Stella Leder: „Wir lernten die Deutschen als Opfer kennen“

Interview Zum Jahrestag des Mauerfalls richtet sich der Blick stets auf Ost- und Westdeutschland. Die Autorin Stella Leder kennt beide Perspektiven. Sie erzählt von verfehlter Erinnerungskultur, Nazis in Ost und West – und von ihrer Stasi-Großmutter
Kann man in diesem Land sicher leben? Anschlagsziel Asylbewerberheim in Rostock 1992
Kann man in diesem Land sicher leben? Anschlagsziel Asylbewerberheim in Rostock 1992

Foto: dpa

Sie stammt aus einer weitverzweigten jüdischen Familie. Stella Leder ist die Enkelin des Schriftstellers Stephan Hermlin, eines Kommunisten, der 1936 nach Palästina emigrierte, unter anderem in Frankreich lebte und 1947 nach Ostberlin ging, wo er auch kritische Lyriker unterstützte. Ihre Mutter verließ später die DDR. Stella Leder, 1982 geboren, erzählt im Buch Meine Mutter, der Mann im Garten und die Rechten (Ullstein 2021) von ihrer Familie, in der es auch eine Stasi-Geschichte gibt, von der Schulzeit in Hessen und Nazis, die sie jagten.

der Freitag: Frau Leder, wie war Ihr Opa so?

Stella Leder: Ein feiner, zurückhaltender, stiller Mensch, der klare politische Positionen verfolgt hat. Bildung und Literatur waren ihm wichtig. Als ich zwölf Jahre alt war, stellte er entsetzt fest, dass ich das Kommunistische Manifest nicht gelesen hatte. Das hat mir meine Mutter dann zum nächsten Geburtstag geschenkt. Einmal habe ich mit ihm ein Gespräch über Nazis geführt, da sagte er: Du musst das analytischer sehen. Wenn du dich nicht mit der Weimarer Republik befasst, wirst du es nicht verstehen. Ansonsten gibt es eine hysterische Katzenliebe in der Familie, die mein Großvater geteilt hat.

Ihre Mutter ist im Jahr 1977 im Zuge der Biermann-Affäre aus der DDR ausgewandert.

Sie war schon vorher observiert worden. Der Druck hat aufgrund ihres Engagements für Biermann stark zugenommen.

Sie ging erst mal nach Westberlin, wo Sie 1982 zur Welt kamen. Wie haben Sie dann die Zeit nach dem Mauerfall erlebt?

Ich habe eine starke Sorge wahrgenommen: Was passiert jetzt eigentlich, was machen die Deutschen damit? Meine Mutter war entsetzt über den vollkommen eskalierenden Rechtsextremismus, die Anschläge in Mölln, Rostock-Lichtenhagen. Da war die Angst und diese Frage: Kann man in diesem Land eigentlich sicher leben?

Haben Sie als Kind diese Angst wirklich gespürt?

Klar. Angst und Wut. Wenn man aus einer Familie kommt, in der die Geschichte der Verfolgung eine so große Rolle spielt, kann man es nicht vom eigenen Leben trennen, wenn andere von Nazis bedroht oder verfolgt werden. Das ist die eine Seite, wie ich diese Zeit erinnere. Die andere ist: Wir lebten zur Zeit des Mauerfalls schon in Bremen, weit weg von der DDR. Ich wurde in meiner Umgebung westdeutsch sozialisiert, bin zu Hause aber natürlich mit Bezug zur Geschichte und Kultur der DDR aufgewachsen.

Was bedeutet das konkret?

Ich habe mich gewundert, wie in der Schule über die DDR gesprochen wurde. Im Prinzip war die Vorstellung: Alle freuen sich jetzt, dass sie endlich im Westen leben können. Die Leute sind dankbar, eigentlich hatten die gar kein richtiges Leben vorher. Ich hörte beschwichtigende Aussagen über meine Familie, in etwa: Aber ihr seid ja gar nicht so wie die eigentlichen Ostdeutschen, deine Mutter sieht nicht mal aus, als käme sie aus der DDR. Und ich dachte: Wer sind denn die „eigentlichen Leute“ aus der DDR? Die Leute dachten, die Menschen aus der DDR haben nichts gelesen und wissen nichts über Geschichte. Sie verstehen auch Politik nicht. In meiner Familie waren die meisten belesen und klug. Ich fand das cool, ich war stolz. Es hat mich erstaunt, dass selbst die Leute in Bremen, die zu Hause keine Bücher im Regal hatten, sagten: Wie schön, dass die Ostdeutschen endlich Zugang zu Literatur bekommen.

