Antisemitismus als Lachs

Deutsche Zustände In Teilen der Linken wird das Narrativ eines „importierten“ Antisemitismus kultiviert. Das ist politisch fragwürdig und zeugt von der eigenen Geschichtsvergessenheit
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Antisemitismus als Lachs
Kommt zum Laichen und Sterben zurück zum Geburtsort: der Lachs

Foto: Jeff J Mitchell/Getty Images

Die Angriffe auf Gaza haben bisher mindestens 200 Tote gefordert, weit über 1.000 Menschen sind verletzt, viele unter Trümmern zerstörter Häuser eingeschlossen, und während die Anführer von Hamas und IDF (Israel Defense Forces) sich bis in die Nacht darin überboten, ihre Verhandlungen über eine heute in Kraft getretene Waffenruhe zu dementieren, sicherte der deutsche Außenminister Heiko Maas Israel Unterstützung zu und reiste gleich am nächsten Tag nach Ramallah, um für eben diese Waffenruhe zu vermitteln. Unterdessen werden wir mit Bildern überhäuft, die an das Jahr 2014 erinnern, als es zur letzten großen bewaffneten Auseinandersetzung zwischen militanten palästinensischen Gruppen und der israelischen Armee kam. Oder aber an die Kämpfe von 2012, 2009, 2008 und womöglich bald auch an 2006, als die IDF zuletzt mit Landstreitkräften in den Süden des Libanon einmarschierte? Diese Bilder belegen eindeutig, dass der Konflikt seit jeher auch medial geführt und verkauft wird.

Das sich die aktuellen Kämpfe auch in Deutschland auswirken, ist offensichtlich. Während dieser Tage dabei hierzulande verstärkt das Narrativ eines sogenannten „importierten“ Antisemitismus kultiviert wird, fällt gemeinhin aus dem Blick, welche historisch entscheidende Rolle die deutschen Medien dabei spielen. Dabei erinnern die Debatten hierzulande in gewisser Weise an jene aus dem Jahr 2016, als überall über die „massenhaften sexuellen Übergriffe durch Flüchtlinge“ geschrieben und gesprochen wurde. Denn auch in diesen Tagen beschäftigen sich die Medien lieber mit einem vermeintlich „importierten“ Antisemitismus, so wie es damals allzeit pauschal um männliche Migranten (insbesondere aus muslimischen Ländern) und deren vermeintlich frauenverachtende „Kultur“ ging, der ebenso pauschal eine besonders patriarchale Prägung zugeschrieben wurde. Damals hätte man gut daran getan, auch die sexuellen Übergriffe durch weiße, deutsche Männer (Stichwort: Harvey Weinstein, #MeToo) und den auch hierzulande strukturell tiefverankerten Missbrauch aufgrund von Machtpositionen als damit zusammenhängend zu thematisieren.

Doch ob es nun um sexuelle Übergriffe oder Antisemitismus geht, richten sich die Blicke offenbar nur allzu gerne und allzu schnell auf die „anderen“, denen eben diese als Ausdruck ihrer „fremden“ Kultur zugeschrieben wird. Während so die Geschlechtszugehörigkeit der Täter (der Silvesternacht) aus dem Blick fällt, wird zugleich eine grundlegende Differenz behauptet zwischen diesen „hypermaskulinen Fremden“ und der „deutschen Mehrheitsgesellschaft“, die hierbei ihrerseits und eben dadurch als der weiblichen Emanzipation tolerant(er?) und Jud:innen offen(er?) gegenüberstehend konstruiert wird. Geht es um Israel und Antisemitismus, liegen die Dinge für gewöhnlich und aus guten Grund aber noch eine Nummer komplizierter. Bekanntlich öffnet sich in Deutschland hier ein diskursives Minenfeld, dass nicht nur die deutsche Linke seit Jahrzehnten spaltet, sondern regelmäßig auch sein Potenzial unter Beweis stellt, im Eifer der Identitätsstiftung junge politische Gruppierungen, wie zuletzt beispielsweise die Seebrücke oder die Migrantifa, in den Strudel eines medialen Shitstorms, tiefe Grabenkämpfe und politische Erklärungsnöte zu stürzen. Und so ist es in der Tat verwirrend, wenn die Hamas Israel mit einem Arsenal von Raketen übersäht und Fridays For Future ganz offen zum Boykott gegen Israel aufrufen; an der Spitze der neuen Anti-Israel-Boykottbewegung die lange als Klima-Ikone gefeierte Greta Thunberg.

