Maxi Leinkauf
13.07.2011 | 10:20 2

„Ich rede extra leise"

Deutscher Alltag Lena Gorelik lebt als Jüdin in München. Ganz normal? Fast. Manchmal muss sie sich noch gegen Schubladendenken wehren

ie wollen lieber als Hundebesitzerin denn als Jüdin wahr genommen werden. Warum schreiben Sie dann in Ihrem Buch „Lieber Mischa“ nicht über Ihren Hund, sondern Ihr Jüdischsein?

Lena Gorelik: Weil ich häufig gefragt werde, wie das für mich ist, heute als Jüdin in Deutschland zu leben. Also habe ich mich mit dieser Frage beschäftigt und wollte sie klären – für mich, für meinen Sohn und die anderen.

Sind Sie, wie manche Zeitungen schreiben, ein Beispiel des „neuen Judentums“ in Deutschland?

Das ist eine seltsame Schublade. Woher weiß ich denn, ob andere junge Juden so denken wie ich? Womöglich finden die mein Buch blödsinnig. Bei einer Lesung frage ich die Zuhörer ja nicht: Wer von euch ist Jude, wem hat es gefallen?

Sie haben mit sieben Jahren eine Spielkameradin als Jüdin beschimpft, da erklärte Ihre Mutter Ihnen, dass Sie selber eine sind. Wann spüren Sie das Jüdischsein im Alltag?

Ich esse nicht koscher, laufe auch nicht mit einem Davidstern herum oder rufe: „Guten Tag, mein Name ist Lena Gorelik, ich bin Jüdin‘.‘ Aber manchmal werde ich nach einer Lesung, die gar nichts mit dem Judentum zu tun hat, gefragt: Lassen Sie Ihr Kind beschneiden? Dann schrecke ich kurz zurück. Einmal saß ich mit einer Kommilitonin im Café. Wir redeten über eine gemeinsame Bekannte. Sie fragte, woher ich die kenne: „Aus einer jüdischen Studentengruppe“, antwortete ich. Und sie fragte: „Ich wollte dich lange mal fragen, wie groß eigentlich der Einfluss der Juden auf die deutsche Wirtschaft ist.“ Ich dachte: Was passiert hier?

Und wehrten sich?

Ich fing an, die Juden zu verteidigen, ihr zu erklären, warum dies und jenes gar nicht sein könne. Später habe ich mich darüber geärgert. Sie war so unreflektiert.

Gibt es noch andere Momente, in denen Sie sich als Jüdin fühlen?

Mein Mann und ich haben uns nicht in einem jüdischen Kontext kennen gelernt, aber er versteht meinen Hintergrund, weil er selber Jude ist. Das ist schön, dass wir über dieselben Dinge lachen können. Wenn ich denke, die Welt geht unter, brauche ich ihn nur anschauen. Dann geht es mir besser.

Erst auf Platz drei Ihrer „Liste der zehn coolsten Juden der Welt“ steht Woody Allen.

Vor ihm stehen nur noch unser Gott und Bob Dylan. Ich liebe Woody Allens Humor. Er sieht die dramatischen Dinge, die passieren, mit so einem Zwinkern. Seine Filme sind kein Slapstick, keine Komödien, es werden darin auch keine Witze gerissen. Sie sind eine Lebenshaltung.

Die teilen Sie.

Ja, ich habe das anerzogen bekommen, das Schwere leicht zu nehmen und in heiklen Situationen erstmal zu lachen statt zu weinen.

Erinnern Sie sich an eine Situation?

Mein erster Liebeskummer: Ich dachte die Welt geht unter. Damit hat mein Vater mich aufgezogen, anstatt zu sagen: „Ach, du Arme.“ Ich hockte vor dem Telefon und mein Vater ist im Flur auf und ab gelaufen. Wenn meine Mutter oder mein Bruder gefragt haben, was los ist, antwortete er: „Wir warten auf einen Anruf, vielleicht meldet er sich.“ Da musste ich mitlachen.

Ist jüdischer Humor tabuloser?

