Kollektive Spuren

Libanon In Beirut brennen am 17. Oktober 2019 die Barrikaden, eine Gesellschaft erhebt sich - persönliche Erinnerungen an sechs Wochen zwischen Alltag und Ausnahmezustand
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Kollektive Spuren
Beirut brauchte nicht lange, um mich zu überzeugen

Foto: Marwan Tahtah/Getty Images

Eigentlich fing alles viel früher an - lange vor dem 17. Oktober des letzten Jahres, der so weitreichende Veränderungen für den Libanon bringen sollte. Doch so sehr dies wohl für die meisten Libanes*innen zutreffen wird, so auch für mich, der an dem teilhaben durfte, was sich in dem von außen manchmal so winzig erscheinenden Mittelmeerstaat ereignete. Während die Bewohner*innen des Libanon seit Generationen unter politischen Verhältnissen leben, die ihnen fundamentale Bürger- und Menschenrechte vorenthalten, hat die intensive Auseinandersetzung mit eben diesem vor meinem 9-monatigen Aufenthalt im Libanon in mir ein ganz bestimmtes Bild von dessen Geschichte und Kultur erzeugt.

Vieles darin wird typisch sein für eine europäische Perspektive auf jene Region, die in postkolonialer Tradition von uns so gerne als "Mittlerer und Naher Osten" bezeichnet wird. Und so wurde meine Vorstellung des Libanon geprägt von Erzählungen über dessen ethnisch dominierte Geschichte, den Klientelismus und das Sektierertum, die die Politik seit Jahrzehnten beherrschen und die Themen Flucht und Migration, die sich dort auf so kleinem Raum und in so brutaler Weise manifestieren wie an nur wenigen Orten. Weil ich einen akademischen Aufenthalt vorbereitete fiel mir schnell auf, dass sich nur wenige Publikationen mit einer tieferen Analyse der politischen Institutionen des Landes beschäftigen oder auf Grundlage einer ausgedehnten Feldforschung basieren.

Stattdessen dominiert ein Narrativ, das den Libanon ausschließlich durch das Prisma des Sektierertums sieht, die dort herrschenden Probleme der religiösen Spaltung zuschreibt und den oft als „schwach“ bezeichneten Staat spätestens seit Beginn des Kriegs in Syrien in Hohen Tönen für seine ausgesprochene „Resilienz“ lobte. Weil dabei viele wichtige Fragen in den Hintergrund geraten, beispielsweise solche der politischen Ökonomie oder der Geschlechtergerechtigkeit, hatte ich mir vorgenommen, meinen Aufenthalt dazu zu nutzen, eigene Untersuchungen zu Diskursen und Praktiken des Empowerments von Frauen durchzuführen.

Orientalistische [1] Prägung

Als ich im August 2019 das Terminal des Rafiq-Hariri-Flughafens im Süden von Beirut verließ war ich vollgepackt mit Erzählungen über die Schattenseiten einer hyper-deregulierten Wirtschaft, die Nachwirkungen der Besatzung des Landes durch Syrien und Israel, die regelmäßig aufflammenden Konflikte mit dem südlichen Nachbarn und die harten ökonomischen Bedingungen, unter denen große Teile der libanesischen Bevölkerung zu leiden haben. Besonders die ausweglose Situation der Geflüchteten aus Syrien und Palästina, die in der Bekaa-Ebene und im Süden des Landes unter katastrophalen Bedingungen leben, und nicht zuletzt die Arroganz und Ignoranz der herrschenden Eliten haben in mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Doch Beirut brauchte nicht lange, um mich von all dem abzulenken, denn die Stadt überzeugte schnell mit ihrem Flair. Dem Flair einer Stadt, die viele Glanz- und ebenso viele Schattenseiten hat und damit einfach überraschen muss. Eine Stadt, die sich so leicht nicht auf einen Nenner bringen lässt und damit wohl nur exemplarisch für ein ganzes Land steht, das stets aus den Fugen geraten zu scheint, sich stets in Bewegung befindet, mehr in einer Fantasie von sich selbst, als in der eigenen Geschichte zu Hause zu sein scheint. Ich hatte mir Beirut anders vorgestellt, vielleicht auch irgendwie „arabischer“, in jedem Fall aber anders als das, was mich hier erwartete. Denn Beirut ist anders: Im wiederaufgebauten Downtown stellen sich die „ Souks“ nicht als traditionelle Märkte dar, sondern als nichts anderes als gigantische Shoppingmalls, in denen nicht etwa Fisch und Gemüse gehandelt wird, sondern ausschließlich Edelprodukte von Prada, Louis Vuitton und anderen Luxusanbietern.

