„Ich werde nicht ernst genommen“

Interview Julie Delpy ärgert sich über Hollywoods Männerklüngel und lügende Anwälte. Als Regisseurin fühlt sie sich in den USA benachteiligt
„Ich werde nicht ernst genommen“
Julie Delpy redet am liebsten Klartext. Ihr neuer Film ist Science-Fiction über das Klonen

Foto: Gareth Cattermole/Contour/Getty Images

Das Interview findet im Soho House in Berlin-Mitte statt, unten im Foyer sitzen Hipster mit Mac, Filmstars der Berlinale feiern hier auf der Dachterrasse ihre Exklusiv-Partys. Julie Delpy sitzt in einem Raum, der wie ein Salon wirkt: bordeauxfarbene Samtsofas, eine Bibliothek und Stühle im Louis-XIV-Stil. Delpy, 49, trägt diese typische schwarz umrandete Intellektuellen-Brille, die Haare sind lässig zum Knoten gebunden, schwarzes Oberteil mit Spitze, weiter Rock. Sie lächelt nicht. „Bonjour!“– „Hello“, sagt sie.

der Freitag: Frau Delpy, wollen wir abhauen, in eine der 90er-Jahre-Bars gehen, um die Ecke

Julie Delpy: Wieso? Gefällt Ihnen das Soho nicht?

Très chic.

Oh, ich finde das angenehm. Ich führe normalerweise kein sehr luxuriöses Leben. Wenn ich mal drei Tage in so einem Hotel bin, dann fühle ich mich wie eine Prinzessin. Danach bin ich wieder der Frosch.

Ihr neuer Film dreht sich um eine Genetikerin, die ihre tote Tochter klonen möchte. Eine makabre Entscheidung.

Das ist auch mutig. Sie begibt sich auf unbekanntes Terrain, als Frau! Meist sind es doch die Männer, die das Unmögliche versuchen. Die Frau ist vernünftig, weise, trifft kluge Entscheidungen. Sie ist die Mama, die alles versteht. Die beruhigend wirkt. Im Kino wird die Welt meist aus den Augen des Mannes betrachtet – und Männer haben Angst vor einer Frau, die etwas riskiert. Die für sich eine Entscheidung trifft, die andere vor den Kopf stößt.

Sie weiht den Vater des Mädchens nicht in ihr Vorhaben ein, das ist egoistisch.

Ja, es ist gewaltsam, was sie tut, vor allem für ihren Ex-Mann. Sie löscht ihn aus, so als habe er nichts damit zu tun. Sie erschafft sich ihre eigene, neue Tochter. Für sie ist das eine Form von Freiheit.

Diese Frau ist privilegiert, kann sich das Klonen in der Moskauer Klinik leisten.

Ja, andere wissen nicht einmal, dass solche illegalen Kliniken existieren. So ist unsere Welt, vollkommen ungerecht und unfair.

Sie will den Verlust ungeschehen machen. Was halten Sie von technologischem Fortschritt?

Ich will das gar nicht moralisch werten, sondern mich dem Thema Klonen auf emotionale Weise annähern. Ich habe sehr viele amerikanische Studien und Artikel dazu gelesen – und gemerkt: Es geht um Gefühle, sogar beim Klonen von Stammzellen.

Man hat es immer mit Menschen zu tun.

Ja, es ist ein Fehler, das zu ignorieren. Bisher waren die, die ein Organ ihres Verwandten gespendet haben, für die Empfänger anonym. Auch von den Spendern wusste man keine Namen. Aber man hat herausgefunden, dass die Leute wissen wollen, wer das Herz ihres Sohnes trägt, wer es gespendet hat. Nun wurden solche Treffen organisiert, auf denen sich beide Seiten kennenlernen können. Man redete, lachte, umarmte sich sogar.

Die Idee zu Ihrem Film treibt Sie schon seit 25 Jahren um. Wie ist sie eigentlich entstanden?