Man lacht einfach über sich selber, über die eigenen Schwächen und über Klischees. Es geht nicht darum, zu provozieren, sondern im Unglück das Komische zu sehen. Dabei kann auch ein Tabubruch entstehen, aber er ist nicht gewollt.

Bei Henryk M. Broder schon. Bei jüdischem Humor denken viele heute zuerst an ihn. Was halten Sie von ihm?

Er kann großartig schreiben, aber mir geht er oft zu weit. Wenn er am Buffet sagt: „Lassen Sie mich durch, meine Mutter war in Auschwitz“, dann ist das provokant, aber ich kann darüber nicht lachen.

Schämen Sie sich fremd?

Nein, ich schäme mich ja auch nicht für alle Deutschen oder Russen. Weder für das, was Charlotte Knobloch tut, noch für Angela Merkel oder Westerwelle.

Entsteht Humor aus der Not?

Mein Liebeskummer war für mich eine subjektive. Aber es gibt natürlich objektive Notsituationen wie den Holocaust. Selbst in den Waggons, die die Leute nach Auschwitz brachten, wurden Witze gerissen: die Situation wird eigentlich noch viel trauriger, weil man eben noch darüber gelacht hat. Es ist so ein: ‚trotzdem lachen‘.

Nervt es Sie eigentlich, wenn Sie auf Israel angesprochen werden?

Ich könnte ein bisschen erzählen von dem Land, ich kenne es gut. Aber oft sagen die Leute nur: „Du bist Jüdin, Du hast bestimmt eine Meinung zu dem Konflikt.“ Und meist glauben sie, die auch schon zu kennen: „Du bist bestimmt gegen die armen Palästinenser.“ Während des Libanonkriegs wurde ich gefragt: „Wie rechtfertigen Sie das, was die Israelis tun?“ Wieso ich? Ich rechtfertige es doch überhaupt nicht.

Aber es beschäftigt Sie.

Ja, wenn auch nicht auf einer emotionalen Ebene. Wenn ich Zeitung lese, dann lese ich zuerst etwas über Israel. Ich habe da gelebt, aber es ist nicht meine Heimat. Ich kann das Land mit Abstand sehen.

Sie stammen aus St. Petersburg. 1992 kamen Sie nach Deutschland. Wie wurden Sie hier heimisch?

Das hatte viel mit der Sprache zu tun. Und als ich dann Klamotten trug, die alle nur in Deutschland gekauft waren: Jeans, Pulli, Schuhe, Socken, da hatte ich das Gefühl: Jetzt bin ich deutsch. Als Kind hält man sich ja an sehr konkreten Dingen fest.

Wie haben Sie die Sarrazin- Debatte erlebt?

Ich habe mehr als 100 Seiten Kommentare und 300 Rezensionen gelesen. So viel Zustimmung! Danach habe ich mein Verhalten im Alltag verändert. Wenn ich auf Russisch mit dem Handy telefoniere, rede ich extra leise – weil ich das Gefühl habe: das gehört sich nicht. Ich empfinde so eine andere, aggressivere Stimmung seitdem.

Sie spazieren gern mit Ihrem Hund im Englischen Garten. Ziemlich bürgerlich.

Das höre ich nicht so gerne, aber es stimmt wohl ein wenig. Ich mag an München unter anderem den Englischen Garten, er gibt mir so eine Ruhe. „Das passt schon“, wie man in Bayern sagt.

Lena Gorelik ist in St. Petersburg geboren und kam 1992 nach Deutschland. Die 30-Jährige lebt mit Mann, Kind und Hund in München. Im Graf Verlag ist kürzlich ihr Buch Lieber Mischa erschienen

Kommentare (2)

Gerd Weghorn 13.07.2011 | 20:55

Lena Goreliks Meinungen haben mir gefallen, insbesondere diese hier: Auf die Frage " Sind Sie, wie manche Zeitungen schreiben, ein Beispiel des „neuen Judentums“ in Deutschland?" Antwortet Sie:

"Das ist eine seltsame Schublade. Woher weiß ich denn, ob andere junge Juden so denken wie ich? Womöglich finden die mein Buch blödsinnig. Bei einer Lesung frage ich die Zuhörer ja nicht: Wer von euch ist Jude, wem hat es gefallen?"