Dass in diesem schwer zu überblickenden Gewusel aus Fremdzuschreibungen, verbalen Frontalangriffen und Schuldzuweisungen nun auch die deutsche Linke verstärkt das Narrativ eines sogenannten „importierten“ Antisemitismus kultiviert, um im Becken der Nationalist:innen und Populist:innen der AfD zu fischen und sich dabei noch lautstärker als eben diese über jenen vermeintlich „importierten“ Antisemitismus zu empören, der sich in den letzten Tagen auf deutschen Straßen manifestiert hat, ist nicht nur eine politisch höchst fragwürdige Strategie, sondern zeugt in erster Linie auch von deren eigener Geschichtsvergessenheit. Selbst wenn stimmen sollte, was da suggeriert wird – nämlich, dass tätliche Angriffe auf in Deutschland lebende Jud:innen überwiegend von Menschen mit einer arabisch geprägten Familien- oder Migrationsgeschichte ausgehen – stimmt die Anschuldigung des konservativen EVP-Chefs Weber, der der AfD eine Mitverantwortung für die zuletzt zu beobachtenden antisemitischen Ausfälle gibt, nur in Teilen. Denn sicherlich richtig ist, dass Radikale wie die AfD in Deutschland oder die Partei von Marine Le Pen in Frankreich die Grenzverschiebungen im Bereich des Antisemitismus in den letzten Jahren befeuert haben. Was Weber aber ebenso wie großen Teilen der deutschen Linken zu entgehen scheint, ist ein klarer Verweis auf die historische Kontinuität des aus Deutschland massiv mit geprägten muslimischen Antijudaismus, dessen Ausläufe sich nun (auch) in israelbezogener Judenfeindlichkeit beobachten lassen.

Denn natürlich stimmt es, dass man heutzutage in ägyptischen, palästinensischen oder syrischen Medien schnell auf antijüdische Karikaturen und Hassfilme stößt und israelbezogene Judenfeindlichkeit in vielen Staaten der Region zum festen Bestandteil des allgemeinen Lehrplans in der Schul- und der militärischen Grundausbildung zählt. Dass diese an die Propaganda der deutschen Nationalsozialisten erinnern, ist dabei kein Zufall, denn von 1937 bis zum Zusammenbruch des Deutschen Reiches strahlte der Sender Zeesen bei Königs Wusterhausen südlich von Berlin antisemitische Dauerpropaganda über Süd-Osteuropa, Nordafrika und den Nahen und Mittleren Osten; auf Arabisch, Persisch und Serbokroatisch. So wurde von Berlin aus antisemitische Agitation verbreitet. Und zwar in einer Art und Weise, die Joseph Goebbels persönlich dazu veranlasste, den deutschen Auslandsrundfunk als „Fernkampfgeschütz im Äther“ zu loben.

Dabei nutzten die deutschen Nationalsozialisten Koran-Zitate und Hadithe, Überlieferungen von Aussprüchen und Handlungen Mohammeds. Etwa den Hadith vom Stein und Baum, der bereits in der Nazi-Broschüre „Islam und Judentum“ von 1937 Verbreitung fand, nachdem er zuvor in der islamischen Welt kaum eine Rolle gespielt hatte. Natürlich wirkt diese Propaganda auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weiter. Bis heute werden die von den Nationalsozialisten eingeführten Hadithe in der islamisch geprägten Welt zitiert, und bis heute werden Adolf Hitler und seine Nationalsozialisten in Teilen der muslimisch geprägten Welt bewundert; etwa, wenn auf YouTube die SS-Division „Handschar“ verherrlicht wird und bosnische Muslime, die für Hitler kämpften, auch heute noch wie Helden verehrt werden.

Doch auch wenn Dokumente aus der NS-Zeit eindeutig Aufschluss darüber geben, wie der muslimische Antijudaismus, also die Geschichte Mohammeds und der Juden in Medina, in propagandistischem Interesse der deutschen Nationalsozialisten mit deren eigenem Antisemitismus verbunden wurde, konzentrieren sich die meisten im diskursiven Feuergefecht der aktuellen Auseinandersetzungen lieber darauf, verkürzte Narrative in die Welt zu setzen, um auf allzu simple Weise allzu stumpfe politische Motive zu bedienen. Und so scheint es heute darum zugehen, zu unterstreichen, dass die antisemitische Idee eines „Weltjudentums“, das nur „den Islam zerstören will“, erst einmal von deutschen Radiowellen in die arabische Welt exportiert werden musste, bevor die dadurch erzeugten Feindbilder von aus der Region stammenden Menschen mutmaßlich wieder zurück nach Deutschland getragen werden können.

