Zur Frage des Fortschritts

Technischer Fortschritt Um die Potenziale des technischen Fortschritts tatsächlich verwirklichen zu können, dürfen grundlegende soziale und politische Neuerungen nicht umgangen werden
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Zehn Jahre arbeiteten Entwickler*innen der Hochschule Osnabrück an dem digitalen Feldroboter BoniRob. Er bewegt sich autonom auf dem Feld und wird via GPS gelenkt. BoniRob nutzt Informationen über Sensorik, Bilderkennung und Navigation um selbständige Feldarbeit zu verrichten. Mit dem Einsatz des kleinen Erntehelfers ließen sich in vielerlei Hinsicht Verbesserungen in ökologischen und damit sozialen Fragen erreichen. Erste Großunternehmen haben den Kontakt zu den Entwickler*innen gesucht und so könnten in naher Zukunft Schwärme von kleinen Robotern die Arbeit von schweren Traktoren und Maschinen übernehmen - rund um die Uhr und ohne Pause – und wären dabei dank zahlreicher Sensoren und Analyseeinheiten um ein vielfaches effizienter und umweltfreundlicher.

Angesichts einer solchen Neuerung lohnt es sich, nicht nur die Chancen der fortschreitenden Automatisierung und Digitalisierung zu bestaunen, sondern auch an deren Risiken zu erinnern. BoniRob steht beispielhaft für die Bedeutung wirtschaftlich unabhängiger öffentlicher Forschung und Entwicklung. Wo andere erst zuschlagen, wenn es sich aus Einfluss- und Machtinteressen (Stichwort letztendlich Marktmacht) lohnt, müssen gesellschaftlich getragene Impulse fortwährend, langfristig und unabhängig gefördert werden. Diese Leistung bringt der Markt nicht alleine zustande.

Nicht zuletzt, weil diese Förderung aus öffentlicher Hand und damit finanziert durch die Bevölkerung eines Landes erfolgt, ist es wichtig zu betonen, dass jener technische Fortschritt reflektiert und kritisch hinsichtlich seines Potenzials zur Verwirklichung der im demokratischen Kapitalismus versprochenen Ideale der „Freiheit“ und „Gleichheit“ betrachtet werden muss. Denn er ist es, der seit jeher treibende Kraft fundamentaler gesellschaftlicher Umwälzungen war. Wichtig ist es, einzusehen, dass die mit einer kapitalistischen Einrichtung der Wirtschaftssphäre einhergehende Form der „Freiheit“ letztlich nur wesentlich die Freiheit zu kapitalistischer Konkurrenz nach Recht und Gesetz ist. Eine Anerkennung des staatlich garantierten Privateigentums und der damit gesellschaftlich einhergehenden zumeist „stummen“ Herrschaftsformen.

Gerade die Potenziale einer auf künstlicher Intelligenz (KI) basierenden Wirtschaftsweise könnten einen wichtigen Beitrag zum Aufbau der Grundlage einer solidarischen Gemeinschaft leisten, in der der Begriff der „Freiheit“ nicht nur als politische Kategorie begriffen wird, sondern auch in der tatsächlichen – und damit fundamental in der ökonomischen – Sphäre verwirklicht ist. Eine Gesellschaft, in der Freiheit als wahres Ideal jenseits der auf Konkurrenz und Ausgrenzung basierenden bürgerlich-liberal-individualistischen Vorstellung gedacht wird.

Wenn es darum geht die Potenziale des digitalen Wandels langfristig zu nutzen, müssen wir stetig auf eine gesellschaftlich progressive Weise dieser Entwicklung drängen. Sie muss ihren Beitrag dazu leisten, dass Freiheit als „sozialen Freiheit“ gedacht wird. In einer solchen Auffassung stellt sich das Gegenüber eines Jeden nicht länger im Sinne des liberal-individualistischen Freiheitsrechts als Hindernis, sondern ganz im Gegenteil als notwendige Voraussetzung der Freiheit des Einzelnen dar. Freiheit wird hier nicht länger als individuelle Interessenverfolgung, sondern als solidarisches sich-ergänzen begriffen und weißt damit fortan einen sozialen Kern auf.

