Auf Wiederhören

Pop Unsere Autorin fand Sting charmant langweilig. Doch seine Duette sind eine andere Liga

Dieses Lied mit der tickenden Uhr, Russians, hörten wir oft nach der Schule. „Mister Khrushchev said, ‚We will bury you‘ / I don’t subscribe to this point of view …“ Es war Mitte der 80er Jahre, Ostberlin, ich war ein Kind. Damals lief auch dauernd Ich beobachte Dich, ein Song von Jessica, einer DDR-Kombo. Klang irgendwie unheimlich. Später hörte ich das Original von Police, im Knaack-Club war es so lonely, aber da war Sting schon gar nicht mehr bei Police, sondern als Solokünstler unterwegs. Keine Post-Punk-Newcastle-Werftarbeiter-Wut mehr, sondern innere Einkehr, beinahe esoterisch. Stings Vater war Milchmann, aber der Sohn wollte nicht zur Arbeiterklasse gehören, sondern Bücher lesen. Er schrie trotzdem erst mal alles raus. In den 90ern sang Sting also von der Seele, die unser Pilot sein sollte, davon, wie zerbrechlich wir alle sind. Tja. Charmante Langeweile. Bis 1999 die Bombe einschlug. Desert Rose.

Arabische Klänge, die Stimme von Cheb Mami, dem algerischen König des Rai, mit seiner aussichtslosen, aber elektrisierenden Sehnsucht. Sting singt, nur eben vor diesem großartigen Sound. Er träumt von Regen, von Liebe. Ohne Cheb Mami wäre es ein normaler Song, so wurde er zur Hymne. Er musste auf Stings neues Album Duets. Man kann es eine Reise nennen – oder den Versuch, in Corona-Zeiten irgendwas zu machen, nicht steckenzubleiben. Sting ist bekannt für Kooperationen, genreübergreifenden Sound. Nun sind Mary J. Blige, Herbie Hancock, Annie Lennox und andere, mit denen er in den Jahren gearbeitet hat, auf einer Platte versammelt. Mit Melodie Gardot, der in Paris lebenden amerikanischen Jazzsängerin, nahm Sting vor Kurzem Little Something auf, einen leichten Song, es geht darum, den Augenblick zu leben. Auch September wurde als Reaktion auf die Pandemie geboren, Sting hat es zusammen mit Zucchero gemacht, der Brite und der Italiener sind seit 30 Jahren befreundet, ihre toskanischen Weinberge liegen nahe beieinander. Mit dem französischen Chansonnier Charles Aznavour hat Sting von L’amour gesungen, natürlich, jener Liebe, die wie ein Tag ist, kommt und geht. Es hat nichts Kitschiges, mit britischem Akzent verleiht Sting der französischen Schwermut angenehme Leichtigkeit.

Was macht Shaggy hier?

Und so driftet man durch sehr gegensätzlichen Welten auf diesem Album. Wie kommt zum Beispiel Shaggy zu Sting? Beide nahmen im Jahr 2018 ein gemeinsames Album auf – das erste Lied war Don’t make me wait, im Ragga-Style produziert. Es geht um diesen Moment, wo man jemanden sieht und weiß: Könnte was werden. In seinen Liedern suche er nach dem Sinn des Lebens, sagt Sting in der sehenswerten Arte-Dokumentation Sting: Grenzgänger und Freigeist (2021). Auch nach dem „Unerreichbaren, dem mysteriösen Weiblichen“, näher konnte oder wollte er es nicht beschreiben. Der 69-Jährige braucht (musikalische) Überraschungen – um nicht an der Endlichkeit zu verzweifeln. Jazz, Pop, Funk, Weltmusik, Klassik – dieses Crossover tut den Stücken gut, man muss sie nicht gleichermaßen mögen. Eigentlich gar nicht so schlecht, Stings Stimme wieder zu hören, solange sie von anderen flankiert wird. Nach 40 Jahren Karriere, mehr als 100 Millionen Tonträgern, 17 Grammys und einem Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood: What’s next? Diese Frage stelle er sich immer. Sting ist keineswegs satt. Wer satt von Sting war, kann dieses Album hören.

Duets Sting Interscope/Universal

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 19.03.2021
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

Ausgabe 19/2021

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