"Überwältigend ungewiss"

Krise In einer Zeit zunehmender sozialer und ökonomischer Fragilität liegt der Schlüssel zu einer neuen Zukunft.
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"Überwältigend ungewiss"
Zwischen 2003 und 2012 wurden im Irak etwa 1.000.000 Menschen getötet
Bild: Ahmad Al-Rubaye/AFP/Getty Images

Als Frank-Walter Steinmeier am vergangenen Mittwochnachmittag als neuer Bundespräsident vereidigt wurde, riss im Herzen der britischen Hauptstadt London fast zeitgleich ein Attentäter drei Menschen in den Tod und verletzte mindestens 40 weitere. In den letzten Jahren und Monaten sind derartige Anschläge schon beinahe zu regelmäßigen Begleiterscheinungen unseres Alltagslebens zwischen Arbeit, Freizeit und Konsum geworden und so könnte es inzwischen durchaus ein Zufall sein, dass der erneute Anschlag genau auf den Tag fällt, an dem vor einem Jahr islamistische Terroristen in der Brüsseler Metro und am Flughafen mehrere Anschläge verübten, bei denen 35 Menschen starben und mehr als 300 verletzt wurden.

Während aktuelle Bevölkerungsumfragen zeigen, dass die Menschen in Deutschland so ängstlich wie seit Jahren nicht mehr sind und ihre größten Sorgen ein Spiegelbild der aktuellen Nachrichtenlage darstellen [1; 2] , erkennen wir schnell, dass die Zahl der in Nordamerika und Europa durch direkte Gewalt getöteten Menschen einen vergleichsweise geringen Wert aufweist, wenn wir unseren Blick einmal über den europäischen Tellerrand hinaus schweifen lassen. So sind laut “Global Terrorism Database” und Bundesamt für Verfassungsschutz in den Jahren 2001 bis 2016 ca. 3.600 Menschen - darunter überwiegend Zivilist*innen - bei terroristischen Anschlägen in Westeuropa und Nordamerika umgekommen [3; 4; 5]. Werden die nach dem Einmarsch in Afghanistan (2001) und dem Irak (2003), sowie den seit 2004 auf pakistanischem Staatsgebiet durchgeführten geheimen Militäroperationen des Westens zum Opfer gefallenen Menschen zusammenaddiert, ergibt sich nach konservativen Schätzungen eine Summe von ca. 1.300.000 ausgelöschten Menschenleben – wobei sich keine offizielle Stelle die Mühe macht, herauszufinden, wie viele von ihnen als zivile Opfer geführt werden müssten [6; 7].

Während also beispielsweise alleine bei den völkerrechtlich nicht legitimierten Kriegshandlungen im Irak bis 2012 schon ca. 1.000.000 Menschen getötet wurden, was etwa 5% der damaligen irakischen Bevölkerung entspricht (zum Vergleich: Während des Zweiten Weltkriegs starben ca. 10% der deutschen Bevölkerung) kann in Summe festgehalten werden, dass 99.7 Prozent der Opfer des „Krieg gegen den Terrorismus“ alleine bis 2016 im Irak, Afghanistan und Pakistan zu beklagen waren, während nur 0.3 Prozent der Toten durch Anschläge in Nordamerika oder Europa umkamen [8]. Hierbei sind die Schrecken des IS-Terrors in Syrien und dem Irak und die Opfer der anhaltenden Offensive auf die IS-Hochburgen Al-Raqqa und Mosul, sowie des Drohnenkriegs der USA im Jemen nicht eingerechnet.

Strukturelle Ursachen

Doch nicht nur Gewalt und Krieg fordern unablässig Leid und Opfer. Die weitaus größte Zahl der Menschen weltweit leidet heute unter der grundlegenden Einrichtung unserer ökonomischen und sozialen Verhältnisse. Exemplarisch für die Absurdität unserer Gesellschaftsordnung kann eine Tragödie angesehen werden, die sich vor etwa zwei Woche in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba abspielte und bei der 113 Menschen durch einen Erdrutsch auf einer Müllhalde ums Leben kamen [9; 10; 11; 12].

