libanesischen Regierung und Armee. Sie wollen sich die Lebensfreude nicht nehmen lassen und setzen der Repression Offenheit und Lebenslust entgegen. Nur wenn wieder einmal eine Horde schwer bewaffneter Soldaten durchs Camp marschiert, um sich wichtig zu machen, aufzublasen und dumme Sprüche abzulassen, verschwinden die Frauen in ihren Räumen. Dem Demütigungswillen der staatlichen Gewalt wollen sie sich nicht aussetzen.

Während die großen Hilfsorganisationen sich auf das Austeilen von Holz und Planen beschränken, scheitern viele Familien daran die Vorgaben der Regierung nicht umsetzen zu können, weil sie dafür technische Unterstützung bräuchten. So bleibt zu erwarten, dass die Bulldozer nochmals anrücken werden um diejenigen Familien aufsuchen, die ihre notdürftigen Behausungen selbst nicht umbauen konnten.

Mehr Infos zur rein spendenfinanzierten Arbeit des Grünhelme e.V. im Libanon.

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* Dieser Beitrag basiert auf einem Text von Simon Bethlehem, der am 11. Juli 2019 zuerst auf der Seite der Grünhelme veröffentlicht wurde.

https://gruenhelme.de/abriss-und-wiederaufbau/

13:28 11.07.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Max Jansen

Max Jansen hat Soziologie, Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften studiert. Er lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.
Max Jansen

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