Trotz allem genügten wenige Wochen, um mir in diesem bunten Gewimmel ausreichend Orientierung zu geben und mir einen Alltag mit einem stabilen sozialen Umfeld aufzubauen. Als ich langsam das Gefühl bekam, das Gesellschaftsgefüge des Libanon allmählich greifen zu können kam Mitte Oktober dann plötzlich doch alles anders: Abends fuhr ich auf meinem Fahrrad aus dem Westen der Stadt kommend quer durch die kahlen Häuserschluchten des Finanz- und Verwaltungszentrums von Downtown in den Stadtteil Gemmayzeh, jenes beliebte Stadtviertel Ost-Beiruts, das als bezaubernde Gegend galt, um in lockerer Atmosphäre einen Kaffee zu genießen oder entlang der traditionellen Häuser mit mediterranen Fassaden zu schlendern. Dort, wo es nachts in den zahlreichen Bars und Restaurants vor Einheimischen und Ausländer*innen wimmelte, detonierten erst vor wenigen Monaten rund 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat.

„This time it will be different“

Gemmayzeh lag in Schutt und Asche und hat sich bis heute nicht von dieser Katastrophe erholt. Doch an jenem Abend des 17. Oktobers hätten wohl nur wenige es für möglich gehalten, dass die organisierte Unverantwortlichkeit des Libanon ein solch unvergleichbar tödliches Resultat haben würde. Stattdessen kündigte sich ein ganz anderes Ereignis an, als ich meine Fahrt vor der Mohammed-al-Amin-Moschee unterbrach, als ich eine Handvoll junger Menschen dabei beobachtete, wie sie Barrikaden errichteten. Lange schon hatte sich die Sonne verabschiedet und die Stadt in tiefe Dunkelheit getaucht. Vorsichtig fasziniert blieb ich mit etwas Abstand stehen und sah, wie immer mehr Menschen zusammenkamen, Mülltonnen in Brand gesetzt wurden, dann die Rohbauten neuer Luxusapartments und Bürogebäude.

Ein junger Libanese, mit dem ich ins Gespräch kam, sagte zu mir „this time it will be different“, nachdem wir über die Ausweglosigkeit der politischen Situation des Landes diskutiert hatten, und ich dachte an die zurückliegenden Monate. In meiner Wahrnehmung gab es im Durcheinander des Libanon immer eine Interessengruppe, die einen Anlass fand, ihren mehr oder weniger radikalen Protest öffentlichkeitswirksam in die Straßen der Hauptstadt zu tragen. Doch die Brände waren groß und wurden immer größer, genauso die Menschenmassen. Dann bahnt sich ein Löschfahrzeug der Feuerwehr den Weg durch die Massen. Am Brandherd angekommen erklimmen Protestierende das Fahrzeug, hindern die Feuerwehrleute am Löschen und plötzlich sind überall Militärjeeps und maskierte Soldaten mit Maschinengewehren zu sehen. Irgendwann wird mir das Ganze zu unübersichtlich und ich setze meine Fahrt fort.

In meinem Apartment angekommen laufen hitzige Debatten. Weil ich der einzige Ausländer bin kommt nur ab und zu jemand dazu, für mich Teile des Gesagten zu übersetzen. Doch auch wenn die chaotische Nacht in Verbindung mit der Prophezeiung, diesmal werde es anders sein, am nächsten Morgen noch in meinem Hinterkopf hallte, war das, was am nächsten Tag folgte, für mich und mein Umfeld kein böses Erwachen. Stattdessen erlebten wir den unerwarteten Einstieg in lange Wochen der Zuversicht, der Spannung und des Abenteuers. Aber auch der Ungewissheit, die viele von uns bis heute quälend begleitet.