Dieser Vorfall könnte durchaus zu der Frage führen, warum sich so viele Menschen auf einer eigentlich stillgelegten Müllhalde aufhalten, doch führt die offensichtliche Einsicht, dass Millionen arme Menschen nicht nur dort täglich den Müll nach ess- und verwertbarem durchsuchen und einige sogar im Müll leben, vielleicht auch schnell zu einem unwohlen Gefühl, das den Genuss des aus dem brasilianischen Regenwald stammenden Frühstücks-Tofu-Schnitzels und der köstlichen südamerikanischen Avocadocreme verderben könnte, weil es die Grundfesten unseres ökonomischen Weltsystems in Frage stellt. Dann doch lieber verdrängen und genießen [13]. Was aber bleibt, ist die Frage, was eine solche Tragödie uns über die Einrichtung unserer globalen ökonomischen und sozialen Verhältnisse sagt?

Eine radikale psychische Veränderung

Die 1972 veröffentlichten Studie „Die Grenzen des Wachstums“ vom sogenannten „Club of Rome“ - einem Zusammenschluss von Expert*innen verschiedenster Disziplinen aus mehr als 30 Ländern - erlangte damals weltweite Beachtung. Ihre Verfasser*innen beschränken sich in ihrer Untersuchung auf rein konventionelle Mittel und Wege der ökonomischen Forschung und kamen dennoch zu dem Schluss, dass der Homo sapiens ohne eine tiefgreifende Veränderung seines Verhältnisses sich selbst und seiner Natur gegenüber „praktisch zum Untergang verurteilt“ sei. Sie fordern eine radikale psychische Veränderung des Menschen als einzige Alternative zu einer ökonomischen Katastrophe - und zwar ganz ohne hierfür eine ethische Überzeugung ins Feld zu führen, sondern einzig und alleine als Konsequenz rationaler ökonomischer Analysen.

Angesichts der Tatsache, dass die Welt-Meteorologie-Organisation der UN gestern bekannt gab, sie habe in der Arktis, in der die Temperaturen um diese Jahreszeit normalerweise im zweistelligen Minusbereich liegen, Werte nahe des Schmelzpunktes gemessen, was ihren Direktor zu der Aussage veranlasste, man befinde sich „jetzt auf wirklich unerforschtem Territorium“ [14], und der Tatsache, dass alleine am vergangenen Wochenende über 3.000 Menschen vor der libyschen Küste vor dem Ertrinken gerettet werden (während Zahlen zu ertrunkenen weiterhin überhaupt nicht erst zu erfassen versucht werden) [15; 16], lässt sich vermuten, dass die Befunde des „Club of Rome“ in den vergangenen vierzig Jahre nicht besonders ernst genommen wurden.

Dies könnte damit zusammenhängen, dass sich der „Club of Rome“ auf rein ökonomische Tatsachen beschränkte und die generelle Richtung des notwendigen Wandels zwar beschrieb, politische, gesellschaftliche und psychologische Faktoren allerdings vollkommen ausschloss und zugleich keinen ernsthaften Versuch unternahm, die realen Hindernisse für den notwendigen Wandel des menschlichen Lebens zu untersuchen. Hier können Arbeiten von Denker*innen vergangener Tage weiterhelfen: zu nennen ist beispielsweise das Werk des Wirtschaftstheoretikers Ernst Friedrich Schumacher „Small is Beautiful - Economics as if People Mattered“ (1973), sowie Paul und Anne Ehrlichs Buch „Population, Resources, Environment: Issues in Human Ecology“ (1972), Erhard Epplers „Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen“ oder Erich Fromms „The Sane Society“ (1955), „The Revolution of Hope“ (1968) und „Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft“ (1979).