Wird Freiheit sozial gedacht, geht sie mit Forderung nach grundlegenden politischen und sozialen Veränderungen einher. Stabile soziale Verhältnisse müssen gerechte Verhältnisse sein. Erst diese legen die Grundlage für eine gerechte politische Auseinandersetzung über gesellschaftliche Fragen. Solange eine solche Grundlage nicht existiert, gilt es darum, sich auch gegen die „Herrschaft der falschen Freiheit“ zu stellen, denn sie verhindert systematisch die optimale Nutzung des sozialen Potenzials technischer Neuerungen, deren Nutzengewinn für den Endkunden in keinem Verhältnis zum Gewinn der Betreiber steht. Während wir mit den neue Designes des iPhone17 rumhantieren, spielen sie mit Gesichtserkennung, systematischer Meta-Daten-Auswertungen und BigData-Analysen.

Solange technischer Fortschritt in den Händen jener stattfindet, deren Handlungen auf Konkurrenz und damit auf Macht- und Herrschaftsdenken fußen, müssen wir stets skeptisch sein, wie viel gesellschaftlicher – und damit sozialer – Fortschritt tatsächlich in den neuen Spielereien steckt. Umsetzungsversuche einer gesellschaftlich getragenen Wirtschaftsweise, die einen sichereren, weil gerechteren Lebensstandard bereitstellt, wurden in den 1960iger und 7oiger Jahren in Ungarn und verschiedenen anderen osteuropäischen Ländern unternommen. In Jugoslawien gab es eigene Versuche. Statt diese Experimente aus politischem Kalkül pauschal zu verurteilen, lohnte es sich im Sinne der Vorstellung einer Pluralen Ökonomie, die sich gegen die ideologische Vereinnahmung ihres Fachbereichs wehrt, auch dort offen und zugleich kritisch nachzuforschen, wo erste Versuche alternativer Wirtschaftsweisen stattgefunden haben.

Wichtig ist zudem, bei jeder noch so bequemen technischen Neuerung auch darauf zu achten, nicht der mit ihr einhergehenden Verführung zu verfallen, es sich in den bestehenden Verhältnissen zu bequem zu machen, weil sie doch so vergleichsweise stabil und friedlich wirken. Im 21. Jahrhundert muss Gerechtigkeit und damit tatsächliche politische und ökonomische Freiheit für alle global gedacht werden, wir können uns nicht länger hinter den Mauern der Festung Europa verstecken und so tun, als wüssten wir nicht, was unser hiesiges Handeln jenseits unserer militarisierten Außengrenzen verursacht.

Technischer Fortschritt ja, nur so können die großen Herausforderungen der Menschheit gemeistert werden – doch ohne einen grundlegenden sozialen und politischen Wandel, wird dieser Fortschritt lediglich die Gleichgültigkeit reproduzieren, auf der unsere auf Konsum und aggressives Marketing basierende Markt- und damit zunehmend auch Gesellschaftsordnung basieren.

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Zum Begriff der „falschen Freiheit“

umsganze: „Staat, Weltmarkt und die Herrschaft der falschen Freiheit“ https://umsganze.org/media/Staatstext_web.pdf // https://umsganze.org/historie/2009-grundsatzbroschuere-teil1/

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Zur Frage der Freiheit

DerFreitag: Zur Frage der Freiheitc

https://www.freitag.de/autoren/max-jansen/zur-frage-der-freiheit

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

ingenieur.de: Pflanzenschutz ohne Gift - So vernichtet Roboter Bonirob Unkraut

http://www.ingenieur.de/Fachbereiche/Agrartechnik/So-vernichtet-Roboter-Bonirob-Unkraut

ndr.de: Roboter im Test - "Bonirob" lernt Unkraut jäten

http://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Roboter-im-Test-Bonirob-lernt-Unkraut-jaeten,unkraut206.html

zdf.de: Landwirtschaft der Zukunft - Roboter statt Feldhacke

http://www.heute.de/landwirtschaft-der-zukunft-roboter-statt-feldhacke-47157906.html

10:13 22.05.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Max Jansen

Max Jansen hat Soziologie, Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften in Köln, Budapest und Beer Sheva studiert. Derzeit lebt er in Frankfurt.
Max Jansen

Kommentare 4