Hinter diesem erneuten Transfer aber steht eine lange Etappe in der Geschichte des Antisemitismus, die in Deutschland losgetreten wurde und dafür mitverantwortlich ist, dass der Antijudaismus auch in der islamischen Welt starke Verbreitung erfuhr. Natürlich gab und gibt es auch in der arabischen Welt traditionell einen latenten Antijudaismus, wie mutmaßlich auch an jedem anderen Fleck dieses Planeten. So herrscht vielerorts in der arabischen Welt beispielsweise bis heute der Gedanke einer Überlegenheit der Muslime über die Dhimmis, die Schutzbefohlenen, also Christ:innen und Jud:innen, die lange Zeit bestenfalls geduldet wurden. Die deutschen Nationalsozialisten aber verstanden es, diese Haltung gegenüber Jud:innen mithilfe ihrer Propaganda in einen politischen Antisemitismus zu überführen, der ohne deren Hinzutun wohl kaum seine heutige Ausprägung angenommen hätte.

Sicherlich, es ließe sich vieles mehr zu den aktuellen Kämpfen in der Region und der angeheizten politischen Debatte hierzulande sagen. Beispielsweise könnte auf die von Beginn an äußerst israelkritische jüdische Diaspora in den USA hingewiesen werden, von denen weite Teile die Gründung eines „jüdischen“ Staates vehement abgelehnt haben (Stichwort: israelbezogener Antisemitismus und „Israellobby“) oder darüber, wie kurzsichtig der BDS-Beschluss des Deutschen Bundestages aus dem letzten Jahr ist und dass dieser letztlich auch nur auf Druck der AfD zustande kam, die einen Entwurf einreichte und die Koalition dadurch dazu veranlasste, ihrerseits einen nicht weniger scharfen Antrag vorzubereiten, der inhaltlich in weiten Teilen am Kern des Problems vorbeigeht und deshalb als nicht mehr als ein kläglich gescheiterter Versuch der Symbolpolitik eingestuft werden muss; unterstützt von den Fraktionen der CDU/CSU, SPD, FDP sowie großen Teilen von Bündnis 90/Die Grünen.

Doch auch wenn ich persönlich mich nun seit über 10 Jahren intensiv mit der Region des Nahen und Mittleren Osten beschäftige und auch zahlreiche politisch hochbrisante Orte in Israel und Palästina besucht habe, um mit Menschen aller Seiten zu sprechen, belasse ich es lieber bei diesem kurzen Einwurf, der uns nahelegt, auch über den Antisemitismus vielmehr als einen Lachs nachzudenken, der zum Laichen und hoffentlich eines Tages auch zum Sterben an seinen Geburtsort zurückkehrt* und dabei belegt, dass die Vorstellung einer scharfen Grenze zwischen einem letztlich sozialkonstruierten „wir“ und einem „die anderen“ genauso falsch ist wie der Glaube kulturell oder territorial abgegrenzter Entitäten. Und so könnte es sich als bittere Wahrheit herausstellen, dass ein Teil des deutschen Antisemitismus aktuell eher zum Laichen als zum Sterben nach Deutschland zurückgekehrt ist, während zu befürchten bleibt, dass selbst diese wenigen Zeilen hier ausreichen werden, um auch über mir einen Shitstorm sondergleichen einstürzen zu sehen; welcome 2 germany: Deutsche Zustände eben; schrecklich.

_____________________________________________

* Die Metapher des Lachs ist dem im April erschienenen und sehr lesenswerten Buch Der Weltgeist als Lachs von Moritz Rudolph entlehnt.

Mehr dazu

Helma Lutz (2017): Was #MeToo und die Kölner Silvesternacht eint

https://mediendienst-integration.de/artikel/was-metoo-und-die-koelner-silvesternacht-eint.html

David Maurer (2013): Funktion und Organisation verbotener Auslandssender im Kontext der Rundfunklandschaft im nationalsozialistischen Deutschland

https://monami.hs-mittweida.de/frontdoor/deliver/index/docId/4226/file/Maurer_David_Bachelorarbeit_Auslandssender_23072013.pdf

deutschlandfunk (17.10.2019): NS und Naher Osten - Exportierter Antisemitismus

https://www.deutschlandfunk.de/ns-und-naher-osten-exportierter-antisemitismus.886.de.html?dram:article_id=461073

deutschlandfunkkultur (08.10.2010): Nazi-Propaganda auf Arabisch - Neue Untersuchungen zum Antisemitismus des NS-Auslandsrundfunks

https://www.deutschlandfunkkultur.de/nazi-propaganda-auf-arabisch.1079.de.html?dram:article_id=176254

07:43 21.05.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Max Jansen

Max Jansen hat Soziologie, Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften studiert. Derzeit lebt und arbeitet er in Frankfurt am Main.
Max Jansen

Kommentare 8