In einem Gespräch mit dem Regisseur Krzysztof Kieślowski, wir redeten über seine Dekalog-Reihe, über Tod und Vertrauen, Schicksal, Computer, Elternsein. Als ich selbst Mutter wurde, fing ich mit dem Drehbuchschreiben an. Mutter werden war wundervoll und schrecklich, Segen und Fluch. Ich hatte jeden Tag Angst, mein Kind zu verlieren.

Sie zeigen im Film, wie es laufen kann, wenn Eltern das Sorgerecht teilen. Da ist so viel Frust und Hass zwischen ihnen.

Ja, sie teilen das Kind in gewisser Weise in zwei Hälften, so wie es König Salomon in seinem Urteil tat. Ich habe selber eine Trennung und einen Sorgerechtsstreit erlebt, das hat mir noch mehr Angst gemacht, mein Kind zu verlieren.

Karriere 1, Karriere 2

Im Alter von 14 Jahren wurde Julie Delpy von Regisseur Jean-Luc Godard für den Film entdeckt. Er gab ihr in Détective (1985) eine kleine Rolle. Sie kam 1969 in Paris als Tochter der Theaterschauspieler Marie Pillet und Albert Delpy zur Welt, sie nahmen sie oft mit ins Theater. Anfang der neunziger Jahre ging Julie Delpy für ein Regiestudium nach New York und zog 1992 nach Los Angeles. Zu ihren herausragenden Filmen gehört Volker Schlöndorffs Homo Faber (1991). Max Frisch, der Autor des Buches, war von Delpy für die Rolle der Tochter sehr angetan, sie sei „eine Günderrode, sie hat das Gesicht einer Romantikerin“. Sie spielte in Krzysztof Kieślowskis Drei Farben: Weiß (1994) und Jim Jarmuschs Broken Flowers (2005).

Berühmt wurde die sich über 18 Jahre erstreckende Trilogie Before Sunrise (1995), Before Sunset (2004) und Before Midnight (2013) mit Ethan Hawke als Filmpartner und Richard Linklater als Regisseur. Für die beiden letzten Teile erhielt sie ein Oscar-Nominierung für das beste adaptierte Drehbuch. Zudem erhielt sie für ihre Darstellung im Jahr 2014 eine Golden-Globe-Nominierung. In ihrer zweiten Karriere hat sie sich als Regisseurin etabliert, u. a. mit der Komödie 2 Tage Paris (2007), in der ihre Eltern mitspielen. Dann folgten Die Gräfin mit Daniel Brühl (2009) sowie weitere Komödien wie Lolo – Drei ist einer zu viel (2016). Delpy erhielt 2017 den Europäischen Filmpreis für die Beste europäische Leistung im Weltkino.

Wie läuft es bei Ihnen?

In meinem Leben ist es alles geregelter, da ist kein Drama, kein Hass, keine Wut zwischen uns Eltern, anders als im Film. Aber ich weiß, dass es kippen kann.

Kennen Sie das Wort „Helikoptermutter“?

Klar. Sogar als Französin.

In den USA, da leben Sie seit mehr als 20 Jahren, seien Kinder „kleine Herrscher“, stellten Sie einmal fest.

Ich bin meinem Sohn sehr nahe. Meine französische Mutter war auch sehr eng mit mir, mein Vater nannte sie „Pelikanmutter“. Das ist die, die den Nachwuchs bis zur Selbstaufopferung aus dem eigenen Kropf füttert. Meine Mutter war fürsorglich – gleichzeitig war sie sehr frei. Ich bin viel mehr auf meinen Sohn ausgerichtet, als sie es damals auf mich war.

Sie sind zu einer Filmpremiere nach Berlin geflogen, da war Ihr Sohn gerade vier Monate alt.

Ja, ich stand damals sehr unter Druck. Es war eine schlimme Zeit in meinem Leben. Zwei Tage später ist meine Mutter an Krebs gestorben. Nachdem ich sie verloren hatte, dauerte es eine Weile, bis ich mich langsam aufraffen und die Fackel wieder nehmen konnte.

Klingt nach Jeanne d’Arc.