Organisation der Gedankenlosigkeit

Während also selbst der „Club of Rome“ einen grundlegenden Wandel des menschlichen Lebens fordert – und zwar nicht im Geiste der Wohltätigkeit oder Nächstenliebe, sondern einzig und alleine im Sinne einer rationalen Notwendigkeit – liefern die Arbeiten des deutsch-französische Philosophen Albert Schweitzer Analysen dazu, warum dieser offensichtlich dringend notwendige Wandel bisher nicht eingesetzt hat.

Schweitzer spricht davon, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse in westlichen Industrienationen dadurch gekennzeichnet seien, dass sich die Menschen zunehmend als „arbeitende“ und nicht als „lebende“ Wesen erfahren und sich ihre Kulturfähigkeit im Zuge einer Atmosphäre des dominierenden geistigen Egoismus herabzusetzten drohe. Laut Schweitzer ist die Denkfreiheit unter westlich-kapitalistischen Gesellschaftsverhältnissen außer Gebrauch gesetzt, was dazu führe, dass die öffentlichen Institutionen so eingerichtet sind, dass sie nichts anderes als eine Organisation der Gedankenlosigkeit darstellen. Unfähig diese auf ungeheures Leid hinauslaufende Einrichtung der zwischenmenschlichen Verhältnisse ertragen zu können, entwickeln die Menschen ein ungeheures Bedürfnis nach äußerlicher Zerstreuung, absoluter Untätigkeit, Ablenkung von sich selbst und Vergessenheit, die für sie zur Bewältigung ihres Lebens zu einem grundlegenden psychischen Bedürfnis werden.

Der Theologe und Philosoph Meister Eckhart beobachtete diese Tendenzen bereits im späten Mittelalter und betonte, dass es angesichts dieses Trends darauf ankomme, sich nicht von den Geschäften der Welt zurückzuziehen, sondern die einzig logische Konsequenz sein könne, es sich zur Aufgabe zu machen, ein aktives Leben zu führen. Laut seinem „Prinzip der Betätigung“ bricht die notwendige gesellschaftliche Umwälzung an, sobald sich die Menschen dazu entschließen als denkende Menschen zu leben. Seinen Lehren zu Folge hat das Leben keinen garantierten höheren Sinn, weshalb die einzig sinnvolle Lebensweise in einem aktiven Eingreifen in die Welt bestehe. Diese Aktivität allerdings kann nicht um ihrer selbst willen stattfinden, sondern sich nur ganz spezifisch um die Aktivität des Gebens und Sorgens für den Mitmenschen drehen.

Wenn der neue Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Antrittsrede am vergangenen Mittwoch also davon sprach, dass wir heute in einer Zeit leben, in der „die Zukunft überwältigend ungewiss“ sei, dann sollten wir dies nicht als einen Anlass zu Resignation begreifen, sondern uns vielmehr bewusst machen, welche Stärke uns die Fragilität des globalen Wirtschafts- und Sozialsystems verleiht. Es geht darum, die entpersönliche, mechanische Einstellung unserer Epoche zu entzaubern, um zu überwinden und ihr endlich etwas menschliches entgegenzusetzten. Ansatzpunkte gibt es genug, jetzt liegt es in unserer Hand.

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Verweise:

[1] Tagesspiegel: Studie "Die Ängste der Deutschen" - Deutsche fürchten Terror und Zuwanderung http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/studie-die-aengste-der-deutschen-deutsche-fuerchten-terror-und-zuwanderung/13865800.html

[2] Statista: Umfrage zur Angst vor Terroranschlägen in Deutschland 2016 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/493158/umfrage/umfrage-zur-angst-vor-terroranschlaegen-in-deutschland/

[3] Institute of Economics and Peace (a): Global Peace Index 2016 http://economicsandpeace.org/wp-content/uploads/2016/06/GPI-2016-Report_2.pdf

[4] Institute of Economics and Peace (b): Global-Terrorism-Index 2016 http://economicsandpeace.org/wp-content/uploads/2016/11/Global-Terrorism-Index-2016.2.pdf

