Alles nur geborgt

Konsum Ein Jahr lang nichts kaufen – geht das? Philipp Gloeckler probiert es aus und hat eine App erfunden, mit der man sich ertauschen kann, was man braucht
Alles nur geborgt
Bohrmaschine? Snowboard? Philipp Gloeckler leiht sich, was er gerade braucht

Foto: privat

Es könnte in Barcelona sein oder Rom, dieses Café mit den sandfarben gestrichenen Wänden, schlichten Holzbänken, jungen Kellnern. Aber wir sind in Berlin-Mitte. Philipp Gloeckler sitzt auf einer der Holzbänke und tippt auf seinem iPhone herum. Er mag diesen Platz und die Leute, die das Café gegründet haben, sagt er zur Begrüßung. Es gebe hier kein Wlan, „und selbst die Steckdosen sind abgeklebt, damit die Leute ihre Notebooks nicht rausholen“. So Leute wie er.

Über dem Café lag früher sein erstes Büro. Gloeckler beschäftigt sich seit Jahren mit den Möglichkeiten des korrekten Konsums – und wie man damit die Welt verändern kann. 2009 hat er den Carrotmob nach Deutschland gebracht, eine konzertierte Shopping-Aktion, durch die Firmen zu fairem und ökologischem Verhalten bewegt werden sollen. Er hat ein Öko-Modelabel gegründet und einen Online-Shop für nachhaltige Produkte. Nun hat er eine Tausch-App entwickelt: „WHY own it“.

Die neueste Version der App sei jetzt im App-Store erhältlich. Die Idee dahinter? „Man muss nichts mehr kaufen, was Freunde schon besitzen. Du siehst etwas, was du haben willst und schaust erst mal bei WHY own it, ob es schon jemand hat. Dann gehst du aus dem Laden und pinnst deinen Kumpel an: Lass uns mal Kaffee trinken gehen und bring die Bohrmaschine oder das Buch mit.“ Damit habe man nicht nur Geld gespart, sondern auch einen Grund, sich mit jemandem mal wieder zu treffen, den man lange nicht gesehen hat.

Business-Angels helfen

Nur die Angebote seiner freigeschalteten Freunde könne man auf der App sehen, betont Gloeckler, immerhin stellt man da seinen persönlichen Besitz ein. Zeitschriften, Bücher, Baseball-Caps, Ladekabel, Lieblingstassen oder ein Fahrradschloss kann man ausleihen. Gloeckler selbst hat sich für den Winterurlaub zuletzt bei einem Bekannten ein Snowboard geborgt.

Der 28-Jährige ist umtriebig, für sein Start-up hat er Investoren aus der Wirtschafts- und Internetszene gefunden, sogenannte Business-Angels. Sie haben einen Teil der Firma gekauft, von dem Geld kann Gloeckler seine fünf Mitarbeiter bezahlen.

Erst besseres Shoppen, nun völliger Konsumverzicht – kann er damit wirklich etwas bewegen? „Ich möchte die Leute animieren, nur noch das zu kaufen, was sie wirklich brauchen.“ Seine Idee scheint in eine Zeit zu passen, in der die Zweifel am Immer-mehr-Prinzip der kapitalistischen Gesellschaft täglich größer werden. Trotzdem ist die Why-own-it-Community bisher noch überschaubar. Etwas mehr als 1.000 Mitglieder sindregistriert. Die, die seine App am häufigsten nutzten, bräuchten sie am wenigsten, sagt er: Studenten, Angestellte, gebildete Leute. „Die leihen sich das Buch nicht aus, weil sie es sich nicht kaufen könnten, sondern für ihr Gewissen.“

Gloeckler sagt, es gehe ihm nicht nur ums Geschäft – er will selbst Verzicht üben und hat deshalb beschlossen, in diesem Jahr nichts mehr zu kaufen. Wie konsequent ist er dabei? „Ich hab eine Jeans mit schon sehr dünnen Nähten, aber ich muss mir genau überlegen, ob ich mir eine neue zulege. Ich muss das vor mir rechtfertigen.“ Neuer Technik könne er auch schwer widerstehen, aber er besitze keine CDs, keinen Fernseher, nur ein Abo für den Musikstreaming-Dienst Spotify.

Reformer, kein Revolutionär

Sein T-Shirt hat er seit einem Jahr, seine Mütze ist drei Jahre alt, die Jacke zwei, der Pulli und das Portemonnaie seien „nachhaltig“. Inzwischen hat der von ihm gegründete Online-Marktplatz für nachhaltige Produkte 250 Anbieter. Ein bisschen öko, ein bisschen teurer. Das funktioniert, die Firma ist profitabel. Es gibt viele, die ethisch korrekt ihr Geld ausgeben wollen.

Gloeckler versucht auch sonst nachhaltig zu leben: Er fährt nicht Auto, sondern Bahn. Aber er macht auch nicht alles mit: „Ich würde nie durch Bäumepflanzen einen Flug kompensieren.“ Vegetarier sei er auch nicht. Von Bekannten müsse er sich daher öfter anhören, dass er „wesentlich härter leben müsste“. Er geht lieber die kleinen Schritte: Er ist ein Reformer, kein Revolutionär. Worauf könnte er niemals verzichten? „Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich gern essen und trinken gehe, aber das zählt für mich nicht zum Konsum.“ Aus Brüssel, der Stadt, in der er groß geworden ist, habe er diese Lebensart.

Mit zwei Jahren ist Gloeckler mit den Eltern nach Brüssel gezogen, der Vater hat als Wirtschaftsingenieur 35 Jahre in derselben Firma gearbeitet, „er ist die Karriere-Treppe hochgelaufen“, sagt Gloeckler, und man spürt, dass diese Angestellten-Welt ihm fremd ist. Er hat BWL an einer Frankfurter Privatuni studiert und ist seither selbstständig.

Ist er ein Wohlstandskind, das sich solche freien Projekte eben leisten kann? Gloeckler schaut aus dem Fenster, schüttelt dann den Kopf. „Nein. Ich hoffe, dass meine Eltern ihr Geld ausgegeben haben, bevor sie tot sind. Ich gehe nicht davon aus, dass mir was zusteht. Dass sie mir ’ne Wohnung kaufen, damit ich keine Miete zahle? Das wäre doch abstrus.“ In Berlin hat er früher in einer WG gelebt, ist für seine erste Firma nach Hamburg gezogen und wohnt nun in einer Wohnung mit alten Möbeln. „Ich fühl mich in Hamburg wohler als in Berlin, da gibt es mehr normale Leute.“ Damit meint er Freunde, die nicht was mit Internet oder Mode machen. „In Berlin versucht jeder, verrückt zu sein – und alle sind sich doch ziemlich ähnlich.“ Wenn er in Hamburg morgens ins Büro komme, würden erst mal alle zusammen frühstücken, einer bringe immer Brötchen mit. Er trennt Arbeit und Leben nicht.

Gloeckler spielt wieder mit seinem iPhone. Er könne von heute auf morgen seine Sachen packen und in eine andere Stadt gehen, sagt er, sein Leben sei konstante Veränderung. Macht einer wie er Pläne? „Irgendwann will ich meine Selbstbestimmung gegen ein festes Gehalt eintauschen, vielleicht mit 35.“ Er muss jetzt los zu einem Treffen mit 50 Start-up-Unternehmern, der Gründer von Youtube sei auch dabei. Es klingt ein bisschen stolz.

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 8/13 vom 21.02.20013

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Ihre Freitag-Redaktion

09:45 22.02.2013
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

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