Meine Mutter war Aktivistin. Mein Vater kämpfte mit ihr gemeinsam für die sexuelle Befreiung der Frauen, für eine soziale Revolution. Es ist sehr wichtig, Männer in diesen Kampf miteinzubeziehen. Mein Vater sagte immer: „Die Freiheit der Frauen ist die Freiheit der Männer.“ Er hasste diese frustrierten 50er-Jahre-Jungs, die entweder unglücklich in ihrer Beziehung oder schwul waren, ohne es sagen zu dürfen. Die nicht weinen oder schreien durften und mit 40 einen Herzinfarkt bekamen.

Sie stammen aus einer Familie von Künstlern, in der beide Eltern Theaterschauspieler waren.

Ja, sie haben mich als Kind oft mit ins Theater genommen.

Wer hat zu Hause abgewaschen?

Mein Vater hat genauso im Haushalt mitgeholfen, er machte sogar mehr als meine Mutter. Er hat jeden Tag gekocht, ging einkaufen, Dinge, die sonst Frauen tun. Meine Mutter machte mit mir Hausaufgaben und manchmal putzte sie. Mein Vater hatte keinen Funken Macho in sich. Er sagte mir immer: „Du kannst alles sein, was du willst! Du bist so kreativ wie ein Mann.“ Ich kannte keine Grenzen. Wenn meine Mutter mehr verdiente als er, war er glücklich. Für manche ist das heute noch ein Problem.

Die Rolle der Männer wandelt sich, viele wollen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen.

Ich beobachte diese neue Generation von Männern, sie sind ein bisschen verloren. Sie wissen nicht mehr so richtig, wo ihr Platz ist, wie sie sich definieren sollen.

Ich finde sie selbstbewusst.

Ja, aber es ist schwer für sie, sich von Erwartungen zu lösen, die seit Generationen auf ihnen liegen.

Sie wurden mit romantischen Komödien weltberühmt, wie der „Sunset“-Trilogie. Aber darauf soll man Sie nicht festlegen.

Die Geschichte, die ich jetzt erzähle, ist anders, als es von mir erwartet wird. Aber ich interessiere mich nicht für die Erwartungen der Gesellschaft, ich habe immer nach meinen Prinzipien gelebt.

Es hat sechs Jahre gedauert, bis Sie den Film realisieren konnten. Woran lag es?

Es war nicht klar, ob mein neuer Film erfolgreich sein würde, so wie die Komödien. Es war ein Risiko. Einmal saß ich mit einem Anwalt und Produzenten zusammen und wir redeten über die Finanzierung. „Okay, lasst uns jetzt hier nicht zu emotional werden“, sagte er. Ich sagte: „Was soll daran emotional sein, wir reden hier über Geld?“ Aber das erlebe ich in den USA häufiger.

Sexismus?

Ja – und Anwälte, die Gauner sind, die lügen, stehlen, manipulieren. Dann sind auf den letzten Drücker auch noch Investoren von meinem Projekt abgesprungen. Es war hart.

Daniel Brühl kam zu Hilfe und hat den Film mitproduziert. Er spielt selber den Arzt, der das Kind klont. Sie sind seit Langem mit ihm befreundet. Was mögen Sie an ihm?

Daniel war immer sehr respektvoll, was meine Arbeit, meine Ideen und Projekte angeht. Er wurde von guten Leuten erzogen, seine Mutter ist ein sehr wichtiger Mensch in seinem Leben. Wir lachen sehr viel, wenn wir zusammen sind. Bei der Gräfin hatte ich Bauchkrämpfe vor Lachen. Ich arbeite sehr gerne mit Menschen zusammen, die ich mag. Das ist mir wichtig.

„Man muss ehrlich sein, wahrhaftig“. Hat Julie Delpy (r.) übers Filmemachen gelernt

Foto: Warner Brothers

Sie sagen, es sei in Frankreich normal, dass Frauen Regisseurinnen seien ...

Ja, mein Vater schwärmte oft von Agnès Varda. In den USA werden sie für Idiotinnen gehalten, denen man nicht vertrauen kann. Und auch ich werde dort als Regisseurin von den Männern nicht ernst genommen. Es ist ein ewiger Kampf. Das hat auch damit zu tun, dass ich sehr offen feministische Dinge sage. Zum Beispiel, dass zu viele weiße alte Männer in der Academy of Motion Picture Arts and Sciences sitzen.