Zwischen Alltag und Ausnahmezustand

Aber erst genossen wir sechs Wochen, in denen wirklich alles anders war. Straßen wurden besetzt, öffentliche Plätze zu Protestcamps, der Unterricht an Schulen und Universitäten durch öffentliche Diskussionsrunden ersetzt. Suppenküchen, kritische Stadtführungen und öffentliche Lesungen bestimmten unseren Alltag, während die makellosen Fassaden des hochkommerzialisierten Stadtzentrums durch kreative Formen des Protests mit Leben und Farbe geschmückt wurden. Abends kreuzten Tausende von Menschen den zentralen Platz vor der Mohammed-al-Amin-Moschee, der zu einem der vielen Zentren der erstmals wirklich landesweiten Protestbewegung geworden war. Es gab Musik, kulturelle Veranstaltungen und es herrschte eine euphorische und zuversichtliche Stimmung, die von einer klaren Analyse der Machtverhältnisse im Land und einem Gefühl der Einheit einer Gesellschaft begleitet wurde, die allzu oft auf ihre Brüchigkeit, ihre Trennungen und Verwerfungen reduziert wird. Dies unterschied die junge Protestbewegung von Beginn an von der des Jahres 2015.

Anders als damals gingen die Menschen gemeinsam auf die Straße und trugen nicht – wie sonst üblich – die Fahnen ihrer jeweiligen politischen Gruppierungen. Und anders als damals, als die Proteste sich zu Beginn vor allem auf den Kollaps der staatlichen Müllentsorgung konzentrierten, stellten die Menschen im Oktober des letzten Jahres schnell das politische System und die es dominierende politische Klasse als solche in Frage. Unterdessen stellte sich für die meisten Menschen ein Leben von Tag zu Tag ein. Der Einkauf musste überdacht werden, denn es war schwer abzusehen, wann welche Straße passierbar sein und wann große Umwege in Kauf genommen werden mussten, oder die Geschäfte gar ganz geschlossen blieben. An Überlandreisen konnte nicht gedacht werden, da die meisten Straßen des Landes dauerhaft blockiert waren und das Benzin aufgrund der langen Streiks von Hafenarbeitern und Tankstellenwärtern knapp und vor allem teuer wurde.

Die ersten Wochen des Protests waren für mich dennoch, wie für die meisten in meinem persönlichen Umfeld Wochen der Heiterkeit, der Zuversicht, des Aktionismus und der positiven Spannung. Nicht nur die vielen aus Syrien geflohenen in meinem Bekanntenkreis verknüpften die Ereignisse mit dem, was in ihrem Heimatland zuvor passiert war, mit dem, was fast zeitgleich im Irak, in Chile, in Hongkong und in jenem Herbst an so vielen anderen Orten des Planeten passierte. Doch trotz aller Zuversicht stellte sich für mich allmählich ein merkwürdiges Nebeneinander von Alltag und Ausnahmezustand ein, während sich die Formen des Protests zunehmend veränderten. Massendemonstrationen wichen gezielten Blockadeaufrufen, statt Tag und Nacht zu Hunderten an strategisch wichtigen Orten auszuharren, kamen die Menschen gezielt zu bestimmten Anlässen zusammen. Weil der Libanon schon immer ein Schlachtfeld äußerer Mächte war, dauerte es zudem nicht lange, bis sich ein internationaler Schleier über die Entwicklungen legte, in dem nicht nur Israel, Iran, Frankreich und die USA weiterhin miteinander ringen. Zeitgleich drängten die wirtschaftlichen Folgen der Krise immer mehr Menschen in existenzielle Nöte.

Anknüpfungsfähige Momente des kollektiven Aufbegehrens

Mir, der bis zu diesem Frühjahr mehr als Beobachter denn als Aktivist oder Forschender an dem teil haben konnte, was sich seit dem 17. Oktober letzten Jahres im Libanon ereignete kamen natürlich stets riesige Privilegien zu. Ein Anruf bei der Botschaft und ich hätte mein Ticket aus diesem Chaos. Aber viel relevanter erschien mir neben dieser spontanen Exit-Option die damit verbundene Perspektive einer Zukunft. Für fast alle der Libanes*innen, mit denen ich zu tun hatte, war zuvor schon klar geworden, dass ihre eigene Zukunft im Ausland liegen müsste. Doch dies wollten sie nun nicht mehr hinnehmen, während auch die vielen Syrer*innen in einer Falle zu sitzen scheinen, in der es ihnen zudem nicht zuzustehen scheint, eigene politische Forderungen zu formulieren. Und dann kam wieder alles anders. Während im Rheinland heiter Karneval gefeiert wurde und der rassistische Anschlag von Hanau ganz Deutschland erschütterte, erlebte ich im Februar die Anfänge der Corona-Maßnahmen im Libanon. Ein früher und besonders restriktiv umgesetzter Lockdown, die Instrumentalisierung der Maßnahmen und die Inszenierung einzelner politischer Kräfte, die sich im Lichte des allgegenwärtigen Bewusstseins über den katastrophalen Zustand des libanesischen Gesundheitswesens als Retter vor der Seuche darzustellen versuchten.

