Zum Tag des Herrn

Vatertag Weil Elternzeit in Deutschland noch fast immer vor allem Mutterzeit ist. Und weil jeder Mann was dafür tun kann, dass sich das schleunigst ändert
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Zum Tag des Herrn
Da geht mehr, liebe Väter

Foto: imago images / Photocase

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Muttertag aus den USA kommend vor allem vom Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber mit Plakaten mit der Aufschrift „Ehret die Mutter“ in Schaufenstern und mittels Werbekampagnen betont unpolitisch etabliert. Wie in der Geschichte üblich wurde die Frau dabei initial in ihrer bloßen Eigenschaft als „Mutter“ adressiert.

Unter der Herrschaft der deutschen Nationalsozialisten erfuhr diese Darstellung einen traurigen Höhepunkt, als der Tag 1933 zum öffentlichen Feiertag erklärt und erstmals als „Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter“ begangen wurde. Solch eine „Ehre“ geht natürlich auch mit einer Verpflichtung für den Völkskörper einher, und so war es kein Zufall, dass zeitgleich der Reichsmütterdienst eingeführt wurde. Die teils religiös anmutenden Feierlichkeiten der sogenannten „Mütterweihe“ wurden dabei gezielt in Konkurrenz zu christlichen Ritualen inszeniert.

Doch er kann es auch so

Schon bevor die Nationalsozialisten diesen Tag in ihre perfide Logik der Rassenlehre einbunden, sahen sich vielerorts Männer dazu veranlasst, auch einen Tag zu ihren Ehren einzuführen. Vor allem in Ostdeutschland etablierte sich der „Vatertag“ auch als „Herrentag“, während er in Sachsen, Thüringen und Teilen Brandenburgs nach wie vor unter der Bezeichnung „Männertag“ bekannt ist. Dies verstärkte sich auch deshalb, weil der Muttertag in der DDR offiziell nicht begangen wurde. Stattdessen wurde der betont politische Internationale Frauentag am 8. März gefeiert.

Letztlich stellt es sich also so dar, dass Frauen vor allem aufgrund einer Reduzierung ihrer Rolle auf das Mutter-Sein gefeiert und geehrt wurden, während Männer aufgrund ihrer bloßen Existenz ein Recht auf Ehre und Bewunderung einfordern konnten. Eine Ungleichheit, die auch heute noch System hat, sind es doch nach wie vor allem Frauen, die Aufgaben in der Erziehung und Versorgung von Kindern übernehmen. Die also einen Anlass zu Anteilnahme und Dankbarkeit schaffen.

Elternzeit – typisch Frau

So haben im vergangenen Jahr beispielsweise rund 1,4 Millionen Mütter Elterngeld erhalten, aber nur 430.000 Väter. Und wenn Papa denn dann mal zuhause bleibt, tut er das im Durchschnitt nicht einmal vier Monate, weshalb die Elternzeit der Männer auch als „Pampers Praktikum bezeichnet wird – grade lange genug, um halbwegs zu checken, wie das mit dem Wickeln und Füttern so funktionieren könnte. Aber immerhin, denn da sollten sich auch nichts vorgemacht werden: Die meisten Väter nehmen auch heute gar keine Elternzeit. Schätzungen gehen davon aus, dass nur etwa ein Drittel der Väter von der Möglichkeit gebraucht macht, die vorübergehend die Arbeitszeit zu reduzieren, um Aufgaben in der Betreuung und Versorgung von Kindern oder im Haushalt zu übernehmen.

Auch wenn es von Jahr zu Jahr mehr Männer werden, die Elternzeit nehmen, gibt es sicherlich weiter viele Mütter, die lieber den Vater arbeiten lassen und auch viele Väter, die damit sehr einverstanden sind. Das gute alte Geld kann dabei auch eine wesentliche Rolle spielen, denn wer mehr verdient, überlegt es sich vielleicht auch zweimal, darauf zu verzichten. Beziehungsweise verzichten zu können, denn auch das zeigen die Elterngeldzahlen: Frauen bekommen im Durchschnitt gut 700 Euro monatlich, wenn sie zuvor gearbeitet haben, bei Männern sind es dagegen rund 1.200 Euro. Viele müssen also genau rechnen, welche Auszeit sich am Ende besser finanzieren lässt. Mit ihrem häufig geringeren Einkommen können Frauen es nämlich vielleicht nicht unbedingt auffangen, wenn ihr Mann zuhause bleibt. Auch weil sie häufig jünger sind und auch deswegen weniger verdienen. Oder aber weil sie in einem „typischen Frauenberuf“ arbeiten, der ohnehin schlechter bezahlt ist.