Aber das ändert sich ja langsam.

Ja, aber wir sind in den USA noch weit entfernt von gleicher Bezahlung. Amerikaner mögen es nicht, wenn man mit solchen Forderungen nach draußen geht. Ich bezahle jetzt den Preis. Sie stimmen mir zu, ändern ihre Gewohnheiten, stellen mehr Frauen ein. Aber es hat für manche Männer eben noch diesen bitteren Nachgeschmack, dass ich es schon vor Jahren gefordert habe. Ich bin die Nervensäge. Dabei tue ich nur, was meine Eltern mir beigebracht haben.

Volker Schlöndorff hat Sie Anfang der 90er Jahre in seinem Film „Homo Faber“ besetzt. Wie war es, mit ihm zu arbeiten?

Volker war ein sehr angenehmer Regisseur, er unterstütze mich als Schauspielerin, und dann später als Regisseurin. Als wir Anfang der 90er Homo Faber gedreht haben, war er sehr bewegt von der Geschichte. Sam Shepard, mein Filmpartner, war launisch, er hatte ein Alkoholproblem. Er wurde wütend, wenn er trank. Es war schwierig, das auszuhalten, vor allen Dingen für Volker. Einmal gab es eine Szene, in der ich weinen sollte, aber es ging nicht. Ich war blockiert. Sam war so harsch zu mir. Dann kam er vor dem Dreh zu mir und sagte: „Julie, du musste es tun, du musst in dieser Szene weinen. Du bist noch jung, aber es wird einen Moment im Leben geben, wo du merkst, dass du alles falsch gemacht hast.“ Danach heulte er wie ein Schlosshund.

Wie ging es weiter?

In diesem Moment habe ich etwas Tiefgreifendes übers Filmemachen verstanden: Es geht natürlich um Unterhaltung, es geht aber auch um deine eigene Geschichte. Man muss ehrlich sein, wahrhaftig.

Inwiefern fühlen Sie sich amerikanisch?

Ich bin Halbamerikanerin und ich identifiziere mich damit. Ich habe beide Pässe, gehe wählen und zahle in den USA meine Steuern. Aber es ist nicht meine Kultur, ich mag sie nicht. Ich liebe manche Intellektuelle, aber nicht diese Popkultur-Amerikaner.

Ihr Sohn ist zehn Jahre alt, geht in L.A. zur Schule. Was sagen die Lehrer da, „you’ re great“?

Die Lehrer puschen Kinder, Dinge zu tun: Let’s do it. Aber sie sehen auch nicht alles nur positiv. Mein Sohn hat einen weiten Blick auf die Welt, wir sind oft in Europa. Er hat einen Sinn für die verschiedenen Kulturen. Er macht den ganzen Tag Musik, spielt keine Videogames. Er hört die Beatles, Doors, jetzt gerade The Clash – ich muss ihm gar nichts beibringen. Er interessiert sich einfach nicht für die Charts, er ist da eher der „europäische Junge“. Er trägt schwarze Hosen, schwarze T-Shirts, enge Stiefel. Die Mädchen sagen: Du sprichst Französisch? Und er, leise: „Oui.“

Wie ist es für Sie in Kalifornien?

Ich lebe eher zurückgezogen, gehe selten aus. Ich kommuniziere nicht so häufig mit den Leuten, ich bin nicht sehr sozial. Ich bin eher schüchtern.

Schwer zu glauben.

Ich meine damit, ich werde in sozialen Situationen oft nervös oder ängstlich. Ich weiß dann immer nicht, wie ich mich verhalten soll. Smalltalk ist nicht meine Sache. Da muss ich noch besser werden.

Man kann es auch lassen.

Ich vermisse das gar nicht, nur mein Mann würde gern häufiger mit mir ausgehen. Aber ich bin am liebsten zu Hause, schaue mir einen Film an und gehe um neun ins Bett.

06:00 24.11.2019
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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