Das Thema, das hier angeschnitten wird, heißt "Identität", genauer gesagt "jüdische Identität" und ich habe mich da schon vor Zeiten mit der Frage "Identität Wozu?! ganz allgemein auseinandergesetzt (und hätte da gerne Rückmeldungen profiprofil.wordpress.com/2010/02/27/identitat-wozu/)

Gerde (junge) "Juden" verwenden sehr viel Energie auf die Beantwortung dieser Frage, wodurch man "eigentlich" ein "Jude" ist, und es wird als gemeinsames Drittes durchweg die Aufnahme und Festigung einer persönlichen Beziehung zu einem Abstraktum namens "Judentum" empfohlen und gewählt.

Damit allerdings dürfte man als Suchender nur dann weiter gekommen sein, wenn man es (gedanklich und praktisch) fassen könnte, dieses "Judentum" - und dürfte dann auch froh sein, wenn einem die Entscheidungen dadurch abgenommen werden, dass man in eine Gemeinde hineinwächst, die durch Umgangsformen vorlebt, was unter '"jüdisch" sein, unter Judentum heute zu verstehen ist: die Antwort dürfte vielfältig und vielseitig ausfallen.

Ich bin bezüglich dieser Suche nach "Identität" sehr skeptisch, und meine Gründe können am angegebenen Ort studiert werden. Ich halte es deshalb mit Markus Barth für sinnvoll, "sich vom Ideal der Identität zu verabschieden", weil wir doch "nie wirklich mit uns identisch sind, schon weil unsere Geschichte immer weitergeht", so dass "eine Suche nach Identität, auch nach Selbstfindung, zu all den bekannten neurotischen Verklemmungen und Verkrampfungen und zu den darauf antwortenden merkwürdigen Therapien führt, die einem Phantom hinterher jagen." Markus Barth (1998, S. 85) kommt zu dem Schluss: "Der Begriff des Stils ist geeignet, den der Identität zu ersetzen", und zwar deshalb, weil das Menschsein in der freien Entfaltung der Persönlichkeit, in der Persönlichkeitswerdung gipfelt, die auch dazu befähigt, mit Normen und Werten brechen zu können ohne im Nihilismus zu landen, sondern vielmehr um neue, um fortschrittliche Normen und Werte zu etablieren.

Stilbildung muss also die Gestalt einer Persönlichkeit schaffen, die durch Sach-, Beziehungs-, Führungs- und Kampfkompetenz befähigt ist, unbrauchbare Strukturen des menschlichen Denkens und Handelns in des Wortes dreifacher Bedeutung "aufzuheben": unbrauchbare Strukturen aufzulösen - Beispiel Bundeswehr - brauchbare Strukturen zu bewahren - Grundrechte des GG - und sie auf eine höhere Stufe hinauf zu heben - den Art. 14 GG zum Recht auf gute Arbeit auszubauen, beispielsweise!

Stilbildung zeigt sich in den Umgangsformen und im Resultat, genannt "die Persönlichkeit". Wenn Frau Gorelik das Schubladendenken ablehnt, wenn sie darauf beharrt, Menschen nicht nach Rasse, nach Geschlecht, nach Religionszugehörigkeit etc. zu taxieren, sondern nach ihren Umgangsformen, dann ist sie auf dem richtigen Weg in eine Gesellschaftsordnung, die sich als wirklich sozial demokratisch bezeichnen dürfte.

Sie hat sich da viel vorgenommen - und ich wünsche ihr dazu viel Widerstandskraft.

rolfmueller 15.07.2011 | 01:55

Ein sehr gelungenes Interview und vielen Dank an Lena Gorelik für ihre offenen Antworten.
In einem Punkt habe ich jedoch die Nachfrage der Autorin vermisst: Wie kommt eine Siebenjährige auf die Idee, ihre Spielkameradin als Jüdin zu beschimpfen? Ich bin als Kind sicherlich nicht zu besonderer Toleranz erzogen worden, aber jemanden für seine Abstammung, seine Religion oder Kultur zu beschimpfen, da muss ein Kind erst darauf gebracht werden. Wie Lena Gorelik darauf gekommen ist, hätte mich schon interessiert.