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Porträt Gregor Weber war "Tatort"-Kommissar im Saarland, wurde gefeuert und ging dann für die Bundeswehr nach Afghanistan. Heute schreibt er Krimis. Ein Gespräch übers Scheitern
Maxi Leinkauf | Ausgabe 49/2013 2
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Gregor Weber: „Es ging mehr um so ein gefühltes Versagen“

Foto: Verena Brandt für der Freitag

Er ist mit der Bahn aus Bayern gekommen, um abends am Rande von Berlin aus seinem neuen Krimi zu lesen. Gregor Weber gefällt, dass er in dem Café seiner Pension nicht nach „Latte Macchiato?“ gefragt wird, als er einen schwarzen Kaffee bestellt. Im Cordanzug, mit schwarz umrandeter Brille und Dreitagebart wirkt er zugleich bodenständig und ein bisschen nerdig.

Der Freitag: Herr Weber, können wir übers Scheitern reden?

Gregor Weber: Ja, das kenne ich.

Sie waren Comedian, „Tatort“-Kommissar, Koch, Feldwebel in Reserve. Ziemlich viel Ex- ...

Das stimmt, so eine stringente Laufbahn, dieses sich an eine Meisterschaft heranarbeiten – das ist mir nicht so gegeben. Ich bin in Beziehungen konstant, aber anscheinend nicht bei Tätigkeiten.

Vor zwei Jahren hat man Ihnen den Job als Fernsehkommissar in Saarbrücken gekündigt. Waren Sie darauf vorbereitet?

Nein. Im November kam völlig überraschend der Anruf aus der Redaktion, dass sie mit uns nicht mehr arbeiten wollen. So kurz vor Weihnachten zu erfahren, dass im kommenden Jahr die Hälfte vom Jahreseinkommen weg ist, war ein Schlag. Mich hat das aber auch persönlich unheimlich verletzt. Wenn man ein paar Jahre Tatort gemacht hat, ist es eigentlich üblich, dass einem angekündigt wird, wenn es der letzte ist. Den dreht man dann noch, erschießt die Kommissare oder schickt sie in Rente.

Sie wurden einfach aussortiert. Wie war die Zeit danach?

Die war nicht leicht. Auf einmal war unsere gesamte Finanzplanung durcheinander. Meine Frau arbeitet ja auch freiberuflich. Und man macht sich Gedanken. Auch wenn Jobsuche bei mir schon oft darin bestanden hat, zu Hause zu sitzen und zu warten, bis das Telefon klingelt. Und die Angst, die Miete nicht mehr zahlen zu können, kannte ich noch von früher. Das macht es aber nicht besser.

Wie reagierten die Kollegen auf den Rausschmiss: Fliegt man dann aus der Schauspielerszene?

Da war ich ja nie drin. Mich hat diese Welt nie ernsthaft interessiert. Ich war in 20 Berufsjahren fünfmal bei einer offiziellen Veranstaltung. Ich kenne auch kaum jemanden und pflege ganz wenige private Freundschaften aus der Branche.

Sie haben es früh erlebt, dass niemand auf Sie wartet. Erst nach sieben Anläufen kamen Sie an die Schauspielschule.

Ja, ich war Anfang 20 und dachte, man muss durchhalten, dann wird das schon. Ich wollte unbedingt Schauspieler werden, und es ging dann super los, ich hatte sofort zu tun. Ich habe als Student im Theater mitgespielt und bekam das Angebot für die Serie Familie Heinz Becker. Ich habe damals jeden Job gemacht, der mir angeboten wurde.

Geld ist vielen Kreativen erst mal ziemlich egal.

Ja, die meisten der Studenten in meiner Klasse sagten: „Ich will nur Kunst machen.“ Das habe ich nie verstanden, bis ich merkte: Die mit dem größten Kunstwillen hatten reiche Eltern. Ich komme nicht aus einer wohlhabenden Familie.

Sondern?

Wir waren zwar nicht arm, mehr so Kleinbürgertum. Mein Vater war ursprünglich Schlosser. Er gehörte zu der Generation, in der man sich vom Blaumann in den Anzug hochgearbeitet hat. Er hat später mit Versicherungen angefangen und war die größte Zeit seines Lebens LKW-Verkäufer bei Daimler. Er hatte gute Jahre und ein paar schlechte. Ich habe bei meinem Vater den großen Wunsch nach bürgerlicher Sicherheit erlebt. Aber er hatte kein richtiges Händchen fürs Geld. Und ich war so relativ früh auf mich gestellt. Ich wollte meinen Lebensunterhalt selbst verdienen.

Sie kamen Ende der Neunziger nach Berlin und hofften auf den großen Durchbruch – als einer von so vielen. War das nicht naiv?

Es zieht ja alle hierher. Mittlerweile ist das der Fluch von Berlin, dass alle mit großen Hoffnungen und nichts auf der Tasche kommen.