[5] Bundesamt für Verfassungsschutz: Übersicht ausgewählter islamistisch-terroristischer Anschläge https://www.verfassungsschutz.de/de/arbeitsfelder/af-islamismus-und-islamistischer-terrorismus/zahlen-und-fakten-islamismus/zuf-is-uebersicht-ausgewaehlter-islamistisch-terroristischer-anschlaege

[6] Physicians for Social Responsibility: Casualty Figures after 10 Years of the “War on Terror” in Iraq, Afghanistan and Pakistan http://www.psr.org/assets/pdfs/body-count.pdf

[7] Iraq Body Count Project: Database https://www.iraqbodycount.org/database/

[8] Politik in Zahlen: Die Illusion der Moral - Der “War on Terror” und die sogenannten “Kollateralschäden” https://politikinzahlen.blogspot.de/2017/03/die-illusion-der-moral-der-war-on.html

[9] Tagesschau: Erdrutsch auf Müllhalde in Äthiopien http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-268341.html

[10] Spiegel Online: Tödliche Lawine auf Müllhalde http://www.spiegel.de/panorama/muelldeponie-kosha-toedliche-lawine-auf-muellhalde-a-1138406.html

[11] Taz: Verschüttet unter Abfall http://www.taz.de/!5391468/

[12] Addis Star: Death toll hits 113 in rubbish landslide https://www.addistar.com/2017/03/15/addis-ababa-death-toll-hits-113-rubbish-landslide/

[13] Die Welt: Unangenehmes wird (un)bewusst verdrängt https://www.welt.de/wissenschaft/article116534487/Unangenehmes-wird-un-bewusst-verdraengt.html

[14] Süddeutsche: UN-Meteorologen warnen vor weltweitem Wetterchaos http://www.sueddeutsche.de/wissen/klimaforschung-un-meteorologen-warnen-vor-weltweitem-wetterchaos-1.3429548

[15] NeuesDeutschland: Über 3000 Flüchtlinge vor Libyen gerettet https://www.neues-deutschland.de/artikel/1045341.ueber-fluechtlinge-vor-libyen-gerettet.html

[16] Süddeutsche: Italien erwartet Rekordzahl von Flüchtlingen http://www.sueddeutsche.de/politik/italien-italien-erwartet-rekordzahl-von-fluechtlingen-1.3428160

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Literatur:

Donella Meadows, Dennis Meadows, Jørgen Randers & William W. Behrens: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Aus dem Amerikanischen von Hans-Dieter Heck. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1972.

Ernst Friedrich Schumacher: Die Rückkehr zum menschlichen Maß. Alternativen für Wirtschaft und Technik (= Small is Beautiful), Rowohlt, Hamburg 1977.

Paul und Anne Ehrlich: „Population, Resources, Environment: Issues in Human Ecology“, WH Freeman and Company, San Francisco 1972.

Erhard Eppler: Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen. Kohlhammer, Stuttgart 1975.

Erich Fromm: Wege aus einer kranken Gesellschaft (englischer Originaltitel: The Sane Society), Holt, Rinehart and Winston, New York 1955.

Erich Fromm: Die Revolution der Hoffnung. Für eine humanisierte Technik, dtv Verlagsgesellschaft, München 1968.

Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. München, dtv Verlagsgesellschaft, 2010.

Albert Schweitzer: Gesammelte Werke in fünf Bänden. Hrsg. von Rudolf Grabs. Beck, München 1974.

deutschlandfunk.de: Ökonomisches Weltsystem - Postkapitalistische Perspektiven http://www.deutschlandfunk.de/oekonomisches-weltsystem-postkapitalistische-perspektiven.1184.de.html?dram%3Aarticle_id=377145

derFreitag: Zur Frage der Zukunft https://www.freitag.de/autoren/max-jansen/zur-frage-der-zukunft

10:01 27.03.2017
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Geschrieben von

Max Jansen

Max Jansen hat Soziologie, Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften in Köln, Budapest und Beer Sheva studiert. Derzeit lebt er in Frankfurt.
Max Jansen

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