„Ich durfte nicht glücklich sein“

Emanzipation Patricia Kaas hat ihr Privatleben der Karriere geopfert. Gibt es etwas, das sie bereut?

Frau Kaas, schwärmen Sie noch für diesen Typ von Mann, der „von der Liebe redet wie von Autos ...“?

Patricia Kaas:

Wie denken sie denn?

Sie halten nicht viel von Treue. Ich kann auch gut verstehen, dass Untreue existiert. Sie ist etwas Physisches. Ich würde es nicht wissen wollen, wenn mein Mann mich betrügt. Mich würde es mehr stören, wenn er einen Tag lang mit einer Frau verbringt. Ihr die Hand hält, Fernsehen schaut, mit ihr ein Bier trinkt. Weil das viel intimer sein kann.

Untreue ist doch nicht nur männlich.

Sie scheint bei Frauen gerade modern zu sein. Die Frau kann heute wie der Mann die Initiative ergreifen. Vielleicht will sie sich auch beweisen, dass man einen Mann einfach mal mitnehmen kann.

Sie schreiben in Ihrer eben erschienenen Autobiografie, dass Sie auch gern mal jemanden auf einen Drink einladen, der Sie reizt.

Für mich ist es schwer, überhaupt jemanden kennenzulernen. Wenn man so bekannt ist wie ich, dann kommen die Männer und haben irgendwie das Gefühl, sie müssten mir sagen: „Ich habe Sie schon mal gesehen, bei einem Konzert.“ Dann sage ich mir: „Machen wir jetzt ein Interview?“ Warum kommt der nicht und sagt: „Hey, ich habe Lust, mit dir einen zu trinken.“ Er traut sich nicht. Es macht ihnen Angst, dass ich Patricia Kaas bin. Also übernehme ich die Initiative. Es ist wie ein Spiel: Wer ist jetzt der Mann? Wer die Frau?

Ich mag es, wenn ich eine Rose geschenkt bekomme und jemand mir in die Jacke hilft, wenn ich aufstehe. Mir die Tür des Autos aufmacht.

Sehr klassisch ...

Ich kann das auch selbst machen, aber es ist doch schön, wenn es der Mann tut. Wenn ich jemanden nach Hause einlade, zünde ich eine Kerze an, das Licht ist gedämpft, die Musik leise. Diese Atmosphäre kann sinnlicher sein als ein Trip nach Venedig.

Sie haben einmal bedauert, es sei heute so leicht, einen Mann zu verlassen. Haben wir verlernt, um Beziehungen zu kämpfen?

Ja. Wir sind so selbstständig. Wer finanziell auf eigenen Füßen steht, kann gehen. Ich sehe das Gegenteil an meiner Familie in der Kleinstadt: Die Frauen kommen kaum ohne die Männer aus, brauchen sie zum Auto fahren, einkaufen. Man trifft jemanden mit Anfang 20, kommt zusammen, heiratet, gründet eine ­Familie.

Eine lange Partnerschaft kann doch auch schön sein.

Aber nicht, wenn der Alltag die Liebe tötet.

Sie berichten in Ihrem Buch von ihren vielen Affären, der Liaison mit einem Pariser Spitzenkoch oder einem verheirateten rumänischen Milliardär. Liberté toujours macht es nicht gerade leichter ...

Ich sage ja nicht, dass diese Selbstständigkeit immer gut ist.

„Männer sind dumm, feige und opportunistisch“, schreiben Sie. Hatten Sie nicht auch Angst, sich zu binden?

In meinem Fall gibt es das Ego-Problem: Der Mann möchte sich immer ein bisschen größer und stärker fühlen. Wäre ich weniger erfolgreich, weniger unabhängig, auch finanziell, dann könnte ich Beziehungen vielleicht besser leben. Ich würde mir dafür mehr Zeit lassen. Mein Problem mit Männern war oft, dass sie zunächst bewundern, was ich meinem Publikum gebe und was es mir gibt. Meist wird daraus dann so eine Art Eifersucht. Er denkt: Ich bin ja nur der Lover. Die richtige Liebesgeschichte hat Patricia mit ihren Fans.

Stimmt das?

Ja, kann sein. Ich gebe meinen Fans sehr viel Zeit. Dieser Kontakt – zu sehen, wie einer weint, einer lächelt, wenn ich singe. Das Wissen, dass man die Leute während einer Show in einen anderen Zustand versetzen kann, das ist etwas Wunderbares.

Warum fällt Ihnen das leichter, als einen Menschen im Privaten glücklich zu machen?