Trotzdem nannten Sie die Berlin-Phase später mal „glückliches Scheitern“. Warum?

Ich habe das damals als angenehm empfunden, dass man sich in Berlin nicht dafür schämen muss, wenn man kein Geld hat. Aber die schwierigen Phasen waren auch für mich einfach nur – verzweifelt. Die Miete konnten wir zwar immer noch irgendwie zahlen, aber ich musste akzeptieren: Dass ich mit meinem Beruf Geld verdiene, das funktioniert nicht einfach so. Ich hatte depressive Phasen. Ich fühlte mich als Versager, fand mich zu hässlich, zu klein, zu schlecht. Da stellt man alles infrage.

Sind es eigene Erwartungen, an denen man scheitert? Oder geht es da um Außenwahrnehmung?

Es ging mehr um ein gefühltes Versagen, das viel stärker ist als ein objektiver Zustand. Heute denke ich: So schlecht ging es uns doch gar nicht, wir haben die Zeit nur als sehr fragil empfunden.

Sie haben aber weitergemacht.

In den Jahren, in denen ich dachte, ich will noch was werden, habe ich mich natürlich bemüht, dabei zu sein. Aber es kam ganz lange nichts. Das war frustrierend, die Kinder waren noch sehr klein. Irgendwann habe ich beschlossen, nicht mehr zu Castings zu gehen, die reine Machtdemonstrationen sind. Es geht da gar nicht darum, ob man besetzt wird oder nicht. Es ist eine Branche, die auf Demütigung baut. Ich habe das verweigert und wollte mich nicht mehr so extrem ausliefern. Damals hätte ich fast aufgegeben.

Aber Sie hatten auch Familie – und mussten für sie sorgen.

Meine Beziehung war bedroht, und es kam der Moment, in dem ich spürte: Ich möchte kein Mann und Vater sein, der selbstmitleidig in der Ecke hockt und so gar kein Vorbild ist. Man muss ja nicht den Helden in der Familie spielen, aber Eltern sollten Stabilität schaffen für die Kinder, damit sie keine sinnlosen Ängste ausstehen. Dazu gehört für mich, dass man morgens aufsteht und zuversichtlich in den Tag geht.

Wie schafften Sie es, sich diese Normalität zu bewahren?

Meine Frau und ich haben immer noch ein bisschen Alltagsglück verteidigt. Wir haben rote Linien gezogen: Wir wollen unsere Kinder und uns vernünftig ernähren. Also gutes Essen kaufen. Bio. Die Kinder brauchen Klamotten, wir brauchen keine. Solange sie eine Winterjacke haben, ist alles gut. Dann machen wir eben keine Urlaube, oder nur einen kleinen.

Und dann kam der Ruf nicht aus Berlin, sondern Saarbrücken ...

Der Tatort. Da dachte ich: Das ist endlich eine Grundsicherheit. Ich hatte allerdings anfangs nur vier, fünf Drehtage pro Folge, das reicht dann auch nicht. Aber es wurde nach und nach ein Standbein.

Inzwischen kennt Sie jeder als den Ex-Kommissar an der Front. Diesen Sommer waren Sie als Pressefeldwebel in Kundus.

Ja, ich wollte das einfach sehen. Als Feldwebel der Reserve hatte ich die Voraussetzungen dafür. Ich war drei Monate im Einsatz.

Einsatz? Sie haben sich doch um Journalisten gekümmert.

Es ist eine normale Pressestelle, aber natürlich sind wir bewaffnet. Wir hatten manchmal mehrere Journalistenteams dort, die alle mal Orte aufsuchen wollten wie das District-Hauptquartier „Chahar Darrah“. Das liegt mitten in einem Kampfgebiet. Da war ich dabei.

Sie gaben „Bild“ ein Interview, braun gebrannt, in Uniform. Da wurde Ihre TV-Prominenz doch für Kriegspropaganda benutzt!

Das hat mich auch geärgert. Ich rede mit denen ewig über meine Beweggründe, und dann kommt ein völlig verkürzter Text heraus, mit der Botschaft: „Jetzt ist die Waffe echt.“ Aber ich stehe zu meinem Afghanistaneinsatz. Das Thema Einsätze hat mich schon immer beschäftigt: Kambodscha, Somalia oder Balkan.

Aber warum?

Ich war als Wehrpflichtiger Ende der Achtziger bei der Marine und bin auch ein Jahr zur See gefahren.

War das Tradition in der Familie?

Mein Vater war nie beim Militär. Er gehörte zum „weißen Jahrgang“, er musste keinen Wehrdienst leisten. Ihm fehlte auch diese Neigung. Mich berührt der Gedanke, den man im Amerikanischen to serve and to protect nennt – der Gemeinschaft zu dienen, für Frieden und Ordnung zu sorgen, an Orte zu gehen, an denen Menschen nicht mehr miteinander leben können, weil sie gewalttätig geworden sind. Ich wollte auch wissen, wie es Soldaten verändert, die bestimmte Erfahrungen machen. Das Thema wurde stark verharmlost. Wir haben eine Menge traumatisierter Veteranen.