Auch wenn es mir wenige Tage nach Ausbruch der Proteste des Vorjahres möglich war, eine Analyse der Hintergründe zu verfassen, machte es mir der aufgeladene Alltag schwer, all dies zu greifen, einzuordnen und in seiner Gänze zu verstehen. Rückblickend bleibt dies wohl eine der prägendsten Erfahrungen für mich, denn die Überlebensstrategien der Libanes*innen erscheinen mir auch nach der Explosion in Beirut so viel diffuser als von außen vorstellbar. Die persönlichen Nachrichten, die mich ein Jahr nachdem der Funke des Protests sich in ungekannter Wucht ausbreitete erreichen zeugen davon, dass die Protestbewegung allen äußeren und inneren Versuchen sie zu demobilisieren trotzt. Diese Nachrichten zeugen von Zuversicht und Hoffnung, vor allem aber von einer Tapferkeit, die wir uns hierzulande wohl selten nur vorstellen können. Von dem beständigen Willen nicht aufzugeben, denn selbst vor der Schließung des Beiruter Flughafens aufgrund der Pandemie hatten die meisten keine Möglichkeit, das Land zu verlassen. Und so ist es wohl eine Tapferkeit der Notwendigkeit, denn die Libanes*innen wissen, dass sie darauf angewiesen sind, sich dort, wo alles so ausweglos scheint eine Zukunft zu erstreiten. Und weil sich Hymnen auf die Tapferkeit so leicht schreiben lassen, sei hier auch jenen gedacht, die alle Berechtigung dazu haben, müde zu sein.

Müde vom Durchhalten, von all der Zuversicht und vom Tapfer sein, denn so sehr sie ihr Heimatland angesichts der hoffnungslosen Situation auch verlassen wollen würden, sie könnten es nicht. Und so ist die viel bediente Tapferkeit der Libanes*innen wohl auch ein produktiver Umgang mit einer alternativlosen Situation, oder wie es die Aktivistin Aya ausdrückt „Ich habe das Gefühl, dass es meine Pflicht ist, einfach weiterzumachen, obwohl ich keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft habe.“ Und bei all der Wucht, die die Proteste zu Beginn hatten und dem unerwarteten Verlauf, den sie in den letzten Monaten genommen haben, bleibt damit trotz allen Rückschlägen der Eindruck, dass die Menschen im Libanon in den zurückliegenden Monaten viele einzigartige Momente geschaffen haben, an die in der Zukunft angeknüpft werden kann. Einzelne Schritte in Richtung einer anderen Welt, die sich in das kollektive Erinnern einprägen und Orientierungspunkte bilden, wie es die Proteste von 2015 waren. Auch ein Jahr nach seinem Ausbruch hinterlassen die Libanes*innen sichtbare Spuren des Protests, wie es die brennenden Autoreifen taten, die wochenlang als Barrikaden dienten und bis heute sichtbare Spuren im Asphalt hinterließen. Wenn an das, was in den zurückliegenden 12 Monaten im Libanon geschah, an diesem Wochenende durch zahlreiche Proteste unter Corona-Begingungen angeknüpft wird, entstehen weitere solcher Spuren, die bis in die hintersten Ecken des Landes noch lange als anknüpfungsfähige Momente des kollektiven Aufbegehrens dienen.

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Eine kürzere Fassung dieses Beitrags erschien zuerst auf dem blog der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico internation.

[1] Der auf Edward Said zurückgehende Begriff „Orientalismus“ bezeichnete einen eurozentrischen, westlichen Blick auf die Gesellschaften des östlichen Mittelmeerraums, die weitläufig auch als „Naher Osten“ bzw. „die muslimische/arabische Welt“ bezeichnet werden. Nach Said zeichnet sich dieser Blick durch einen „Stil der Herrschaft, Umstrukturierung und des Autoritätsbesitzes“ diesen Gesellschaften gegenüber aus, wobei er ein Überlegenheitsgefühl ausdrückt und als Teil der modernen politischen und intellektuellen Kultur unserer Gegenwart ist (vgl. Edward W. Said (1979): Orientalism. New York: Vintage Books).

19:10 17.10.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Max Jansen

Max Jansen hat Soziologie, Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften studiert. Derzeit lebt er in Beirut, Libanon.
Max Jansen

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