Der Umzug in ein hessisches Dorf war dann nicht nur geografisch eine Zäsur. Sie kamen in eine konservative Umgebung und waren mit offenem Rassismus konfrontiert.

Das war ich vorher auch. Es gibt keine Phase meiner Schulzeit, aus der ich nicht auch rassistische Szenen erinnere. Die Lehrer*innen sind teilweise brutal mit den Kindern umgegangen. Aber klar, das Dorfleben war für mich fremd. Ich kannte keine Frauen, die nicht gearbeitet haben. Und in meiner Familie ist Patchwork das normale Modell. Auf dem Land saßen die Frauen zu Hause.

Zur Person

Stella Leder studierte Kultur- und Literaturwissenschaften in Berlin. Sie arbeitet für NGOs zu Antisemitismus, Gender und Rechtsextremismus. Sie ist zudem Herausgeberin des Sammelbandes Über jeden Verdacht erhaben? Antisemitismus in Kunst und Kultur (Hentrich&Hentrich 2021)

Und dann waren die Nazis hinter Ihnen her ...

Meine Freundin hatte einem der Nazis von mir erzählt. Dann rannte er uns mit seiner Clique hinterher, sie bedrohten uns. Der Anführer dieser Gruppe ist in Hessen heute übrigens noch immer ein wichtiger Nazi. Die Dorfschweigegesellschaft wendete sich damals ab, bagatellisierte die Gewalt. Wir hatten niemanden, an den wir uns wenden konnten, keiner hat das ernst genommen. Diese rechtsextreme Gewalt, diese erkennbaren Nazi-Cliquen, das wurde alles heruntergespielt, nach dem Motto: Die sind irgendwie abgestürzt, es sind Jugendliche, die haben sich verrannt. Dasselbe Muster habe ich später immer wieder in meiner Arbeit gesehen in Ostdeutschland. Es gibt eine Tendenz, das Verhalten der Täter kleinzureden oder aber erklären oder verstehen zu wollen, anstatt zu versuchen, die Perspektiven der Betroffenen nachzuvollziehen und sie zu schützen. Bei allen Unterschieden: Da sind sich Ost und West ähnlich.

Wie wurde im Unterricht über die NS-Zeit geredet?

Da stand nicht der Holocaust im Zentrum, sondern das Leid der Vertriebenen, die Erfahrung der Bombardierung, der Hunger nach 1945. Das wurde ohne jeden Kontext vermittelt, sodass es den Kindern und Jugendlichen fast so schien, als seien die Großeltern zufällig oder unschuldig in diese Situationen geraten. Wir lernten die Deutschen als Opfer kennen. Wenn dann über den Nationalsozialismus geredet wurde, wurde es abstrakt, auf einmal fehlten regionale und familiengeschichtliche Bezüge, die es im Fall der Vertriebenengeschichten und so weiter immer gegeben hat. Später war ich aber auf Schulen, wo Regionalgeschichte thematistiert wurde, wie in Frankfurt am Main.

War dieses Milieu offener, was die Rolle der eigenen Familie in der Nazizeit angeht?

Wenn es um die eigene Geschichte ging, wurde es wieder dünn. Das ist aber kein westdeutsches Phänomen. Im Osten hat man sich früh dem Narrativ der „Sieger der Geschichte“ angeschlossen. Da wurde auch verschwiegen, was im eigenen Umfeld, erst recht in der eigenen Familie, geschehen ist. Es ging mehr um kommunistischen Widerstand als um die Shoa. Irgendwann wurde das Kapitel als abgeschlossen betrachtet. Es gibt eine große gesamtdeutsche Tradition des Fertigseins mit der Geschichte. Etwas zynisch zusammengefasst: Im Westen finden sie Opfer, im Osten Widerstandskämpfer. Nach Tätern sucht man in deutschen Familien vergeblich.