Ich glaube, um sich hinzugeben, muss man Vertrauen in sich selbst haben. Ich habe aber diesen negativen Blick auf mich selbst. Ich bin sehr kritisch. Manchmal dachte ich nach einem Konzert: Das war toll! Aber dann war ich wieder unzufrieden mit mir. Auf der Bühne bin ich mir immer interessanter und hübscher vorgekommen als im Leben. Es dauerte lange, bis ich mir sagen konnte: „Du bist eine schöne Frau und eine gute Künstlerin.“

Eines Ihrer bekanntesten Chansons heißt: „Il me dit que je suis belle“. Er erzählt mir, ich bin schön – das hat ein Mann bei Ihnen nie geschafft?

Nur für den Moment. Ich habe meine eigenen Vorstellungen, meine Muster, auch in Beziehungen: Er darf nicht zu schnell „Ich liebe dich“ sagen. Aber wenn es zu lange dauert, werde ich nervös. Liebe muss wahrscheinlich relaxter sein, ich bin immer ein bisschen verkrampft.

Man kann das üben.

Nach einer Show bin ich total erschöpft, aber er ist extra für mich gekommen und ich soll mich ihm hingeben. Da fangen die Probleme an. „Können wir nicht ein bisschen schmusen?“, fragt er. Aber ich stecke noch in dieser Ekstase, die ich gerade auf der Bühne erlebt habe. Die kenne ich mit einem Mann nicht.

Seit Sie Mitte der achtziger Jahre in Frankreich ein Star wurden, reihten Sie eine Tournee an die nächste. Die Tour war Ihnen immer so wichtig, dass Sie

mehrere Male eine Abtreibung hatten, um sie nicht zu unterbrechen, schreiben Sie.

Ja, und nun kann ich keine Kinder mehr bekommen. Es war ein Schock, als ich das erfuhr. Ich dachte: Wie unfair! In dem Moment, in dem ich so weit bin, liegt es nicht mehr in meiner Hand.

Unfair?

Ich dachte an ältere Freundinnen, die keine Kinder wollen. Andere, die ungesund leben und welche haben. Ich rauche nicht, gehe nicht aus: Warum ich?

Haben Sie es bereut, abgetrieben zu haben?

Nein. Es war damals nicht der richtige Mann, nicht der richtige Moment. Ich hatte Angst vor der Schwangerschaft. Mich hat man gelehrt, dass man seinem Kind möglichst viel Zeit widmet – so wie meine Mutter sie für mich hatte. Hätte ich diese Zeit gehabt? Ich weiß es nicht.

Abtreibungen galten Feministinnen oft als ein Symbol für Freiheit ...

Es war eine sehr private Ent­scheidung. Und selbst wenn ich sie nicht bedauere, hat das Spuren hinterlassen.

Sie halten sich für „unfähig zum Glücklichsein“. Wieso das?

Ich durfte lange nicht glücklich sein. Niemand hat es mir ver­boten, nur ich mir selbst. Als ich, nachdem meine Mutter ge­storben war, einmal laut gelacht habe, sagte ich mir: Vorsicht, was machst du da? Ich war Anfang 20. Ich war ihr immer sehr nahe, überhaupt nicht selbstständig. Nun musste ich allein entscheiden. Ich bin eigentlich immer vor dieser Traurigkeit davon­gelaufen.

Wie wurden Sie denn erzogen?

Dort, wo ich aufgewachsen bin, in einem kleinen Ort in Lothringen, beschwert man sich nicht. Diese Disziplin habe ich von meiner deutschen Mutter geerbt. Mein Vater war Berg­arbeiter. Wenn er abends nach Hause kam, war er immer müde. Er hatte immer diese schwarzen Augen. Aber er hat sich nie beklagt, er hätte niemals seinen Beruf gewechselt. Er war stolz. Auch ich jammerte nie, war hart und perfektionistisch.

Selbstaufgabe für den Erfolg?

Meine Mutter träumte von meiner Karriere als Sängerin. Als ich sie einmal im Krankenhaus besucht habe und mich jemand im Aufzug erkannt hat: Da war all dieser Schmerz der Krankheit, der ihr Gesicht verkrampfte, für zehn Sekunden wie wegge­blasen.

Würden Sie heute eher etwas für einen Mann aufgeben?

Das Singen etwa? Non! So ein Typ wäre nicht der Richtige.

Wie müsste der Richtige sein?

Vielleicht lerne ich jemanden kennen, der schon Kinder hat. Die 40-jährigen Männer haben ja meist schon ein Leben hinter sich, mit Frauen und Familie. Plötzlich hast du dann alles auf einmal und musst auch noch auf einen Teenager aufpassen.

Patricia Kaas wurde 1966 im französischen Forbach geboren und stand schon als Kind auf der Bühne. 1987 wurde sie mit dem Album Mademoiselle chante le blues berühmt. Bei Edition Elke Heidenreich ist ihre Autobiografie Mademoiselle singt den Blues erschienen. Im November feiert die Show Kaas chante Piaf im Berliner Admiralspalast Premiere

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

13:00 20.05.2012
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
Schreiber 0 Leser 28
Maxi Leinkauf

Ausgabe 30/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 4

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community