Eine aktuell vom Bundestag in Auftrag gegebene Studie zeigt, dass nur wenige Posttraumata als Krankheit erkannt werden.

Ich habe mit vielen Berufssoldaten gesprochen. Einer von ihnen hat das Karfreitags-Gefecht 2010 in Kundus miterlebt. Und seine schlimmste Erfahrung als junger Soldat im Kosovo war, dass er zur Absicherung einer Exhumierung fahren musste. Er war auf diese Massengräber nicht vorbereitet.

Aber glauben Sie wirklich, dass man mit Soldaten Frieden schaffen kann?

Ich bin kein Pazifist und glaube, dass es Situationen gibt, in denen die Anwendung von militärischer Gewalt notwendig ist. Manche Fortschritte wären sonst in Afghanistan nicht möglich gewesen, etwa Schulen, die gegründet worden sind.

Warum ist das mediale Bild des Einsatzes dann so negativ?

Die Bundeswehr hat einen Maulkorb: Es gilt das Primat der Politik vor dem Militär. Das ist ja auch richtig. Aber ich wünsche mir, dass erfahrene Soldaten, die sich mit dem Land beschäftigen und die Sprache lernen, mehr berichten und dazu beitragen könnten, dass sich unser Bild verändert.

Sie haben sich vor dem Einsatz von Ihrer Familie verabschiedet. Die hat Sie einfach gehen lassen?

Es wäre naiv gewesen, zu glauben: Ich gehe nach Kundus, und da kann nichts passieren. Aber meine Frau hat es akzeptiert. Meine Tochter hat es versucht zu verstehen. Aber mein Sohn hat das komplett weggeschoben. Ich hatte wenig Kontakt mit ihm in dieser Zeit.

Würden Sie es wieder machen?

Ich würde nicht so bald wieder in einen Einsatz gehen, jedenfalls nicht nach Afghanistan. Aber ich kann jetzt mit dem Leben, das wir hier führen, anders umgehen. Ich verbiete mir Neid auf Kollegen, die erfolgreicher sind als ich. Und ich verbiete mir bestimmte Ängste.

Sie sind Mitte 40 und nun Autor: Haben Sie noch ein Alternativszenario, wenn es mit dem Schreiben nicht mehr so läuft?

Nein, Plan B habe ich nicht. Man kann sich gar nicht absichern vor dem totalen Scheitern. Aber ich versuche das auch gar nicht mehr.

Sorgen Sie fürs Alter vor?

Ich habe weder Rentenfonds noch Lebensversicherung. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich das jeden Monat zahlen kann.

1968 im Saarland geboren, machte Gregor Weber das deutsch-französische Abitur. Er studierte nach mehreren Anläufen an der Schauspielschule in Frankfurt am Main und erhielt schon als Student Theaterrollen. Und er bekam ein Fernsehangebot: In der Serie Familie Heinz Becker – die als eine der erfolgreichsten Comedy-Serien der neunziger Jahre gilt – spielte Gregor Weber den spätpubertierenden Sohn. 2001 wurde er Tatort-Kommissar Stefan Deininger, der in Saarbrücken ermittelt, seit 2006 zusammen mit Maximilian Brückner. Die Folge „Heimatfront“ (2012) setzte sich kritisch mit der Rolle der Bundeswehr auseinander, wurde von Jochen Alexander Freydank inszeniert und sorgte für viele Diskussionen. Freydank hatte 2009 für Spielzeugland den Oscar für den besten Kurzfilm gewonnen. Weber spielte darin einen SS-Mann. Noch während seines Tatort-Engagements hat Weber auch eine Kochlehre beim Sternekoch Kolja Kleeberg begonnen und später den Bestseller Kochen ist Krieg veröffentlicht, in dem er die Zustände in Profiküchen beschreibt.

2011 wurde Weber als Kommissar entlassen. Er ging im Sommer dieses Jahres als Pressefeldwebel für einen dreimonatigen Einsatz nach Afghanistan, um Geld zu verdienen. Inzwischen versteht er sich als Buchautor. In seinem Debütkrimi Feindberührung behandelt er den Mord an einem ehemaligen Fallschirmjäger, der aus Afghanistan wiederkehrt. Der aktuelle Roman Keine Vergebung (Knaus)thematisiert die Machenschaften der deutschen Geheimdienste und Aktionen eines rechtsradikalen Terrorduos. Als Vorlage diente Weber der Mord des NSU-Trios an der thüringischen Polizistin Michèle Kiesewetter - der auch im derzeitigen Prozess verhandelt wird. Zurzeit arbeitet Weber an einem Sachbuch über seinen Afghanistaneinsatz. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern im Teenageralter in einem bayerischen Dorf. ML

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 18.12.2013
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

Ausgabe 43/2020

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