Ein Tag für ... ?

Gerade diese strukturellen Ungleichheiten sind es, die dazu führen, dass Frauen auch heute häufig nicht intendiert in das Korsett der Rolle einer Versorgerin (von Mann und Kind) rutschen, was sich interessanterweise grade unter akademischen Paaren beobachten lässt, die offen proklamieren, sich besonders engagiert für die Gleichheit der Geschlechter einzusetzen und die angeblich entsprechende Wertvorstellungen teilen. Derartige soziale Bahnen und Zwänge, die sich häufig nicht als solche anfühlen, weil sie eben so „normal“ sind sollten bedacht werden, wenn es um die aktuellen Bestrebungen zur Einrichtung eines „Internationalen Männertags“ geht. Denn sollte es mal soweit kommen, dass ein solcher eingeführt wird, bleibt zu hoffen, dass sich dieser etwas diverser gestaltet, als es das traditionelle Bild in Deutschland es aktuell erwarten lässt.

Denn aufgrund des erhöhten Alkoholkonsums und der häufig am „Herrentag“ durchgeführten Massenveranstaltungen, wie gemeinschaftliche Grillausflüge, Touren an Angelseen, oder aber kollektive Kutschfahrten, gibt es an diesem Tag für gewöhnlich erheblich mehr Schlägereien als an anderen Tagen. Laut dem Statistischen Bundesamt steigt die Zahl der durch Alkohol bedingten Verkehrsunfälle an Christi Himmelfahrt bis auf das Dreifache des Durchschnitts der sonstigen Tage und erreicht regelmäßig einen Jahreshöhepunkt.

„Mann“ kann es auch anders machen

Weil „Männlichkeit“ aber letztlich ein soziales Konstrukt ist, das sich neben konkreten Handlungen vor allem um (einseitige) Zuschreibungen, Stereotypen und Vorurteilen bildet, bleibt sie letztlich fragil und damit änderbar. Von einer möglichst vielseitigen und bunten Ausgestaltung dessen, was „Mann-Sein“ im 21. Jahrhundert alles heißen kann, profitieren dabei nicht nur Frauen und Kinder – durch mehr Zeit, Anteilnahme und praktische Beteiligung in Erziehung und Haushaltsführung seitens der Männer –, sondern vor allem auch die Männer selbst. Denn wie Umfragen immer wieder zeigen, trauen sich viele Männer heute schlichtweg nicht, Elternzeit zu nehmen, weil sie befürchten, dadurch in ihrem sozialen Ansehen und bezüglich ihrer beruflichen Laufbahn Nachteile zu bekommen.

Um dem entgegen zu wirken und letztlich allen ein etwas schöneres Leben zu ermöglichen, bedarf es eines gesamtgesellschaftlichen Wandels, der mit einseitige Zuschreiben entlang der Geschlechtergrenzen aufräumt und unter anderem durch Väterbeauftragte in Betrieben unterstützt werden könnte, wie es sie beispielsweise in der Berliner Charité bereits gibt. Aber auch auf politischer Ebene muss sich etwas ändern, und auch hier gibt es konkrete Handlungsoptionen, wie etwa eine Art Väterschutz, der nach der Geburt verpflichtend, ähnlich dem Mutterschutz erfolgen könnte. Nur, Zwang ist selten das beste Mittel, um einen nachhaltigen Wandel herbei zu führen. Zudem kostet auch das wieder viel Geld, aber das muss es uns als Gesellschaft nun mal auch wert sein.

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Mehr Infos:

Goethe Universität Frankfurt: Working Paper Series 19/2018 “Gender, Diversity and Migration” - Between Socialist Transformation and Capitalist Incorporation: A Feminist Critique on Work and Care in Polyamorous Relationships

http://www.fb03.uni-frankfurt.de/75628121/Jansen_2018_GDM_No19_polylove.pdf

deutschlandfunk.de: Elternzeit - Männer sind noch immer eher die Ausnahme

https://www.deutschlandfunk.de/elternzeit-maenner-sind-noch-immer-eher-die-ausnahme.3669.de.html?dram:article_id=449928

autogazette: Alkoholunfälle am Vatertag nehmen zu

https://www.autogazette.de/tipps/alkoholunfaelle-am-vatertag-nehmen-zu-4391.html

09:39 30.05.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Max Jansen

Max Jansen hat Soziologie, Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften studiert. Er lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.
Max Jansen

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