Sie wünschen sich eine andere, ehrlichere Erinnerungskultur. Wie könnte die aussehen?

Wenn von Erinnerungskultur gesprochen wird, denken viele an das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas oder an Reden im Bundestag am 27. Januar. Es entsteht der Eindruck, als seien die geschichtsrevisionistischen Thesen der AfD ein Sonderfall, obwohl in den ostdeutschen Bundesländern fast ein Viertel der Wähler ihre Zustimmung zu diesen Thesen seit Jahren in Wahlen Ausdruck verleiht.

Der Alltag ist widersprüchlicher als staatspolitische Reden?

Ja, Erinnerungskultur bedeutet an vielen Orten, am Volkstrauertag einen Kranz abzulegen auf einem Friedhof, auf dem auch SS-Angehörige begraben sind – wie es dann heißt –, in Erinnerung „an die Toten der beiden Weltkriege“. Wenn ich in Ostdeutschland unterwegs bin, höre ich oft, die Leute hätten die Nase voll von Erinnerung, da sie in der DDR so oft in Gedenkstätten gegangen seien. Die jüngste Person, die mir das erzählte, war nach 1990 geboren. Erinnerungsabwehr ist der Alltag jenseits der Arbeit von Historikern in Gedenkstätten oder Journalisten in angesehenen Zeitungen. Gut wäre eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem, was nach 1945 in den beiden Staaten erinnerungskulturell passiert ist. Übrigens würde ich mich nicht der Tendenz anschließen, die ostdeutschen Erinnerungsversuche zu belächeln. In der DDR hat man sehr früh angefangen mit dieser Arbeit. Wenn man im Vergleich auf denselben Zeitraum in der BRD schaut, vergeht einem das Belächeln.

Sie wurden als Jugendliche auch mit der ambivalenten Rolle Ihrer Großmutter konfrontiert. Was war der Grund?

Ich hatte als Kind so ein Bauchgefühl – irgendwas stimmt nicht. Meine Großmutter hatte mir seltsame Dinge über meine Mutter erzählt. Als ich 13 war, hat meine Mutter die Stasi-Akten zum ersten Mal eingesehen und mit nach Hause gebracht. Sie legte sie in den Schrank. Sie war anders als sonst. Als sie zur Arbeit gefahren ist, habe ich sie gelesen.

Und fanden heraus, dass Ihre Oma die eigene Tochter bespitzelt hat. Was fühlten Sie?

Im ersten Moment war ich erleichtert. Ich hatte mit diesem Gefühl gelebt, es gibt so einen doppelten Boden, als würde man in so einer Kulisse leben. Dahinter ist Pappe, aber man kommt nicht dahinter. Dann las ich die Akten und es machte Sinn! Meine Großmutter hatte mir Lügen erzählt, wollte mich auf ihre Seite ziehen und von meiner Mutter wegkriegen. Festzustellen, dass ein großer Teil meiner eigenen Geschichte Betrug ist, war eine schwindelerregende Erfahrung, vor allem, weil meine Großmutter geleugnet hat, was sie getan hatte.

Sie war linientreu und skeptisch gegenüber Stephan Hermlin, der seine Meinung sagte. Später sah sie auch Ihre Mutter als Gefahr für den Sozialismus. Konnten Sie das verstehen?

Ich fürchte, dass sie gedacht hat, dass sie das Richtige tut. Mein Großvater war nicht kontrollierbar, zu freigeistig, unabhängig, kritisch. Für meine Großmutter stand die Frage im Raum: Ist er denn wirklich ein echter Sozialist? Und bleibt er das? Wie beeinflusst er seine Tochter? Das war natürlich antisemitisch konnotiert.

Ein berühmtes Zitat aus dem „Kommunistischen Manifest“ spielte in Ihrer Familie eine Rolle. Warum?

Ja, „... worin „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“. Mein Großvater hat geschrieben, er habe die Textstelle falsch gelesen. Er habe gedacht, es bedeute, dass die freie Entwicklung der Gesellschaft Vorraussetzung für die Freiheit des Einzelnen sei. Meine Mutter zitierte den Satz in der Begründung für ihren Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR. Sie war links und demokratisch, oder, wie sie selbst sagte: Ihr war die DDR nicht sozialistisch genug.

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Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Kultur
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